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© Brinkhoff/Mögenburg Hamburgische Staatsoper
Bildrechte: Brinkhoff/Mögenburg Hamburgische Staatsoper

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Von Märchen wird man nicht schwanger: "Frau ohne Schatten"

Es ist die wohl exaltierteste Oper von Richard Strauss: In der "Frau ohne Schatten" (1919) geht es um einen Gebärstreik, Erotikträume und Männerfantasien. In Hamburg versuchte Andreas Kriegenberg eine Interpretation. Nachtkritik von Peter Jungblut.

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Ganz schön hysterisch, diese "Frau ohne Schatten", aber damals war ganz Europa überspannt, ja fiebrig erregt. Richard Strauss schrieb die Musik mitten im Ersten Weltkrieg, als der Kontinent total durchdrehte und der Wahnsinn zur Methode wurde. Entsprechend irre hört sich diese Oper an, und entsprechend verstiegen ist die Handlung um zwei Frauen, die sich weigern, schwanger zu werden: Ganz viel Psychoanalyse, eine Prise Traumdeutung, etwas Ehe-Hygiene, eine Spur schwüle Erotik, sentimentaler Geschlechterkampf, absurde Männerfantasien, jede Menge unterdrückte Aggressionen.

Überfrachtetes Sozialdrama

Kurz und gut: Ein dankbares Feld für Regisseure und Dirigenten, denn die "Frau ohne Schatten" ist heutzutage wirklich nur noch genießbar, wenn sie zupackend interpretiert wird, sei als Satire, als Tragödie oder als Farce - nur bitte nicht ernst nehmen, dann wird es unerträglich. Das war das Problem der Inszenierung von Andreas Kriegenburg an der Hamburgischen Staatsoper. Er zeigte ein reichlich überfrachtetes Sozialdrama: Arme Frau träumt sich in eine Märchenwelt und vergisst darüber ihre häuslichen Pflichten, speziell ihre Gebärmutter.

Gespenster unter Drogen

Eine symbolbeladene Wendeltreppe verbindet den schäbigen Alltag mit dem verheißungsvollen Geisterreich, aber es lohnt sich eigentlich gar nicht, die vielen Stufen ins Paradies zu erklimmen. Da oben tummeln sich nämlich nur jede Menge weiße Gespenster in denkbar hässlichen Klamotten. Sie alle stehen offenbar unter Drogen und mache komische Bewegungen. Nun ist es ja tatsächlich so, dass sich Menschen aus ihrem Elend gern in bessere Welten hinein träumen, Bollywood-Filme sind dafür ja das beste Beispiel, aber diese Botschaft allein ist für so ein vielschichtiges und sperriges Werk wie die "Frau ohne Schatten" arg dürftig.

Akupunktur-Nadeln in den Himmel

Am Ende tummelten sich jede Menge bunt gekleidete Kinder auf der Bühne, so ungefähr zehn pro Frau, als ob das heutzutage noch das Ziel einer Durchschnittsehe sein könnte. Total hysterisch eben! Ausstatter Harald B. Thor hatte eigentlich ein ausreichend abstraktes Bühnenbild entworfen: Neben der Wendeltreppe einen Wald aus schief stehenden Rohren, wie ein Parcours aus lauter überdimensionalen Akupunktur-Nadeln, die jeweils die empfindlichen Stellen dieser Geschichte treffen und von ganz unten nach ganz oben reichen. Das hätte durchaus sinnreich sein können, wenn Regisseur Andreas Kriegenburg nicht allerlei wirren Schnickschnack wie eine Passionsgeschichte dazu erfunden hätte. So trug der Kaiser eine Dornenkrone und ein pfeildurchbohrter Heiliger Sebastian hatte seinen wenig erhellenden Auftritt.

Durchgängig zu laut

Problematisch war auch das Dirigat von Kent Nagano, der eigentlich gewohnt ist, Orchestermassen zu ordnen. Von der Windmaschine über chinesische Gongs bis zu einer Rute, Pauken und Becken ist alles dabei, Richard Strauss liebte es ja bekanntlich monumental und aufbrausend. Das darf natürlich auch mal laut sein, aber nicht durchgängig und ohne Rücksicht auf die Sänger. Von jeher gilt Nagano als Opern-Dirigent, der nicht den engsten Kontakt mit dem Bühnengeschehen sucht, sondern sich auch mal gern auf den Orchestergraben konzentriert. Das war diesmal besonders hörbar, leider. Alle Mitwirkenden wurden zum Schreien und Gellen verleitet, was ihre Stimmen schrill und ausdruckslos machte.

Schlussapplaus verblüffend einhellig

Hysterie kam dabei nicht auf, eher Ärgernis. Linda Watson als Amme und Emily Magee als Kaiserin hatten die schwerwiegendsten Probleme und waren kaum textverständlich. Lise Lindstrom, auch sie Amerikanerin, meisterte ihre Partie der Färberin immerhin schauspielerisch achtbar. Am überzeugendsten war der polnische Bariton Andrzej Dobber als Färber, der im inszenatorischen und musikalischen Tohuwabohu beneidenswert stoisch die Ruhe bewahrte. Der Schlussapplaus war verblüffend einhellig - womöglich lag das daran, dass sich manch einer noch an die vorletzte "Frau ohne Schatten" in Hamburg erinnerte, die ein Debakel war und nach nur elf Aufführungen und einer Saison abgesetzt wurde. Gemessen daran war dieser Abend ein Fortschritt, und was ebenfalls versöhnlich stimmt: Auch anderswo gibt es derzeit keine wirklich überzeugenden Interpretationen. Gar nicht so leicht, Hysterie in den Griff zu kriegen.

Wieder am 23. April.

© Brinkhoff/Mögenburg Hamburgische Staatsoper

Wald aus Nadeln

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Kinderreichtum als Finale

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Kaiser auf der Jagd