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Von Beginner’s Light & Outer Rim: Jazzkünstler Johannes Enders | BR24

© Johannes Enders

Der Saxophonist Johannes Enders

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    Von Beginner’s Light & Outer Rim: Jazzkünstler Johannes Enders

    Der Saxophonist Johannes Enders aus Weilheim hat sich immer wieder aus Krisen befreit - v.a. durch die Beschäftigung mit Neuem. Als Filmmusikkomponist und Produzent, als Soundregisseur und Beatsbastler, als Dozent.

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    Nein, Saxophon könne er nicht spielen, sagt Johannes Enders am Telefon vor dem Interview. Man habe ihm vor einigen Tagen vier Zähne gezogen. Das gehe jetzt nicht, leider, aber wir könnten sein Studio anschauen. Also ab nach Weilheim in das Haus, in dem Enders mit Frau und Tochter wohnt, und runter in den Keller, in zwei unscheinbare Räume im Untergeschoss. Lächelnd führt der Hausherr seine E-Pianos, Synthesizer und Keyboards vor, später ruft er am Bildschirm seines PCs, der nicht ans Internet angeschlossen ist, einzelne Spuren auf, die er hat in seinem Heimstudio zumeist eigenhändig bespielt. Zumindest so ist der Zwei-Meter-Mann Enders an seinem Instrument zu hören.

    Tenor-Saxophon verkörpert Jazz wie kaum ein anderes Instrument

    Das Tenor-Saxophon ist das Jazz-Instrument schlechthin. Das Blasinstrument, das der Belgier Adolphe Sax zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfunden hat, war ursprünglich gedacht, um bestimmte Frequenzgruppen im Symphonie-Orchester abzudecken. In der klassischen Musik konnte sich diese Erfindung aber nie richtig durchsetzen. Bestimmte Saxophontypen waren zudem hauptsächlich für Militärmusik vorgesehen. Was sich herausholen lässt aus dem glänzenden Holzblasinstrument mit den wattierten Klappen zeigten dann im 20. Jahrhundert die Jazz-Künstler. Die Klassiker, die großen Namen dieser Musikrichtung – sie sind allesamt Enders Fixsterne. Sympathische Demut vor den Giganten des Jazz, bekundet Enders, der vor wenigen Tagen 53 wurde. Mitte der 90er Jahre hatte sich Enders als talentierter Jazzkünstler einen Namen gemacht und als Mitglied der umtriebigen, sympathisch-nonkonformistischen Weilheimer Musikszene.

    Rettung aus der Schaffenskrise durch Beschäftigung mit Neuem

    Bei The Notwist, den Indie-Nerds um Markus und Micha Acher, spielte er mit, auf dem legendären Shrink-Album von 1998 ist er in den Bläsersätzen zu hören. Enders begann zeitgleich mit den beiden Weilheimer Kollegen Nujazz zu fabrizieren - unter dem Projektnamen Tied & Tickled Trio. Nachdem er sich fast 15 Jahre mit amerikanischem Jazz befasst hatte, war Enders in eine tiefe Schaffenskrise geschlittert. Daraus rettete er sich, indem er sich mit Neuem befasste. Im Do-it-yourself-Verfahren brachte er sich das Produzieren, das Herstellen von Musikaufnahmen zu Hause, in Heimarbeit gewissermaßen, bei.

    Vereinigung von Deep Jazz und elektronischem Jazz

    Der Musiker als Ton-Ingenieur, Produzent und Vermarkter seiner selbst. Johannes Enders gehört zu jener Generation von Jazzkünstlern, die nicht nur bestens ausgebildet sind. Es sind auch Musiker, die sich auch unabhängig gemacht haben vom Gusto, von der Labelästhetik bestimmter Plattenfirmen. Enders fährt seitdem zweigleisig: Zum Einen wandelt er auf den Pfaden, die gemeinhin mit Jazz oder besser mit Deep Jazz, in Verbindung gebracht werden. Er wählt und schreibt das Material von vornehmlich unverstärkten Ensembles, die er zusammenstellt. Der Klangkörper besteht zumeist aus Schlagzeug, Kontrabass, Klavier, seinem Tenorsaxophon und einem weiteren Blasinstrument . Zum anderen widmet er sich vor allem bei Album-Produktionen dem elektronischen, dem elektronifizierten Jazz, einem deutlich zentraleuropäisch geprägten Idiom. Das aktuelle Doppelalbum Dear World/ Hikikokmori verbindet erstmals beide Seiten des Musikers, der seit 2008 eine Professur für Jazzsaxophon in Leipzig innehat.

