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Vom schönen Kampf ums Fliegen: Ivan Liška wird 70 | BR24

© pa/dpa

Ivan Liška.

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    Vom schönen Kampf ums Fliegen: Ivan Liška wird 70

    Er gilt als einer der prägenden Tänzer und Choreographen der letzten Jahrzehnte und hat als Star von John Neumeier an der Hamburger Staatsoper und als Direktor des Bayerischen Staatsballetts in München für Furore gesorgt. Jetzt wird er 70.

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    Von
    • Sylvia Schreiber

    Wenn Ivan Liska beim Tanzen die Arme hebt, die Hände zu Fäusten ballt, hat das nichts von Posing, von Bizepsspielerei, von Kraftakt. Bei Ivan Liška ist der Körper reiner, wahrhaftiger Ausdruck und Mittel zum Zweck: Seine Hände können sich zärtlich auffächern für die Liebste, oder auch vernichtend spreizen gegen den Feind. Zwanzig Jahre lang hat Ivan Liška als erster Solist beim Hamburg Ballett sein Publikum auf diesen Händen getragen. Wenn er als Testosteron gesteuerter Lysander über die Bühne wirbelte, wenn er halb entblößt als Odysseus nach Penelope suchte. Diesem sich windenden, geschmeidigen Körper, den stolzen, wie auch verlorene Gesten, dem bohrenden wie auch sanftmütigen Blick kann man sich nicht entziehen.

    Tanz als Kraft der Wortlosigkeit

    Ivan Liška Wortlosigkeit ist seine Stärke, wie er selbst sagt: "Schauen Sie nur um sich herum, wie viele Menschen haben Kontakt zueinander, ohne zu sprechen. Schauen Sie, was die Blicke bedeuten können." Ivan Liška schaut sich sein ganzes Tänzerleben lang um, schaut auch über den berühmt-berüchtigten Tellerrand. Ihn beschäftigen politische Zusammenhänge, muss er doch selbst aus politischen Gründen seine Heimat Prag im Jahr 1969 verlassen. Als er die Heimat verlor, sei das Theater zu seiner Heimat geworden, sagt er.

    Ballettschläppchen statt Fußballschuh

    Eigentlich soll der kleine Ivan turnen, wie alle tschechischen Kinder. Aber der Radau in der Sporthalle ist für ihn unerträglich. Also bringen ihn seine Eltern in ein Studio für modernen Tanz, zu einer Pädagogin, die ihn versteht: "Bei ihr habe ich angefangen, mitsieben oder acht, als einziger Junge zwischen vielen schönen Mädchen. Es gab nur Tamburinklänge und Rhythmik." Während die anderen Jungen auf der Straße Fußball spielen, spaziert Ivan mit Ballettschläppchen in der Hand zum Training. Und bald schon steht er auf der Bühne des Prager Nationaltheaters, als eines der sieben Geisslein, als Page, als Fritz im Nussknacker.

    Nach Prag kommt als nächste Station Düsseldorf, dann folgt die Hochzeit mit der Tänzerin Colleen Scott, mit ihr geht er nach München, wo die Kunstform Ballett noch als fünftes Rad am großen Wagen Bayerische Staatsoper mit tuckert. Ivan Liška möchte jedoch mehr als nur im Dauerprinzenmodus tanzen. Er will sich ausdrücken, wie er sagt: "Ich hab das Gefühl gehabt, ich möchte mit einem Choreographen arbeiten und deshalb habe ich mit meiner Frau Coleen Scott überlegt, was wir tun können. Amsterdam: mit Rudi van Dantzig; oder Hamburg mit John Neumeier? Das sind die Möglichkeiten gewesen. Es ist dann Hamburg geworden, und das war gut so, denn die Zeit hat 20 Jahre gewährt." An die zwanzig Rollen hat John Neumeier extra für Ivan Liška choreographiert. In nahezu jeder dieser Rollen zeigt Liska mit seinem wandelbaren Körper ein anderes Gesicht.

    Getanzte Charaktere

    Liška reproduziert nie Sportlichkeit oder seine phänomenale Körperbeherrschung, sondern nährt die Charaktere, verleiht ihnen eine Seele. Andere Künste inspirieren ihn, seine Neugier auf Menschen, seine Familie, seine Liebe zur Musik. All das scheint sich eins zu eins in eine Art "Körpergedächtnis" einzubrennen. Und bei Bedarf kann Liška daraus schöpfen und Erfahrungen in entsprechende Bewegungen verwandeln: Liška gibt einen linkischen Tod in Neumeiers Carmen. Aber auch ein cooler Mozart mit nacktem Oberkörper und im Samtjacket gelingt ihm in Neumeiers Choreographie: Fenster zu Mozart.

    Als Ballettdirektor kommt Ivan Liška im Jahr 1998 nach München zurück und übernimmt die Compagnie von Constanze Vernon. Das Ballett hat sich längst schon emanzipiert vom Anhängsel zum "Staatsballett". Liška strebt eine ausgewogene Mischung an aus traditionellem Repertoire und modernen Choreographien. Und gerade das traditionsreiche Opernhaus in München ist für ihn die perfekte Bühne, um Neues zu wagen, von Jiri Kilian bis zu William Forsythe. Sogar eine Arbeit der heiklen Pina Bausch darf Liškas Ensemble am Ende seiner Amtszeit aufführen: "Für die Kinder von gestern, heute und morgen!" Auch für die Tanzkinder von morgen legt sich Ivan Liška ins Zeug und gründet eine Juniorcompagnie.

    Der Kampf um Leichtigkeit

    Ivan Liška ist als Tänzer zwar ein leiser, ein wortloser Künstler. Und doch ist seine Beharrlichkeit vorbildhaft. Nicht nur für Ballettfreaks. Vor fünf Jahren stand er mit 65 zum letzten mal auf der Bühne und zeigte, wie er mit jeder Faser seines Körpers immer noch nach etwas strebt, wonach sich alle Menschen sehnen: nach einer Leichtigkeit, die erkämpft werden muss: "Wir alle wissen, dass wir nicht fliegen können und es wäre auch langweilig, dann könnten wir nicht jeden Tag diesen Kampf wieder durchleben. Es ist ein wunderschöner Kampf."

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