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Der "Weltveränderungspoet" Volker Braun wird 80 | BR24

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Volker Braun 2012 bei der Bekanntgabe der Preisträger des Kunstpreises der Landeshauptstadt Dresden im Kulturrathaus in Dresden.

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Der "Weltveränderungspoet" Volker Braun wird 80

Volker Braun geht es immer ums Ganze – und damit eckte und eckt der Schriftsteller ganz schön an, nicht nur in der DDR, auch im wiedervereinigten Deutschland. Heute wird der poetische Feuerkopf 80 Jahre.

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Wenn Literatur und Politik sich in die Quere kommen, entsteht immer eine besondere Dramatik, die über rein poetische Bedeutsamkeiten weit hinaus reicht. Von solcher Dramatik wurde das Werk von Volker Braun die längste Zeit begleitet, oft behindert, besonders in der DDR, nicht selten aber auch befeuert, auch noch im wiedervereinigten Deutschland. Als er die 60 überschritten hatte, umriss er Anfang der 90er Jahre im Gedicht "Der Weststrand" die Spannweite seiner historischen Erfahrungen: "Sechzigmal der Wechsel der Jahreszeiten/ Dreimal der Wechsel der Zeitalter/ Darunter machst du es nicht;/ nimm/ Die Dinge, wie sie nicht länger sind/ Mit kalter Achtung: kein Passant .../ en passant."

Der Dichter, dem es immer ums Ganze geht

Als Fährmann und Lotse will Volker Braun sich also nicht sehen, dennoch war er immer viel mehr als ein Passant, der nur vorübergeht. Geboren am 7. Mai 1939 in Dresden, kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, wuchs er in den Trümmern der zerbombten Stadt auf. Kaum hatte er in den 60er Jahren mit dem Schreiben angefangen, mischte sich schon die sozialistische Funktionärsherrschaft in seine Arbeit ein. Früh begann er damit, dem "Monolog der Macht" mit seinem "Gegentext" zu widersprechen. Dabei ist es geblieben. Gleich ob er sich als Lyriker, Erzähler, Theaterautor oder Essayist äußert, bei Volker Braun geht es immer ums Ganze, nicht nur der Dichtung, sondern auch der Gesellschaft.

Zu DDR-Zeiten hatte er es sich zur Aufgabe gemacht "den Sozialismus solange zu bekämpfen, bis er steht". Nach der Wiedervereinigung weigerte er sich, die Reduzierung der Menschheitshoffnungen auf den freien Markt hinzunehmen. Inzwischen ist seine nach dem Mauerfall lang anhaltende Enttäuschung über verlorene historische Möglichkeiten abgeklungen. Doch seine Weltveränderungspoetik bleibt weiter gültig. "Wir haben jetzt vielleicht eine andere Erfahrung, einen anderen Raum von harter und merkwürdiger Bewegung, aber das ist das Element, in dem das Denken sich bewegt," so Braun.

Kampf gegen Ungerechtigkeit

Volker Braun hat seine poetische Arbeit immer als Einmischung in den Fortgang der Geschichte begriffen. Auf eigenwillige, immer triftige und emphatische Weise verbindet er dabei die Erfahrungen des Persönlichen, Politischen und Historischen. Da steht der Mut dessen, der die Utopien nicht aufgeben will, neben Momenten der Trübsal und Erbitterung, der Widerstandsgeist des Kritikers neben dem sarkastischen Gleichmut des Hoffenden. Und der Dichter zeigt sich als poetischer Feuerkopf, der im Namen des Menschen und seiner Sinnlichkeit gegen alle Profiteure von Ungerechtigkeit zu Felde zieht. "Wenn wir diese Mentalität behalten, nach dem Unrecht zu fragen, und die Verhältnisse in ihren Widersprüchen zu beschreiben," erklärt Braun, "dann wird uns vielleicht vorgeworfen, dass wir nicht die reine Freude über das heutige Dasein verströmen, aber das ist auch nicht zu erwarten und das ist nicht die Intention einer solchen Arbeit."

Für seine kritische Widerrede wurde Volker Braun mitunter wenig geliebt. Den Respekt in Form höchster Preise, wie dem Nationalpreis der DDR und dem Büchner-Preis, hat man ihm dennoch nicht vorenthalten. Tatsächlich gibt es ja auch wenige wie ihn, die einen poetischen Gestus verkörpern, der in moderner Intonation Jahrhunderte deutscher Dichtung überspannt, von den klassischen Höhepunkten eines Klopstock bis hin zur Sächsischen Dichterschule, zu der Volker Braun gehört und deren Platz in den Literaturgeschichten längst gesichert ist.

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