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Von der Unfassbarkeit: Über Corona und Tschernobyl | BR24

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Frühling 2020: Blauer Himmel, schönes Wetter, blühende Bäume. Doch ein unbekanntes Virus hat uns fest im Griff. Auch 1986, nach der Katastrophe von Tschernobyl, musste man Gefahren abwägen, ob man nach draußen gehen konnte. Eine Art Déjà-vu.

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Von der Unfassbarkeit: Über Corona und Tschernobyl

Frühling 2020: Blauer Himmel, schönes Wetter, blühende Bäume. Doch ein unbekanntes Virus hat uns fest im Griff. Auch 1986, nach der Katastrophe von Tschernobyl, musste man Gefahren abwägen, ob man nach draußen gehen konnte. Eine Art Déjà-vu.

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Manchmal überfällt mich das Gefühl eines Déjà-vu. In meiner Wahrnehmung mischen sich die Bilder vom April 2020 und April 1986. Es war auch damals ein Frühling wie aus dem Bilderbuch. Die Natur explodierte, es wurde fast übergangslos sommerlich. Ein strahlendes langes Wochenende zum 1. Mai stand bevor. Ein heftiges Gewitter reinigte die Luft, dann war Zeit für ein Sonnenbad im frischen Gras, einen Spaziergang in den Isarauen. Doch an diesem Wochenende verdichtete sich die Nachricht, dass in Tschernobyl ein Atomreaktor in die Luft gegangen sei. Die radioaktive Wolke sei nach Bayern getrieben und dort abgeregnet.

Ausmaße schwer begreifbar

Die Informationen drangen mit Verzögerung in den Westen vor; um in unseren Köpfen anzukommen, brauchten sie noch länger. Wie sollten wir auch gleich erfassen, dass eine Atomkatastrophe mehr als 2.000 Kilometer entfernt auch unser Leben verändern würde? Es war schwer zu begreifen, dass die Kinder nicht im Sandkasten spielen durften, dass wir die Milch nicht trinken und den Salat nicht essen sollten, weil alles radioaktiv belastet war. Wie sollten wir ermessen können, welche Folgen der GAU für die Gesundheit von hunderttausenden von Menschen haben würde?

Keine Vergiftung – und doch eine unsichtbare Bedrohung

Manchmal spielt mir die Erinnerung jetzt einen Streich und ich reagiere spontan mit den selben Ängsten und Vermeidungshaltungen wie damals bei der Atomkatastrophe. Dann muss ich mir bewusst klar machen, dass der Frühling 2020 nicht vergiftet ist. Doch hinter der wunderbaren Naturkulisse lauert eine andere unsichtbare Bedrohung, die unsere Lebensweise in Frage stellt.

© picture alliance/Kurt Strumpf/AP Images

Historische Parallele: Auch im Frühling 1986 durften Kinder auf dem Spielplatz nicht im Sandkasten spielen.

Unfassbar und unbegreiflich

Unfassbar. Ein Modewort, das in der letzten Zeit oft seines Sinns entleert verwendet wurde. Unfassbar – dieses Wort müsste eigentlich reserviert sein für Ereignisse, die unser Vorstellungsvermögen übersteigen. Wie eine Pandemie, wie ein Tsunami, wie Tschernobyl, wie Fukushima. Katastrophen und ihre immensen Folgen, die mit keinem menschlichen Maßstab erfasst werden und die vom Menschen nicht beherrscht werden können.

Brennende Wälder in der Sperrzone

Ich war mehrmals in der Region um das Kernkraftwerk Tschernobyl, ich war in der 30-Kilometer-Sperrzone, in unbewohnbaren Geisterstädten und hoch verstrahlten Dörfern, in denen jahrelang Menschen ausharren mussten. Ich war jeweils nur tageweise dort, um zu berichten. Es erscheint mir absurd, dass gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, große Waldflächen in der Sperrzone in Brand geraten sind. Das Feuer bedroht nicht nur die atomaren Anlagen, es verbreitet auch eine radioaktive Wolke, die aus den verstrahlten Rinden der Bäume gelöst wird.

Gefahren in der Zukunft

Seit meinen Rechercheaufenthalten in Tschernobyl hat mich das Gefühl, dass die Natur bedrohlich sein kann, immer wieder eingeholt. Blühende Bäume, saftige Wiesen, intakte Wälder, Menschen, die die Felder bestellen, Kinder auf dem Schulhof – scheinbare Normalität. Die radioaktive Strahlung, die all dem unterliegt, ist nicht zu sehen, zu riechen, zu spüren, sondern nur zu messen. Die Folgen zeigen sich erst sehr viel später und in vielen Varianten. Die Gefahr der Strahlung ist für den Menschen zunächst nicht fassbar, genauso wenig wie die Wirkung eines Virus. Seitdem ich konfrontiert bin mit Covid19, kommt mir immer wieder das Interview mit einem Wissenschaftler in den Sinn, der in der Sperrzone forschte. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass die genetischen Folgen der radioaktiven Bestrahlung in kommenden Generationen drastisch durchschlagen würden. Die größten Gefahren sah er für die Zukunft kommen, wenn Viren mutieren würden. Ein Horroszenario, das ich damals für abseitig hielt. Inzwischen haben wir gelernt, wie anpassungsfähig Viren sind ...

© picture alliance /Beata Zawrzel/NurPhoto

Nur mit Abstand, nur mit Maske – für wie viel Entfremdung wird Corona sorgen?

Entfremdung der Menschen voneinander

In Zeiten von Corona ist nicht die Natur bedrohlich, die Gefahr geht offensichtlich von den Mitmenschen aus. Jeder Mensch eine potentielle Virenschleuder, die Krankheit bringen kann. Statt menschlicher Nähe jetzt Vereinzelung und das Gebot, Abstand zu halten. Und das nicht nur ein paar Tage, sondern möglicherweise Monate oder Jahre, jedenfalls bis ein Impfstoff gefunden ist. Social Distancing ist das einzige Gegenmittel, um eine Ansteckung zu vermeiden. Corona hat uns schon nach wenigen Tagen verändert. Die Menschen machen einen Bogen um einander. Sie stehen einzeln in zwei Meter Abstand Schlange. Sie sitzen allein auf der Bank in der Sonne, jeder für sich. Wir, die wir – anders als unsere Eltern – gelernt haben, Nähe zuzulassen, sollen auf Abstand gehen. Immer. Überall. Aufgeschlossen und kommunikativ, offen gegenüber anderen wollten wir sein, jetzt werden wir zurückgeworfen auf die Existenz als Einzelwesen. Isolation statt Kontakt fordern die Epidemiologen.

Eine neue Art von psychischer Hygiene

Was macht das mit uns? Werden wir am Ende alle paranoid sein. Werden wir überall Ansteckungsmöglichkeiten und Gefahren wittern? Wir werden auch eine neue Art von psychischer Hygiene entwickeln müssen, wenn wir dem entgehen wollen. Eine kleine Hoffnung macht mir das Lächeln, mit dem sich Menschen – ob mit oder ohne Maske – heutzutage begegnen. Ein Lächeln, das Verunsicherung ausdrückt und Solidarität signalisiert.

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