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"Vom Wind verweht": Margaret Mitchells Roman neu übersetzt | BR24

© Bayern 2

Ein historischer Stich zeigt eine Szene aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

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"Vom Wind verweht": Margaret Mitchells Roman neu übersetzt

Weltliteratur oder gute Unterhaltung? Zu den Büchern, über die in diesem Sinn gern gestritten wird, gehört Margaret Mitchells Roman "Gone with the wind". Jetzt erscheint das Epos über den amerikanischen Bürgerkrieg in einer zeitgemäßen Übersetzung.

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"Scarlett O’Hara war keine wirkliche Schönheit, auch wenn dies den Männern, die ihrem Charme erlagen (...) selten auffiel." So beginnt eine der großen Liebesgeschichten, die schon Generationen von Lesern und mehr noch: Kinobesuchern in ihren Bann zog. Für letztere dürfte dieses "keine wirkliche Schönheit" eine Überraschung sein, der weitere Überraschungen folgen: Es ist im Buch nicht alles so wie im Film. Aber auch "Vom Winde verweht"-Leser dürfen sich freuen: Die Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach aus dem Jahr 1937 klingt heute doch umständlich, geschraubt; die neue Übertragung von Liat Himmelheber und Andreas Nohl hingegen liest sich ungleich flüssiger, sachlicher, moderner - auch wenn sie es gelegentlich zu weit treibt mit der Modernisierung.

Da ist schon mal jemand "schwer am Rotieren" oder "steigt nicht in eine Diskussion ein". Aber sowas kommt zum Glück selten vor. Und vor allem: Die Sklaven sprechen Umgangssprache, nicht mehr dieses gekünstelt grammatikalisch falsche Deutsch, das sie geistig minderbemittelt erscheinen lässt. Und wo bei Beheim-Schwarzbach "Neger" steht, heißt es jetzt "Schwarze" oder - wie im Original - "Darkies". Das ist, wie in den Anmerkungen zu lesen ist, ein "verniedlichender Begriff für afroamerikanische Sklaven in den Südstaaten".

Kein kritischer Blick auf die Sklaverei

"Nigger" sagen übrigens nur die Sklaven selber - und einmal, ein einziges Mal auch Scarlett, woraufhin sie aber sofort ein sehr schlechtes Gewissen hat, was bei ihr sehr selten vorkommt. Überhaupt sind alle auftretenden Plantagenbesitzer gut und freundlich zu ihren Darkies, die ihrerseits stolz auf ihre Herren sind und ihnen gelegentlich mehr als deutlich die Meinung sagen. Sklaverei gehört in diesem Roman ganz selbstverständlich zur Lebenswelt des alten Südens, sie wird nicht hinterfragt oder kritisiert. Damit muß man leben. Was dadurch erleichtert wird, dass Sklaverei nicht das Thema dieses großen, großartigen Romans ist.

Thema ist die Entwicklung einer jungen Frau, die am Anfang, 1861, 16 Jahre alt ist und auf einer Party von allen Männern umschwärmt wird. Von allen, bis auf einen: Ashley Wilkes. In diesen Ashley hat sie sich verliebt, obwohl sie weiß, daß er seine Cousine Melanie heiraten will. Weswegen sie ihn weg von den anderen lotst und ihm ihre Liebe gesteht. Vergebens. Unfreiwilliger Zeuge dieser Szene wird Rhett Butler. Und so beginnt ein kompliziertes Dreiecks-Verhältnis, das Margaret Mitchell immer wieder mit der Zeitgeschichte verschränkt: mitten in jene Party platzt die Nachricht vom Beginn des Bürgerkriegs. Woraufhin Scarlett aus Enttäuschung zum ersten Mal heiratet: Melanies Bruder, einen ihrer zahlreichen Verehrer.