    Spirit der originalen, amerikanischen Jazz-Legenden

    Enders sucht als Bandleader und Solist die Nähe zu den Originalen, den Erfindern des amerikanischen Jazz. Nicht umsonst hat er zwei Jahre in New York an der New School studiert, an der erheblich von deutschen Exilanten wie Hannah Arendt, Hanns Eisler und Erich Fromm gestalteten Hochschule in Manhattan. Hier erlebte er noch die sagenhaften Pioniere des Jazz, große alte Musikerpersönlichkeiten, meist Afroamerikaner, die ihn tief beeindruckt haben. Mit dem kürzlich verstorbenen Lee Konitz, einem der Erfinder des weißen Cool Jazz, hat er live ebenso gespielt wie mit dem versierten, 1940 geborenen Drummer Billy Hart. Diese Riege von Jazzlegenden, sagt er, zeichne sich durch einen besonderen Geist aus, einen Spirit, der leider abhandengekommen ist im hektisch-kommerziellen Kultur-Betrieb.

    Ein polyglotter Musiker aus Oberbayern mit beseeltem, warmen Ton

    Auch wenn er für eine gewisse Abgeklärtheit im Jazz steht, ist Johannes Enders doch ein Repräsentant seiner Generation: Ein versierter Instrumentalist mit beseeltem, warmen Ton, der viele Idiome beherrscht bzw. diese glaubwürdig reproduzieren kann. Ein polyglotter, gebildeter Musiker aus Oberbayern, ein vielsprachiger Macher, der aber Beliebigkeit zu vermeiden sucht. Das vermittelt auch sein jüngstes Opus magnum, das ihn auf der Höhe der Zeit zeigt. Hikikokomori ist das japanische Wort für Menschen, die im fast vollständigen Rückzug, in der Konzentration auf sich selbst existieren. Ein passender Terminus für die in Eigenregie entwickelten, elektronischen Klanggebilde. Dear World zeigt dagegen Offenheit an, das Hinausgehen in die Welt, das Be-greifen derselben und wie sich das in der geradezu zärtlich wirkenden Improvisationslust eines siebenköpfigen Ensembles spiegelt.

    Ein Getriebener, der mit neuen Ideen gestärkt aus Krisen hervorgeht

    Er sei ein Getriebener, erklärt Enders. Unzählige Alben hat er bisher veröffentlicht, das Material dafür größtenteils selbst geschrieben oder ausgewählt, gespielt, gejammed, aus dem Stegreif erfunden, im Moment erschaffen, aufgenommen, festgehalten und produziert. Viele Tourneen und Konzerte hat er absolviert, als Begleiter, als sideman gearbeitet und als Filmmusikkomponist, neben seiner Tätigkeit als Dozent. Ein hektisches Leben, das seinen Preis hat. Enders ging mehrfach in die Knie, wie er sagt, musste mehrere Krisen durchstehen, aus denen er jedoch gestärkt, mit neuen Ideen hervorging. Pflicht oder Kür? Selbst fabrizierte, elektronische Klanggebilde oder Improvisationskunst mit Gleichgesinnten? Das ist keine Frage für ihn. Dear World / Hikikomori spiegelt die Verfassung eines Jazz-Künstlers, der trotz allen Strebens nach Zeitlosigkeit zutiefst geprägt ist von der Pop-Kultur unserer Zeit - etwa von Fernsehserien wie Startrek - Raumschiff Enterprise.

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