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Von wegen brav: "Schwejk" feiert Premiere in Augsburg | BR24

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Die literarische Figur des Soldaten Schwejk ist fester Bestandteil des kulturellen Selbstverständnisses unserer tschechischen Nachbarn. Eine Bühnenfassung feiert jetzt in Augsburg Premiere.

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Von wegen brav: "Schwejk" feiert Premiere in Augsburg

Antiheld, Anarchist oder einfach der größte Trottel der Weltliteratur? Der "brave Soldat" Schwejk lässt viele Interpretationen zu. Jetzt kommt diese tschechische Nationaldichtung in Augsburg auf die Bühne: zweisprachig und mit binationalem Ensemble.

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Jaroslav Hašeks "Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg" gilt vielen als der Schelmenroman schlechthin. 1923 erschienen, wurde das Buch in zahlreiche Sprachen übersetzt. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden Bühnenfassungen, Hörspielversionen und Verfilmungen. Das Staatstheater Augsburg unternimmt jetzt mit "Švejk / Schwejk" den Versuch, sich dem Topos des vermeintlich braven Soldaten an einem dreiteiligen Theaterabend zu nähern. Am Freitag (21.2.) ist Premiere im Rahmen des Brechtfestivals.

Zusammenarbeit mit den Städtischen Bühnen Prag

Regie führt Armin Petras, der ehemalige Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Er beleuchtet den Stoff unter biografisch-zeitgeschichtlichen Gesichtspunkten. Entstehung, Bearbeitung und Weiterentwicklung der Schwejk-Figur sollen erkennbar werden - und das in Zusammenarbeit mit den Städtischen Bühnen Prag, dem Kooperationspartner des Augsburger Staatstheaters.

Ausgangspunkt ist Bertolt Brechts unvollendetes Drama "Schweyk im Zweiten Weltkrieg", das in bearbeiteter Fassung erst nach seinem Tod uraufgeführt wurde - mit Bühnenmusik von Hanns Eisler. Brechts Schwejk-Version fiel allerdings bei der Kritik durch, weil er die Handlung im Zweiten Weltkrieg ansiedelte. Nur war das NS-Regime eben kein Operettenstaat, wie eine polnische Zeitung dazu notierte.

Inszenierung zeigt Making-of des Brecht'schen Schwejks

Petras konzentriert sich auf die Entstehungsgeschichte der Brecht-Fassung. So rückt deren künstlerisches Defizit in den Hintergrund. Der Regisseur zeigt in Augsburg "das Making-of dieses Stückes: Es geht um Erwin Piscator, um Brecht selber, um Ruth Berlau, um viele Freunde und Kampfgefährten des linken Berlins aus den 20er Jahren."

Der zweite Teil der Augsburger Inszenierung besteht aus biografischen Episoden, die das Leben des Schwejk-Erfinders Jaroslav Hašek nachzeichnen. Im Mittelpunkt steht die Frage, was Hašek letztlich dazu gebracht hat, seine persönlichen Erfahrungen in der österreichisch-ungarischen Armee in Romanform zu bringen.

Aufführung in Augsburg auf Deutsch und Tschechisch

Dieser Teil des Theaterabends ist stark von Filmaufnahmen geprägt, die die Zuschauer in die tschechische Heimat des Schriftstellers führen, wie Petras deutlich macht: "Wir haben sechs Filme in Prag gedreht, die sich mit der Biografie von Hašek auseinandersetzen. Wie ist der Autor des Schwejks so geworden, wie er geworden ist? Warum hat er diesen Schwejk geschrieben?"

Den Schlüssel zum Verständnis dieser tschechischen Nationaldichtung sieht Petras in der Auseinandersetzung mit dem Leben des Schriftstellers – und mit dessen Muttersprache. Auf der Bühne wird Deutsch und Tschechisch gesprochen, die Ensemble-Mitglieder kommen aus beiden Ländern.

Schwejk mehr als ein "ulkiger Mann, der sich durch Krieg laviert"

Mit diesem Ansatz will der Regisseur einem Grundproblem klassischer Schwejk-Inszenierungen entgehen, "nämlich, dass es ein netter, dicker, ulkiger Mann von 1914/15 ist, der sich irgendwie durch den Krieg laviert". So hat Hašek seinen Schwejk aus Sicht von Petras eben nicht gemeint.

Tatsächlich spricht viel dafür, Schwejk nicht in erster Linie als einen tollpatschigen Soldaten zu verstehen, der mit allerlei Tricks einen Front-Einsatz abwendet. Hašeks Roman lässt sich auch und vor allem als Geschichte der Auflehnung lesen - gegen eine Donaumonarchie, die ihre tschechischen Untertanen vor allem als Kanonenfutter ansah.

Dritter Teil der Schwejk-Inszenierung lockt mit Uraufführung

Den Abschluss der Schwejk-Trias bildet ein Werk von Petra Hůlová, das in Augsburg uraufgeführt wird. Die tschechische Erfolgs-Autorin untersucht die Rezeptionsgeschichte der Figur – und das in einer Form, die alle Darsteller zu einem großen, vielstimmigen Schwejk verschmelzen lässt.

Mehr Infos zur Augsburger Schwejk-Inszenierung und weitere Aufführungstermine finden Sie hier.

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