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Virologie versus Politik: Kritisches Weltwissen auf der Probe | BR24

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Wie die Pandemie-Situation unsere Art, kritisch zu denken, auf die Probe stellt.

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Virologie versus Politik: Kritisches Weltwissen auf der Probe

Im Zweifel gegen den Zweifel? Die Corona-Pandemie hat öffentliche Debatten nachhaltig verändert und unser kritisches Denk-Besteck neu sortiert. Über falsche Zweifel, vorläufige Gewissheiten und geglaubte Aufklärung.

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Von
  • Beate Meierfrankenfeld

Am Anfang waren die Fledermäuse. Oder die Gürteltiere, so genau wusste man das gar nicht. Sicher war nur: Es ging um Wuhan, China. Dort sollte ein Virus auf einem Markt vom Tier auf den Menschen übergesprungen sein. Weit weg also – noch dazu in einer Kultur mit eigenartigen Essgewohnheiten. Exo-tisch, irgendwie unaufgeklärt.

Auch die Wissenschaft hielt die Lage zunächst auf Distanz. So äußerte sich etwa Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, im Januar 2020 noch zuversichtlich: "Deutschland ist absolut gut vorbereitet. Wir haben ein hervorragendes Gesundheitssystem, insofern ist die Gefahr für die deutsche Bevölkerung eher gering."

Vorantastende Erkenntnis

In den folgenden Wochen wurden seine Auftritte in einem engen Hörsaal zur neuen Routine der Wissensvermittlung. Wieler vermeldete Zahlen, erklärte sperrige Begriffe wie "Inzidenzwert" und "Reproduktionszahl" und schon im März war der Optimismus Wielers einer alarmierten Lagebeschreibung gewichen: "Wir alle sind in einer Krise, die ein Ausmaß hat, das ich mir selber nie hätte vorstellen können."

Vorstellungskraft, virologische Fantasie, Modelle, die in die Zukunft rechnen: Wissenschaft strebt nach Klarheit, aber gerade, weil sie das tut, sind ihre Antworten prinzipiell vorläufig. Neue Erkenntnisse räumen alte aus oder modifizieren sie. Dass diese Vorläufigkeit kein blindes Hantieren mit Irrtümern ist, sondern ein sich vorantastendes Wissen, diese Erkenntnis hat Corona beinahe populär gemacht.

Schaukämpfe der Virologen

Es gehört zur Pandemieerfahrung der ganzen Gesellschaft, dass alles unter Virusvorbehalt geriet: Schulunterricht, Parteitage, Reisepläne. Das Alltäglichste war plötzlich epidemiologisch relevant, die Medien wurden zu Volkshochschulen der Pandemiebildung. Sie lieferten guten Wissenschaftsjournalismus ab – konnten aber nicht immer der Versuchung widerstehen, kleinteilige Kontroversen der Fachleute als persönliche Schaukämpfe zu inszenieren: Podcast gegen Podcast, Alexander Kekulé gegen Christian Drosten.

Was eben dieser Professor Drosten ziemlich bündig zurückwies: "Jetzt nur mal das Beispiel Kekulé: Was der sagt, ist praktisch immer richtig. Das kann ich so ganz freimütig sagen, ohne jeden Groll oder jede Schauspielleistung. Die Kontroverse im Fach liegt viel tiefer vergraben, die kann man nicht in der Medienöffentlichkeit erklären."

Zwiespältige Rolle der Öffentlichkeit

Daraus folgt jedoch keineswegs, dass die Öffentlichkeit lieber schweigen sollte. Politik ist – auch das haben wir im Coronajahr gelernt – keine angewandte Virologie. Sie hat viele verschiedene Interessen zu berücksichtigen, und Demokratie muss diesen Interessensausgleich offen debattieren. Erst recht in einer Pandemie, in der die Öffentlichkeit nicht nur Medium der Meinungsbildung ist, sondern sozusagen Schauplatz des Geschehens: Wenn es darauf ankommt, dass alle mitmachen, müssen möglichst viele überzeugt sein.

© dpa-Bildfunk Felix Kästle

Teilnehmer eines "Querdenken"-Gottesdienst

Trotzdem ist Debatte unter Pandemiebedingungen kein einfaches Geschäft. Der Druck der Bilder überlasteter Intensivstationen und aufgereihter Särge wiegt schwer – vermutlich tendierte die politische Kritik deshalb zum ganz Grundsätzlichen. Intellektuelle sprachen von Bürgerkrieg, Totalitarismus und der "Auslöschung des Mitmenschen" im Social Distancing.

Zweifel: methodisches Hinterfragen oder plumpes Dagegensein

Und bei Protesten gegen die Coronapolitik schossen Diktaturvergleiche und Widerstandserzählungen über jedes Maß hinaus. "Unsere Obersten da tun lassen, ohne zu hinterfragen, könnte gefährlich werden," sagte eine Teilnehmerin auf einer "Querdenken"-Demonstration in Stuttgart. Richtig daran ist: Das Hinterfragen, der Zweifel, ist nicht nur eine produktive Erkenntnismethode, sondern in der Demokratie beinahe Bürgerpflicht. Blindes Vertrauen gegenüber der Obrigkeit verträgt sich nicht mit der Grundannahme, der beste Weg werde unter Alternativen ausgehandelt.

Andererseits ist der, der das "Querdenken" zum Prinzip macht, meist doch nicht so richtig an dieser Aushandlung interessiert. Die wohl wichtigste Lehre lautet deshalb: Skepsis hilft nur weiter, wenn sie nicht aufs Totale zielt. "Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht", schrieb Ludwig Wittgenstein. Und Angela Merkel sagte vor dem Dezemberlockdown im Bundestag: "Ich glaube an die Kraft der Aufklärung. Dass Europa heute dort steht, wo es steht, hat es der Aufklärung zu verdanken und dem Glauben daran, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die real sind und an die man sich besser halten sollte."

Aufklärung als Glaubensfrage

An die Aufklärung glauben! Das klingt wie ein Widerspruch in sich und wie eine sanfte Kränkung unseres kritischen Selbstverständnisses. Corona verstärkt diese Kränkung: Das Virus ist nicht kritisierbar, es macht einfach weiter, sucht nach Wirtswesen, mutiert, verbreitet sich. Und ist vom Menschen zurück zum Tier gewandert. Diesmal in dänischen Pelztierfarmen, wo Käfig an Käfig steht, was uns erstaunlicherweise weniger archaisch vorkam als der Wildtiermarkt in Wuhan. Millionen Nerze wurden eilig getötet, die Kadaver vergraben und dann von Fäulnisgasen wieder an die Oberfläche getrieben. Ein dunkles Novemberbild vom Rande der Pandemie, wie aus einer Höllenfantasie des Hieronymus Bosch. Die Aufklärung hat ihre toten Winkel.

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