BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Vivian Gornick und ihre Hymne auf Manhattan | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / imageBROKER

In Manhattan zu wohnen ist ein Lebensziel – sagt die Schriftstellerin Vivian Gornick

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Vivian Gornick und ihre Hymne auf Manhattan

Manhattan ist für sie der Mittelpunkt der Welt. Jetzt hat die Schriftstellerin Vivian Gornick ihrer Heimatstadt ein Denkmal gesetzt: "Ein Frau in New York" ist ein autobiografischer Text über Spaziergänge, Gespräche und das Glück der anonymen Menge.

Per Mail sharen

Kurz bevor die Corona-Pandemie die US-Amerikaner zwang, zuhause zu bleiben und in New York täglich mehrere hundert an Covid-19 erkrankte Menschen starben, veröffentlichte die New Yorker Schriftstellerin Vivian Gornick das Buch „Unfinished Business“. Es handelt vom Genuss, den das Wiederlesen von Lieblingsliteratur ihr verschafft und davon, dass Lektüre hilft, das Chaos im Kopf für eine Weile zu vergessen. Dieses Buch setzten Kritiker der New York Times im April auf die Empfehlungsliste, aber auch auf ein früheres Buch von Vivian Gornick greifen sie zurück: "An Odd Woman in New York" erschien 2015. Der Münchner Penguin Verlag hat jetzt die deutsche Übersetzung herausgebracht: "Eine Frau in New York". Diese Frau, das ist Vivian Gornick selbst.

Vivian Gornick ist in der Bronx aufgewachsen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts ging es im nördlichsten Bezirk von New York City noch zu wie auf dem Dorf. "Von frühester Jugend an wusste ich, dass es einen Mittelpunkt-der-Welt gab und ich weit davon entfernt existierte", schreibt die Schriftstellerin dazu. "Gleichzeitig war mir klar, dass Downtown Manhattan nur eine Subway-Fahrt entfernt lag. Manhattan war Arabia."

Eine Hymne auf Manhattan

In Manhattan zu wohnen wurde ein Lebensziel. Die Stadt, davon ist Vivian Gornick überzeugt, brauche man, weil sie einem "Beweise für die Ausdrucksfähigkeit der Menschheit" schenke. Sie hat New York allenfalls verlassen, um Vorträge an Universitäten anderer Bundesstaaten zu halten.

"In den meisten Städten der Welt ist die Bevölkerung in jahrhundertealten, kopfsteingepflasterten Gassen, Kirchenruinen und architektonischen Relikten verwurzelt. Nichts davon wird jemals wieder ausgegraben, sondern einfach nur immer wieder neu übereinandergestapelt. Wenn man in New York aufgewachsen ist, sieht man das Leben nicht als Archäologie von Strukturen, sondern von Stimmen, die ebenfalls einfach übereinandergestapelt sind, aber ohne sich gegenseitig zu ersetzen."

Immer wieder erinnert Gornick in ihrem autographischen Memoir an Frauen, für die die Stadt zwischen Hudson und East River lauter Versprechungen bereit hielt. So rettete sich die 1883 in Connecticut geborene Mary Britton Miller aus einer Atmosphäre "melodramatischen Stumpfsinns" nach New York. Unter dem Pseudonym Isabel Bolton veröffentlichte Miller Geschichten, in denen es einer jeden Frau gelingt, "einen Handel mit dem Leben abzuschließen, weil sie die Stadt hat, die sie lieben kann".

© Mitchell Bach

Vivian Gornick

Gornick erzählt freimütig von ihrem Hang, die Jahre "zu verträumen". Sie erzählt von gescheiterten Ehen und wechselnden Affären, von einem grundtiefen Gefühl des Alleinseins, das die stets übervollen Straßen verlässlich linderten. Bis in die späten 70er Jahre war Vivian Gornick als Reporterin für die Wochenzeitschrift The Village Voice unterwegs. Sie schreibt noch immer Literaturkritiken und Essays für die New York Times, empfindet ihre Existenz aber als randständig. Nur Fußmärsche, schreibt sie, können ihr "wundes, zorniges Herz" heilen. Oft verabredete sie sich für diese Gänge mit einem seelenverwandten Freund. Während man die beiden vor dem inneren Auge vom West End zur Lower East Side begleitet, sinnt man ihren klugen, manchmal sarkastischen Gesprächen über Freundschaften und inneres Exil, Literatur und alltägliche Niederlagen, Geschlechter- und Klassenunterschiede nach. Für ihr Buch "Romance of American Communism" hat Gornick ehemalige amerikanische Parteiführer befragt.

Heilende Fußmärsche

Ihr großes "Schlachtfeld" war aber der Feminismus: "Die Ehe ist eine Institution der Unterdrückung! Liebe ist Vergewaltigung! – Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir klar, dass wir, die Feministinnen der siebziger und achtziger Jahre, primitive Anarchistinnen geworden waren. Wir wollten keine Reform, nicht mal Reparationen; wir wollten das gesamte System zerschlagen, die gesellschaftliche Ordnung zugrunde richten, egal, mit welchen Folgen. Scheiß auf Kinder! Scheiß auf Familie! Es ist an der Zeit, unser Leid zu zeigen und andere spüren zu lassen, wie das für uns ist. Nach uns die Sintflut!"

Das Glück der anonymen Menge

Es gibt keine Selbstgefälligkeiten in diesem Memoir. Das allein ist großartig. Vivian Gornick versteht es meisterhaft zwanglos zu plaudern und Gedanken zur Ästhetik mit zufällig aufgeschnappten Äußerungen Vorbeigehender zu verknüpfen. Sehnsucht nach einem vergangenen New York erlaubt sich die Autorin nicht. Das Gedenken an die Anschläge vom 11. September 2001 kappt den nostalgischen Sog. Und nun bildet das Corona-Virus eine weitere Zäsur. Die Straßen verwaisten schlagartig. Auf Hark Island wurde Anfang April damit begonnen, temporäre Massengräber auszuheben. Das Alltagstreiben wird so schnell nicht in die Metropole zurückkehren – und mit ihm die Lust, sich in der Menge zu verlieren. Vivian Gornick hat ihre Liebeserklärung an New York 2015 publiziert. Die in Hochhäusern lebende, sozusagen "im freien Raum verankerte Menschenansammlung" weckte bei ihr stets hoffnungsvolle Gefühle. Wir begreifen, dass die schiere, anonyme Menge Glück auslösen und – das wird für Vivian Gornick noch immer gelten – "mehr beruhigen kann als alle Erklärungen."

"Eine Frau in New York" ist, übersetzt aus dem Englischen von pociao im Penguin Verlag erschienen.

© Pinguin Verlag / Montage BR

"Eine Frau in New York" von Vivian Gornick

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Die wöchentliche Dosis Literatur – der Diwan als Podcast. Hier abonnieren!