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Von Voltaire bis NSU – Geschichte des Rassismus in Deutschland | BR24

© picture alliance/Geisler-Fotopress/ Michael Ellguth

Symbolbild: Gedenkmarsch zur Erinnerung an die afrikanischen Opfer von Sklavenhandel, Sklaverei und Kolonialisierung in Berlin 2015

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    Von Voltaire bis NSU – Geschichte des Rassismus in Deutschland

    Zwangstaufen in Spanien, antisemitische Denker der Aufklärung: Auch wenn nach dem Mord an George Floyd die ganze Welt über Rassismus in den USA diskutierte, zeigt ein Blick in die Geschichte: Auch Deutschland hat ein Problem.

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    Es ist das 15. Jahrhundert in Spanien. Christliche Soldaten erobern Andalusien von den Muslimen zurück und haben plötzlich mit hunderttausenden jüdischen und muslimischen Bewohnern in ihrem Herrschaftsbereich zu tun. Sie werden vor die Wahl gestellt: Konversion oder Vertreibung. Doch was folgt, führt zur Geburtsstunde des modernen Rassismus, sagt der Politikwissenschaftler Ozan Zakariya Keskinkılıç von der Humboldt-Universität Berlin. Denn die Konversion habe sie nicht vor anschließender Diskriminierung und Verfolgung geschützt. "Weil sich ein juristisches Konzept etabliert hat auf der iberischen Halbinsel, was 'limpieza de sangre' genannt wurde, das heißt aus dem Spanischen übersetzt, die Reinheit des Blutes. Es wurde unterschieden nach reinem Blut und unreinem Blut. Also Menschen aufgrund ihrer Abstammung galten als unrein."

    Taufe schützte nicht vor Diskriminierung

    Obwohl viele Juden und Muslime konvertierten, wurden sie nicht als ebenbürtige Christen wahrgenommen. Juden wurden als Conversos bezeichnet, Muslime als Moriscos. Die Konversion schützt sie nicht vor Anfeindung. Aus der religiösen Diskriminierung wird eine biologistische, rassistische. Es gab einen Makel, der in ihrem Mensch-Sein selbst lag und den sie nicht ablegen konnten. Dem Politikwissenschaftler Keskinkılıç nach folgt daraus eine Massenvertreibung. Der spanische Herrscher Philip II. ließ im 16. Jahrhundert 300.000 Moriscos an die Küsten Nordafrikas vertreiben. "Wir sehen also, dass sich an diesem Beispiel Religion mit dem Konzept Rasse bereits prototypisch vermengt hat und dass hier Biologie plötzlich ins Spiel kommt, nicht wie Menschen sich selbst verstehen, sondern wie sie von außen wahrgenommen werden und entsprechend damit ihre Diskriminierung und Vertreibung gerechtfertigt wird."

    Voltaire hetzt offen gegen Juden

    Dieses Verständnis breitete sich in ganz Europa aus. In Deutschland wurde es von Denkern der Aufklärung wie Immanuel Kant oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel übernommen. Auch Voltaire, einer der wichtigsten Vordenker der Aufklärung äußerte sich ähnlich, sagt Ozan Keskinkılıç . "Der hat offen gegen Juden gehetzt. Türken hat er neben der Pest als größten Fluch auf der Welt bezeichnet. Ein Zitat: Es reicht nicht, sie zu demütigen, sie sollten zerstört werden."

    Es sei darum gegangen, eine Politik der Ausbeutung zu legitimieren, sagt Tahir Della, von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. "Weil man eine moralische Rechtfertigung brauchte um den afrikanischen Kontinent zu kolonisieren, zu missionieren und Menschen zu versklaven."

    Bismarck als Geburtshelfer des deutschen Kolonialismus

    Schon im 17. Jahrhundert waren Berlin und Brandenburg in den Sklavenhandel involviert. Aber so richtig ging es im 19. Jahrhundert los. Bismarck argumentierte lange dagegen, wurde später aber zum Geburtshelfer des deutschen Kolonialismus. Die Kongo-Konferenz, die von 1884 bis 1885 stattfand war der Beginn der deutschen Kolonialherrschaft, so Tahir Della. Deutschland sei dabei ein "ganz zentraler Akteur" gewesen. Es sei auch nicht nur um Afrika, sondern auch um Ozeanien oder Papua-Neuguinea gegangen.

