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Vom Klosterschüler zum Star-Autor: Thomas Hürlimann wird 70 | BR24

© Audio: BR / Bild: dpa / picture alliance / Christopf Schuerpf

Der Schweizer Bestseller-Autor Thomas Hürlimann über den schönsten Anruf seines Lebens

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Vom Klosterschüler zum Star-Autor: Thomas Hürlimann wird 70

Seine Jugend in einem katholischen Internat habe ihn geprägt, sagt der Schweizer Autor Thomas Hürlimann, auch im Guten. In seinen jüngsten Texten blickt der Jubilar zurück auf ein Leben voller Mariengesänge und Geisterbahnfahrten.

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Von
  • Knut Cordsen

Als gerade mal 16-jähriger Klosterschüler legte der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Thomas Hürlimann der Direktion des Zürcher Schauspielhauses seine erste Komödie vor, durchaus selbstbewusst. Sie wurde allerdings abschlägig beschieden. Aber Hürlimann blieb dran, schrieb weiter und erlebte 1980 das schönste Telefonat seines Lebens, als man ihm mitteilte, dass sein Schauspiel "Großvater und Halbbruder" von der Jury des Stückemarktes beim Berliner Theatertreffen angenommen worden sei, so erzählt es Thomas Hürlimann in seinem jüngsten Buch "Abendspaziergang mit dem Kater", einem Buch der Erinnerungen, das zum heutigen 70. Geburtstag des Autors erschienen ist. Knut Cordsen hat mit dem Jubilar gesprochen.

Knut Cordsen: Herr Hürlimann, warum war dieser Anruf damals für Sie so wichtig?

Thomas Hürlimann: Das haben Sie eigentlich gerade erzählt, weil ich mit 16 angefangen habe zu schreiben. Und als dieser Anruf kam, da war ich 30 Jahre alt. Ich habe also 14 Jahre für die Schublade geschrieben, habe oft Texte ans Radio oder an Verlage oder an Zeitungen gesandt und meistens erhielt ich da keine Antwort, oft wurde mir das Typoskript oder Manuskript dann zurückgeschickt und das war plötzlich die Erlösung.

Sie sind der Autor nicht allein von Theaterstücken, sondern auch von Romanen wie "Der große Kater" und von Bestsellern wie der zauberhaften Novelle "Fräulein Stark". In diesem Buch frönt der jugendliche Held in einer Stiftsbibliothek der Liebe zu Büchern mindestens ebenso wie der zu Frauen. Das Buch hat unverhohlen autobiografische Züge dadurch, dass Sie mit knapp 12 Jahren ins Kloster Einsiedeln gekommen sind, um dort Ihre restliche Schulzeit zu verbringen. Davon haben Sie sehr schön berichtet auf dem Hörbuch "Einsiedeln. Thomas Hürlimann erzählt seine Kindheit und Jugend im Kloster", das dieses Jahr erschienen ist. Wie sehr hat diese Zeit Sie geprägt?

Ja, ich glaube, wenn man in so ein Kloster mit 12 hineinkommt und erst dann mit 20 mit der Matura verlässt, dann ist man fürs Leben geprägt, im Guten. Aber es hat natürlich auch andere Seiten, denn in einer Zeit, die ja sehr wichtig ist, wo man sich eigentlich vom Kind zum Mann dann heranbilden muss, da war man damals in einer reinen Männerwelt. Also wir waren im Kloster insgesamt damals knapp 700 Leute und es gab nur eine einzige Frau, das war die Madonna, die wir dann jeweils nach der Vesper im sogenannten Salve angesungen haben. Da sind wir also jeden Tag vor diesen Marienaltar oder Knabenaltar hieß das, hingezogen, haben die Köpfe gebeugt, die damals noch sehr geschoren waren, und haben die Maria besungen. Heute denke ich zum Beispiel an diesen Gesang sehr gern. Das war eine schöne Einübung in das Anhimmeln und das Anbeten von Frauen. Und das hat mir später im Leben manchen schönen Moment beschert.

In Ihrem neuen Buch widmen Sie sich auch Schriftstellerkollegen, verehrten Meistern, unter anderem dem Schweizer Gottfried Keller. Der Gottfried Keller-Preisträger des Jahres 2019 schreibt eine Geschichte über den Namenspatron der ihm verliehenen Auszeichnung… über diesen gefeierten Federhelden und Nationaldichter schreiben Sie eine köstliche kleine Novelle, eine Novelle in fünf Akten. Die spielt am Vorabend von Kellers 70. Geburtstag: Das größte Fest seines Lebens steht unmittelbar bevor und er entflieht all dem, er will unerkannt und für sich allein sein an seinem 70. Geburtstag. Er steigt unter falschem Namen in einem Schweizer Grand Hotel ab. Aber der Jubilar und Schöpfer des Grünen Heinrich wird dummerweise entdeckt. Fühlen Sie sich so wie Gottfried Keller mit dem schrecklichen Geburtstag bedroht, mit dem 70. Geburtstag?

