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"Vom Aufstehen": Helga Schubert gewinnt den Bachmannpreis | BR24

© Audio: BR / Bild: ORF

Die Berliner Schriftstellerin Helga Schubert ist die neue Bachmannnpreisträgerin

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"Vom Aufstehen": Helga Schubert gewinnt den Bachmannpreis

Ein Text wie ein Geschenk: So bezeichnete die Jury den Beitrag "Vom Aufstehen" der 80-jährigen Berliner Schriftstellerin Helga Schubert – und verlieh ihr den Bachmannpreis 2020. Eine würdige Preisträgerin in einem eher durchschnittlichen Wettbewerb.

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Was für eine schöne Geschichte das doch wäre, dachte man sich im Stillen, als der Wettbewerb noch gar nicht begonnen hatte: Wenn diese 80-jährige Autorin gewinnen würde, die vor 40 Jahren schon einmal nach Klagenfurt eingeladen war, damals aber nicht aus der DDR ausreisen konnte. Als sie jetzt endlich lesen durfte, am Freitag Vormittag dieser Woche, da spürte man, dass sie aus einem ganz anderen Grund eine würdige Preisträgerin wäre: nicht wegen ihrer politischen Geschichte, auch nicht, weil ihre verspätete Teilnahme selbst eine gute Geschichte abgeben würde, sondern ganz schlicht: weil diese Autorin – weil Helga Schubert – mit denkbar einfachen Sätzen eine gute Geschichte erzählt:

"Auf, auf, sprach der Fuchs zum Hasen, hörst du nicht die Hörner blasen? So weckte mich meine Mutter früher, als ich ein Schulkind war. Sie stand an meinem Fußende und zog mir die Bettdecke weg."

Rückblick auf ein gelebtes Leben

"Vom Aufstehen" ist der Rückblick auf ein gelebtes Leben, und das mit allen Sinnen, die Erzählerin, die nicht zufällig den Namen der Autorin trägt, denkt nicht bloß an Vergangenes, sie riecht, sie schaut, schmeckt und fühlt. Wie sich Bettwäsche beim Aufwachen anfühlt zum Beispiel, wie die Rede der Mutter nachhallt, die ihr erklärt, wie oft sie ihr, der Tochter, das Leben gerettet habe – angefangen damit, sie nicht abgetrieben zu haben. Wie sich die Widerständigen in der DDR die Haare gefärbt haben. Wie Träume im Halbschlaf auf- und wieder abtauchen, bis am Ende nur ein Wort davon übrigbleibt.

"Der Wecker klingelt. Ich bin doch wieder eingeschlafen. Nun stehe ich aber auf, gehe im dunklen Zimmer an seinem Bett vorbei, ziehe die Jalousien hoch, auf dem Fensterbrett der Pergamentstern an einem fast unsichtbaren silbrigen Faden, von der Palliativärztin bei ihrem ersten Besuch geschenkt. Den weißen, kunstvoll ausgeschnittenen Pergamentstern von dieser Frau, die so viel Endliches trösten und ertragen muss, habe ich in der Orchidee gelassen, dort, wohin sie ihn gehängt hatte, zwischen dunkelvioletten Blüten eine Hoffnung. Ich drehe mich vom Fenster um, er breitet die Arme zu mir aus. Alles gut."

In diesem Satz "Alles gut", zeigt sich die Würde der Erzählerin. So oft wird diese Wendung heute ausgesprochen, dass sie längst schon nichts mehr bedeutet. Helga Schubert aber gibt ihr Kraft zurück. "Alles gut" klingt – gerade noch abgegriffen – plötzlich wieder vertrauenswürdig. Sie habe diesen Text als Geschenk empfunden, sagte die einladende Jurorin Insa Wilke, und die Kollegen sahen es ähnlich – Insa Wilke, Philipp Tingler, Brigitte Schwens-Harrant, Klaus Kastberger.

Ein Text wie ein Geschenk

Dass Helga Schubert dieser Preis zugesprochen wird, ist richtig – gerade angesichts eines Jahrgangs, in dem es doch nur wenigen gelang, wirklich etwas im Leser zum Klingen zu bringen. Die erste Lesung, bei der am ersten Lesetag ein wenig Stimmung aufkam, stammt von Lisa Krusche, sie gewinnt nun, die erste Überraschung dieser Preisverleihung, den Deutschlandfunk-Preis: Nur eine Frau ist in ihrer Erzählung übriggeblieben. Judith heißt sie: "Judith war ganz allein; diese vergessenen Ruinen, die mal ein Schwimmbad waren, Jugendstil, mit Springbrunnen und Schmuck an den Wänden. Goldene Sonnen und steinerne Tiere. Fast alles zerbröckelt. Ein Echsenschwanz war noch da und ein Sonnenstrahl. Es kam einem vor, als wäre die Welt mal ein schöner Ort gewesen."

Die Gegenwart ist alles andere als schön, sie ist zugemüllt, verwesen, verlassen. Aber sie ist auch: eine Welt des Wünschens, des Kreativwerdens und der Vorstellungskraft. Ist in dieser Welt eine andere Verbindung möglich als die zwischen Mensch und Mensch, könnte es eine neue, eine weniger erdrückende Form der Mutterschaft geben, welches Potenzial steckt im virtuellen Raum, im Spielen und Schreiben? All diese Fragen stecken in dem Text, der wie kaum ein anderer mit kulturellen Bezügen spielte: mit der Welt antiker Fabelwesen und moderner feministischer Theorie. Das ist, gerade zu Beginn, spannend zu lesen, aber die Referenzen nehmen bald Überhand, oder wie Juror Michael Wiederstein zurecht feststellte: Der Text verzettelt sich. Und so hätte man doch viel eher damit gerechnet, dass auf Platz zwei die Autorin gelandet wäre, die nur völlig überraschend an vierter Stelle steht: Laura Freudenthaler mit ihrem Text "Der heißeste Sommer" – sehr atmosphärisch und hoch politisch, über Wunden, Klima- und Kulturkämpfe unserer Zeit.

Eine preiswürdige Jury

Preiswürdig wäre in diesem Jahr auch die Jury gewesen: Sie arbeitete sehr genau an den Texten, ließ einen vergessen, dass eine Video-Konferenz keine Nähe herstellen kann, zeigte sich offen: für einfach gebaute wie rätselhafte, anspielungsreiche Texte und fing Neu-Juror Philipp Tingler in seiner Kritik ein, hier doch bloß akademischen, abgehobenen Quatsch zu machen.

Viele der Texte kreisten – ob offen oder implizit – um die großen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit. Ein solcher Text gewann auch den dritten, den Kelag-Preis: Egon Christian Leitners "Immer im Krieg". Eine Geschichte aus vielen kleinen Geschichten, die – Stück für Stück – das Bild einer kalten Welt ergeben, ohne diese in Gut und Böse einzuteilen. Die heute ausgezeichneten Texte sind reizvoll und die neue, nicht ganz so junge Bachmannpreisträgerin beweist, wie richtig die Entscheidung war, den Wettbewerb Corona zum Trotz stattfinden zu lassen. Und doch: Diese 44. Tage der deutschsprachigen Literatur hätten mehr Autorinnen ihrer Klasse verdient gehabt.

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