    Deutschlands "koloniales Projekt", wie Della es nennt, war zwar von relativ kurzer Dauer und endete 1919. Aber Deutschland hatte 1914 gemessen an der Fläche das drittgrößte Kolonialreich nach Großbritannien und Frankreich. Zu den vom Deutschen Reich besetzten Gebieten gehörten Tansania, Burundi, Ruanda, Kamerun und Togo und ein Teil des heutigen Mosambik. Und der deutsche Kolonialismus war nicht weniger brutal als der englische oder französische, so Tahir Della: "Es gab sowohl unter den anderen Kolonialmächten wie auch in Deutschland Ausbeutung, Versklavung." Außerdem habe keine dieser Nationen jemals Verantwortung übernommen für 500 Jahre Kolonialisierung.

    Genozid an den Herero und Nama

    Bismarck erklärte bei der Konferenzeröffnung, Ziel sei es, "den Eingeborenen Afrikas den Anschluss an die Zivilisation zu ermöglichen." Das Resultat war jedoch ein anderes. Die sogenannte Schutztruppe vernichtete Dörfer, enteignete, vergewaltigte und verbrannte Felder. An den Herero und Nama verübten deutsche Soldaten von 1904 bis 1909 den ersten deutschen Genozid. In Auftrag gegeben haben soll ihn Lothar von Trotha, ein preußischer General, von dem diese Worte überliefert sind: "Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen."

    Zu dieser Zeit – Jahrzehnte vor den sogenannten Rassegesetzen der NS-Zeit – entstanden auch die deutsche Rassenverordnungen. Damit sollte die Reinheit der germanischen Rasse gewährleistet werden. Es gibt Kontinuitäten im Denken, die von der 'limpieza de sangre' im 15. Jahrhundert in Spanien bis zur Shoah reichen. Und diese Strukturen im Denken verschwinden nicht einfach, sagt Ozan Zakariya Keskinkılıç. Die Identitäre Bewegung und andere rechte Gruppen beziehen sich immer wieder auf die Reconquista in Spanien: "Wir sehen also, dass 1492 nicht einfach ein iberisches Phänomen ist und auch nicht in den Geschichtsbüchern verstaubt, sondern die Vergangenheit lebt weiter und beeinflusst unsere Gesellschaft bis heute."

    Vorurteile haben in Deutschland eine lange Geschichte

    Vorurteile und rassistische Einstellungen gegenüber Sinti und Roma, Juden, Muslimen und schwarzen Menschen kommen nicht aus dem Nichts. Sie haben auch eine deutsche Vorgeschichte. Im 20. Jahrhundert kamen noch andere Rassismen dazu: gegenüber asiatisch-stämmigen Menschen, gegenüber sogenannten Gastarbeitern aus der Türkei, aus Griechenland und dem Balkan, gegenüber Menschen aus Nordafrika und seit 2015 vermehrt gegenüber Geflüchteten.

    Dieser Rassismus hat sich auch immer wieder in Gewalt entladen: 1992 kam es zu rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen vor einem Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter. 1993 setzten Neonazis das Haus einer Türkei-stämmigen Familie in Brand und töteten fünf Menschen. Zwischen 2000 und 2007 tötete die rechts-extreme Terrorgruppe "National-Sozialistischer Untergrund" (NSU) zehn Menschen. 2020 ermordete ein von rechten Verschwörungstheorien beeinflusster Mann zehn Menschen in einer Shisha-Bar. Nach den Worten des Aktivisten Della lässt sich in der Geschichte immer wieder beobachten, wie die Mechanismen sehr ähnlich seien, aber die Wirkung sich durchaus verändern könne. Er setzt Hoffnung in die Diskussionen, die die Black Lives Matter Bewegung ausgelöst hat. Denn, wenn wir uns nicht mit diesem Thema auseinandersetzen, wird es uns noch lange begleiten, so Tahir Della . Denn: "Menschen werden nicht ruhen, bis rassistische Verhältnisse abgeschafft sind."

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