Das Grauen des Bürgerkrieges

Wenig später zieht Scarlett als Witwe nach Atlanta, womit Mitchell auf einen ersten Höhepunkt zusteuert: die Belagerung Atlantas durch die Nordstaaten. Ständiger Beschuss, überall Verletzte. Scarlett allein mit Melanie, die ein Kind bekommt. Dann die Flucht. Rhett fährt die beiden Frauen und das Baby durch die brennende Stadt, über das von marodierenden Soldaten durchzogene Land - eine lange, hochdramatische Szene, die mit Scarletts Rückkehr nach Tara, der Plantage der O’Haras, endet. Dort, angesichts der Verwüstungen des Landes, der Armut und der Not ihrer Familie, fasst Scarlett einen großen Entschluss.

"Wieder nagte der Hunger an ihrem leeren Magen, und sie sagte laut: 'Gott ist mein Zeuge, die Yankees werden mich nicht unterkriegen. Ich stehe das durch, und wenn es vorbei ist, werde ich nie wieder Hunger leiden. Nein, und auch sonst niemand aus meiner Familie. Und wenn ich dafür stehlen oder töten muß - Gott ist mein Zeuge, ich werde nie wieder Hunger leiden.'"

© picture-alliance / dpa

Die amerikanische Schriftstellerin Margaret Mitchell im Jahr 1936, kurz vor der Veröffentlichung ihres Romans "Gone with the wind".

Das Aufeinanderprallen zweier Welten

Scarletts Entschluss markiert einen Wendepunkt des Romans: Bis dahin war Scarlett eine verzogene, kokette junge Frau; in der Zeit nach dem Bürgerkrieg entwickelt sie sich zur harten Geschäftsfrau, die in einer männerdominierten Gesellschaft Erfolg hat und alle Regeln bricht. Margaret Mitchell erzählt vom Aufeinanderprallen zweier Welten: auf der einen Seite die untergehende, vom Wind verwehte aristokratisch-vornehme Welt der Südstaaten; verkörpert in Ashley Wilkes, einem vornehmen, überaus gebildeten Gentleman, der sich nach dem Krieg in Träumereien verliert und darüber zum lebensuntüchtigen Idealisten wird.

Auf der anderen Seite: der Norden. Modern, industriell geprägt. Eine Welt, in der geschäftstüchtige Realisten und Pragmatiker wie Scarlett und Rhett Erfolg haben. Mitchell schont ihre Protagonisten nicht: Sie zeichnet Scarlett als manipulativ, gewissen- und skrupellos, egozentrisch, berechnend. Rhett Butler ist Spekulant, ein Kriegsgewinnler - und ein empfindsamer Zyniker.

Von der Unfreiheit der Frauen

"Vom Wind verweht" ist ein Abgesang auf den alten Süden, dem Mitchell durchaus ambivalent gegenübersteht, und: ein Buch über Frauen, ihre Unterdrückung, ihre Unfreiheit. Natürlich auch sehr melodramatisch. Margaret Mitchell bedient sich der großen Themen: tragische Missverständnisse, glückliche und unglückliche Liebe, Tod, Verlassenwerden: Am Ende ist Scarlett 28 Jahre alt. Sie ist reich, muss nicht hungern. Sie ist zweimal Witwe geworden, sie hat ein Kind verloren. Rhett Butler, ihr dritter Ehemann, verlässt sie, sie bleibt allein zurück in ihrem großen Haus in Atlanta.

Man muss "Vom Wind verweht" nicht unbedingt mit "Krieg und Frieden" vergleichen, es ist auch nicht das "unterschätzteste Buch der Weltliteratur", aber es ist Weltliteratur. Und ein 1300 Seiten langer Schmöker, mit dem man in der neuen, kaum genug zu lobenden Übersetzung wundervolle, beglückende Tage auf der Couch verbringen kann. Nur am Ende wartet ein kleiner Wermutstropfen, den sprichwörtlichen Schlusssatz betreffend. Margaret Mitchell schrieb: "Tommorrow is another day." Das hieß bisher: "Morgen ist auch ein Tag." Liat Himmelheber und Andreas Nohl übersetzen: "Morgen ist ein neuer Tag." Daran muss man sich erst gewöhnen.

Margaret Mitchells Roman "Vom Wind verweht" - in der Übersetzung von Liat Himmelheber und Andreas Nohl - erscheint im Kunstmann-Verlag.

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