BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Von der Bühne zu Netflix: "Ma Rainey's Black Bottom" | BR24

© Audio: BR / Bild: David Lee/Netflix

Drama im Tonstudio: Ein junger Trompeter will hoch hinaus

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Von der Bühne zu Netflix: "Ma Rainey's Black Bottom"

Als der US-Dramatiker August Wilson 2005 starb, gab es keines seiner Stücke auf Deutsch. Kinofans aber kennen vielleicht die Verfilmung seines Stücks "Fences" mit Denzel Washington und Viola Davis. Nun wurde ein weiteres Wilson-Drama verfilmt.

Per Mail sharen
Von
  • Bettina Dunkel

Es zählt nicht unbedingt zu den einfachsten Aufgaben, ein Theaterstück als Film zu adaptieren. Die räumlichen Möglichkeiten sind begrenzt, Szenenwechsel demnach eher selten, der Kammerspiel-Charakter birgt die Gefahr von Monotonie. Hinzu kommen die Dialoge. Sie sind oft länger als die Aufmerksamkeitsspanne eines auf Unterhaltung abonnierten Publikums und erfordern – da oft voller Subtext – volle Konzentration. Regisseur George C. Wolfe geht mit "Ma Rainey's Black Bottom" dennoch das Wagnis ein. Seine Trümpfe: Eine Riege von Darstellern und Darstellerinnen, die gefühlt ihr komplettes Herzblut investieren, um das Stück und seine Botschaft einem neuen, auch jüngeren Publikum nahezubringen.

Der Film spielt 1927 in den USA, als die Segregation, also die sogenannte Rassentrennung, das Land und seine Bevölkerung nicht nur in den Köpfen, sondern auch gesetzlich spaltete. Hauptfigur ist die titelgebende Ma Rainey, eine der ersten schwarzen Bluessängerinnen, die Plattenverträge erhielt, Tourneen absolvierte und mit ihrer Musik ein Publikum begeisterte, das plötzlich nicht mehr zwischen Schwarz und Weiß unterschied.

Ein Film, ein Tag, ein Tonstudio

Fast die komplette Handlung spielt sich in einem Tonstudio ab. An einem heißen Sommertag in Chicago wollen die schweißgebadete Ma Rainey und ihre Band ein paar Songs aufnehmen, darunter einen ihrer bekanntesten: "Ma Rainey's Black Bottom". Um Musikgeschichte geht es jedoch nur am Rande. Im Fokus steht der gesellschaftliche Konflikt, der ewige Kampf um Aufstieg und Anerkennung, der auch innerhalb augenscheinlich homogener Gruppen brodelt. Denn Ma Rainey hat einen Konkurrenten in den eigenen Reihen, in ihrem engsten Zirkel.

© David Lee/Netflix

Der Film "Ma Rainey's Black Bottom" spielt 1927 in den USA

Levee, der Trompeter ihrer Band, hegt Karriereambitionen, die der Sängerin missfallen. Nicht, weil sie ihm den Aufstieg nicht gönnt, sondern weil er ihrer Meinung nach den Blues und dessen schwarze Tradition in seiner ursprünglichen Form verrät. Levee will Mas' Songs schneller spielen, will sie tanzbarer machen – oder anders ausgedrückt: zugänglicher machen für ein weißes Publikum.

Levee, dessen Selbstüberzeugung an Arroganz grenzt, ist ein ohne Zweifel außerordentlich talentierter Musiker. Sein Fehler: Er glaubt, einen Verbündeten zu haben. Denn der Auftrag zum Neu-Arrangement der Songs kam vom Studiobetreiber – einem Weißen, der sich Levees Namen nicht merken kann und ihn immer nur als "den Trompeter" bezeichnet. Mit fortschreitender Handlung zeigt sich: Levee als Person ist ihm egal. Er will nur sein Talent ausbeuten und seinen eigenen Gewinn maximieren. Der junge Musiker hat diese Geschäftsstrategie noch nicht durchschaut – Ma Rainey hingegen ist sie nur zu bekannt.

© David Lee/Netflix

Der im August an Krebs verstorbene Chadwick Boseman als karrierebeflissener Trompeter Levee

Ein Trompeter mit Karriereabsichten

Die Konflikte, die sich an diesem einen Tag im Tonstudio entfalten, sind gewaltig – und ihre Dimensionen noch weit abgründiger. In den Gesprächen zwischen Ma, der Band und den wenigen anderen Nebenfiguren geht es um Ausgrenzung und Machtspiele, um oben und unten, um Verrat und Gefangensein, um Scheitern und Verzweiflung, um Vergangenheit und Zukunft.

Der im August an Krebs verstorbene Chadwick Boseman liefert mit seiner letzten Rolle als Trompeter Levee eine streckenweise fast zu emotionale Leistung ab, die aber dennoch enormes Potenzial für eine posthume Oscar-Nominierung hat. Auch Viola Davis dürfte mit ihrer Transformation zur verbitterten und kämpferischen Ma Rainey eine weitere Nominierung erhalten. Wer das Theaterstück von August Wilson, auf dem "Ma Rainey's Black Bottom" basiert, bis dato nicht kannte, wird schnell verstehen, warum der Autor dafür seinen ersten von zwei Pulitzerpreisen erhielt. Fraglich bleibt nur, ob die Netflix-Gemeinde einem Film, der seiner theatralen Vorlage so treu bleibt, bis zum Ende folgen möchte. Sie sollte. Denn ungewohnte Dramaturgie und historischer Kontext hin oder her – die Gesellschaftskritik, die in "Ma Rainey" steckt, bleibt zeitlos und wird hier so tiefgehend aufgefächert wie selten.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang.