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Virologe Drosten: Friedrich Schiller würde Maske tragen | BR24

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Über Freiheit und Verantwortung: Christian Drosten hielt am Literaturarchiv Marbach die "Schillerrede"

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Virologe Drosten: Friedrich Schiller würde Maske tragen

Was hat ein Virologe zu Friedrich Schiller zu sagen? Wie interpretiert er mitten in der Corona-Pandemie Schillers Themen Freiheit und Verantwortung? Christian Drosten hielt dazu jetzt am Literaturarchiv Marbach die renommierte "Schillerrede".

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Von
  • Christian Gampert

"Die Freude an der Erkenntnis darf also auch in der jetzigen Situation unser verantwortungsvolles Handeln antreiben. Von daher bin ich mir recht sicher: Auch Friedrich Schiller würde Maske tragen." So endet die Schillerrede des Berliner Virologen Christian Drosten von der Charité. Er hält es mehr mit der Freiwilligkeit des Einzelnen und der Erkenntnisfreude des Friedrich Schiller als nur mit dem Kant'schen Pflichtgefühl. Und das ist in der Corona-Pandemie ein politisches Statement: Drosten setzt vor allem Selbstverantwortung. Und steckte gleich anfangs den Rahmen ab: Er wolle sich nicht als Schiller-Interpret aufspielen und den Dichter auch nicht für sich vereinnahmen. Er sehe Schiller als "Weltbürger, der keinem Fürsten dient". Und er selbst sei dankbar, unter liberaleren Verhältnissen als der Dichter "frei und unabhängig" forschen zu können.

Plädoyer für die Verantwortung des Einzelnen

Drostens Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaft und für die Verantwortung des Einzelnen hört sich teilweise etwas allgemein an. Aber wenn man genauer hinhört, grenzt Drosten sich vor allem von den Zumutungen der Politik ab - von der der Wissenschaftler sich keinesfalls instrumentalisieren lassen dürfe. Er arbeite nach wissenschaftlichen Regeln und sei "unabhängig von möglichen Erwartungen und Interessen Dritter", sagte Drosten. Die Abhängigkeit der Forschung von privaten und staatlichen Geldgebern ließ er großzügig weg und verwies lieber auf die Freiheit, Forschungsergebnisse "ungehindert mit anderen teilen zu können". Er selber stehe in der Verantwortung, Wissenschaft transparent zu machen und mit der Öffentlichkeit in einen Dialog einzutreten. Das sei mindestens so wichtig wie die Entwicklung neuer Impfstoffe. Letztlich bestimmten wir alle durch unser Verhalten, "ob die Lage sich verschlimmert oder verbessert". Und: Drosten brachte Friedrich Schiller gegen Immanuel Kant in Stellung.

Brauchen wir einen "pandemischen Imperativ"?

Was aber bedeutet "verantwortliches" Handeln? Reicht es, frei nach Schiller, aus, die Menschen auf ihre freie Entscheidung hinzuweisen, in der Pandemie nur aus Neigung und ohne äußeren Zwang das Richtige, Vernünftige zu tun? Oder brauchen wir, frei nach Immanuel Kant, einen eher strengen Hinweis auf Pflicht und Verantwortung? Eine Art pandemischen Imperativ: "Handle in einer Pandemie stets so, als seist du selbst positiv getestet und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an"?

Aufschlussreich waren Drostens Bemerkungen zur Rolle der Wissenschaft im täglichen Corona-Meinungskampf. Auch hier eine Absage an die Politik: Der Forscher müsse authentisch, also bei sich "und dem erlernten methodischen Rüstzeug" bleiben und "keinem Fürsten“ dienen. Er habe den Job, unangenehme Wahrheiten zu kommunizieren und "ausgemachten Unsinn beim Namen zu nennen". Zur Unterscheidung von Biologie und Politik fand Drosten eine prägnante Formel: "Das Virus verhandelt nicht und geht keine Kompromisse ein."

Der Forscher darf keinem Fürsten dienen

Das war dann der eigentliche Knackpunkt von Drostens Rede: Die hochgefährliche, explosive Pandemie von der "linearen Entwicklung" zu unterscheiden, an die wir alle als politisch denkende Menschen gewöhnt seien. "Viren haben das Potential, sich exponentiell zu vermehren." Daraus ergebe sich das sogenannte "Präventions-Paradoxon": Aktuell werden die von der Politik erlassenen Beschränkungsmaßnahmen allzu oft auf der Basis des Status quo beurteilt. Dem exponentiellen Wachstumspotential des Virus wird nur in Teilen der Gesellschaft Rechnung getragen. Dementsprechend werden die Maßnahmen nur allzu oft als übertrieben oder verfrüht gebrandmarkt. Noch viel schwieriger ist die rückblickende Bewertung von Maßnahmen der Vorbeugung, also die Anerkennung dessen, das nicht eingetreten ist, weil es mit Kraftanstrengungen vermieden wurde.

Kurskorrekturen sind kein Scheitern

Es gebe, sagte Drosten, leider nur ein begrenztes öffentliches Verständnis für die Logik wissenschaftlicher Erkenntnis: Theorien könnten sich als falsch erweisen und trotzdem wichtige Aufschlüsse liefern. In der Politik aber würden Kurskorrekturen immer als Scheitern des Politikansatzes gesehen. Das sei falsch, und man müsse in der Pandemie letztlich zu einer Politik der kleinen Schritte kommen.

In diesen Teilen, Naturwissenschaft gegen Politik, war das eine provokante Rede, die von Drosten mit großer Bescheidenheit und fast demütig vorgetragen wurde. Man mag manches daran enttäuschend unspezifisch finden - und Drostens Vertrauen in das ökonomisch abhängige Wissenschafts- und Gesundheitswesen naiv. Aber in diesen hochexplosiven Zeiten hat Drosten – mit Schiller – die Freiheit der Forscher verteidigt, völlig unabhängig von der Politik, Ergebnisse und Schlussfolgerungen zu präsentieren. Sieht man sich die oftmals dienende Rolle von Virologen in China, Russland und den USA an, dann ist das viel.

Die Rede kann man online nachhören unter https://www.youtube.com/user/LiMo606

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