Nein, gar nicht. Aber was Sie erwähnen, der Kern dieser Novelle, das ist wahr. Keller war damals natürlich ein im ganzen deutschen Sprachraum und darüber hinaus sehr berühmter Autor. Also er war sozusagen offiziell von der Schweiz, von dieser neuen Schweiz, die sich nach 1848 gebildet hatte, zum Nationaldichter ausgerufen worden. Und er wollte sich dann den Feierlichkeiten in Zürich entziehen. Saß wie Sie das eben sehr schön erzählt haben auf dem Seelisberg über dem Rütli auf einer Hotelterrasse und trank eine Flasche Gumpoldskirchner. Ich habe das alles recherchiert: Der Gumpoldskirchner kostete damals 3 Franken 12 und wenn man das in eine heutige Währung umrechnet sind das fast 300 Franc. Also der hat sich da wirklich eine gute Flasche geleistet. Und in der Geschichte, die ich erzähle, ist es dann so, dass ein Kellner ihn nervt, indem er sagt, also die Höhenfeuer, die da auflodern, sind für einen Dichter bestimmt, der lyrisches Geflitter von gestern produziert hat. Und so kommen dann Keller, der Nationaldichter und diese Ober miteinander ins Gespräch. Und vielleicht, wer weiß, begegnet mir auch so ein Kellner… Nein!, das ist ja jetzt gar nicht möglich! Unsere Beizen sind jetzt auch zu, da kann mir keiner sagen, mein Zeug sei lyrisches Geflitter von gestern.

Gottfried Kellers treuer Begleiter ist sein schwarzer Vogel Schwermut. Wie jedem guten Schriftsteller dürfte auch ihm die Melancholie nur zu gut bekannt sein. Keller lassen Sie sogar denken, "Je mieser mein Leben war, desto schöner wurden die Worte. Und je schöner die Worte, desto mieser war mein Leben". Ist das so?

Ja, vielleicht kann ich das nicht so extrem sagen. Aber tatsächlich… eigentlich kommt man nicht ungeschoren durch das Leben. Die Geschichte ist eine Schlachtbank, hat Hegel gesagt. Und ich glaube, fast alle Menschen, die dann eben ein gewisses Alter erreichen, die durchleben Höhen und Tiefen, die gehen teilweise auch durch eine Geisterbahn. Und da hilft es tatsächlich. Ich habe ja auch in schlimmen Momenten gedacht, wenn ich das überlebe, darüber schreibe ich. Das war manchmal so der Sog aus diesen Situationen hinaus, das hat mir geholfen, ja.

Um diese Geisterbahnfahrten geht es ja auch in Ihrem jüngsten Buch, in mehreren Ihrer jüngsten Texte. Im Buch "Abendspaziergang mit dem Kater" geht es um zahlreiche Krankenhausaufenthalte, die hinter Ihnen liegen. Sie schreiben da sehr offen über Ihre Gebrechen und die mehr oder weniger gute Behandlung derselben durch Ärzte und Pflegekräfte. Und Sie machen das mit großer Ironie, indem Sie nämlich ein neues Genre kreieren, analog zur Restaurantkritik die "Spitalkritik". Sie bewerten so wie Reiseführer die verschiedenen Spitäler auf Ihrem Leidensweg mit Sternen, die Ausstattung genauso wie das Personal. Ist das Galgenhumor?

Ja. Also bis zu einem gewissen Grad. Ich habe das Pech, dass ich kurz hintereinander durch verschiedene Spitäler kam, vom Unfallkrankenhaus Marzahn über das Unispital Zürich bis in ein Kantonsspital in der Innerschweiz, in Stans. Und da kam ich dann auf die Idee, die z.B. auch Intensivstationen miteinander zu vergleichen, wie ein Restaurant-Kritiker. Und das war auch wieder so ein Moment, da half es mir. Also ich war eigentlich am Rand, aber konnte mich dann trotzdem, nachdem ich diese Idee hatte, bis zu einem gewissen Grad auch aus der Situation hinausbegeben in eine gewisse Distanz. Also der Kritiker, der muss ja möglichst objektiv auf die Dinge schauen. Das heißt, er verschwindet nicht in dieser Situation. Das war auch der Versuch, mich an den eigenen Haaren, die ich gar nicht mehr habe, aus diesem Sumpf zu ziehen.

Thomas Hürlimann: Abendspaziergang mit dem Kater, S. Fischer 2020.

© Cover: S. Fischer / Grafik: BR

Thomas Hürlimann: Abendspaziergang mit dem Kater, S. Fischer 2020.

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