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500. Jahrestag von Luthers Widerrufsverweigerung in Worms

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    "Volkes Maul" - Luthers Bibelübersetzung wirkt bis heute nach

    Vor 500 Jahren erklärt der Wormser Reichstag den Reformator Martin Luther für vogelfrei. Doch der versteckt sich auf der Wartburg und übersetzt dort das Neue Testament ins Deutsche - ein Meilenstein im Glaubensverständnis, aber auch für die Sprache.

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    Von
    • Irene Esmann
    • Veronika Wawatschek

    Es ist das Jahr 1521, der Reformator Martin Luther schwebt in akuter Lebensgefahr. Eine fingierte Entführung rettet ihn: Unter falschem Namen, als "Juncker Jörg", versteckt er sich auf der Wartburg und schreibt dort im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte. Er übersetzt in nur wenigen Wochen das Neue Testament ins Deutsche: eine Revolution für das Schriftdeutsche und das Glaubensleben der einfachen Leute, die damit erstmals Zugang zu ihrer eigenen Religion bekamen.

    Denn Luther war überzeugt: "Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen und denselbigen aufs Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen, so verstehen sie es dann." Dass Martin Luther "denselbigen aufs Maul" schaute, gefiel nach den Worten des Kölner Sprachforschers Hartmut Günther nicht allen Menschen. "Es gibt auch Leute, die gesagt haben, das ist ja allerhand, der nimmt die Gossensprache und übersetzt damit die Bibel." Nach Günthers Meinung aber ging Luther "feinfühlig" vor. "Er benutzt grobe Ausdrücke, wo sie nötig sind, damit die Leute verstehen, was da in dem lateinischen Text, den sie ja eigentlich nicht verstehen, eigentlich steht."

    Bibel auf Deutsch - mündige Gläubige als Folge

    Ein echter Paradigmenwechsel – die Bibelübersetzungen zur damaligen Zeit waren schwer lesbar, wirkten hölzern. Die neue Sprache hatte Auswirkungen auch auf das Selbstverständnis der Menschen – und ihre Art zu glauben. Die Gläubigen seien nun nicht mehr allein davon abhängig gewesen, was der Priester ihnen erzählte, sondern sie hätten selbst auslegen können, wie manche Bibelstelle gemeint sei, so Günther. Dadurch sei die Mündigkeit der Christen gefördert worden. "Und darum ging es Luther. Er sagt: Du einzelner Christ brauchst keinen Papst, Du brauchst mich nicht, sondern Du brauchst den Glauben und das Wort und da stehts drin."

    Kirchenhistoriker: Luther war kein Vorreiter der Demokratie

    Luthers Vorstellungen von Teilhabe und Partizipation waren dabei allerdings auf den Bereich der Religion und der Organisation von Kirche beschränkt. Ihn zu einer Art Vorreiter der Demokratie zu machen, hält der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann für einen Mythos: "Das ist völlig unangemessen. Luther ist ein Mann des Ständestaats, ein Advokat landesherrlicher Herrschaft, er wirft den Bauern vor, dass sie die notwendige Unterordnung zu untergraben versuchen, Luthers Voten im Bauernkrieg sind ganz klarer Ausdruck eines hierarchischen Gesellschaftsmodells.

    Gleichwohl schuf Martin Luther unbewusst die ein oder andere Voraussetzung dafür, dass die Menschen sich auch im Hinblick auf die politische Ordnung emanzipieren wollten. Kaufmann zufolge eröffnete die volksprachliche Bibel den Menschen Teilhabe und die Möglichkeit, sich eine eigene Meinung bilden zu können. Mittelbar trage das zu einer aufgeklärten Kommunikationsgemeinschaft bei, "die eine Grundlage für eine demokratische Gesellschaft ist".

    "Wer andern eine Grube gräbt" - Redewendungen von der Straße

    Auch sprachlich wirkt Luthers Übersetzung des neuen Testaments bis heute nach: Redewendungen wie "Wer eine Grube macht, der wird selbst hineinfallen" oder "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" haben Sprachforscher wie Hartmut Günther in der Lutherbibel entdeckt. Nicht aber der Reformator hat Sprüche wie "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" oder "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" erfunden, er hat sie von der Straße geholt. Der Dichter und Theologe Johann Gottfried Herder sagte deshalb einst über ihn: "Er ist es, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgewecket und losgebunden hat." Schiller, Lessing, Goethe bis hin zu Brecht orientierten sich in ihren Werken an der Sprache des Reformators.

    Und heute? Was würde Luther wohl zur aktuellen Gender-Sternchen-Debatte sagen? "Ich glaube, er hätte gesagt, das mache ich nicht. Man muss so sprechen, wie es die Leute gewohnt sind und ihnen nicht irgendetwas oktroyieren. Er war zwar einerseits mit Blick auf Frauen in den Klöstern progressiv, war aber auch ein Kind seiner männlichen Zeit", meint Sprachforscher Günther. Aber wie heißt es so schön in der Luther-Bibel: "Es geschehen noch Zeichen und Wunder."

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