BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Gleich viermal im Fokus: Der Lyriker Paul Celan | BR24

© picture alliance / Richard Knoll

2020 ist das Jubiläumsjahr des Lyrikers Paul Celan: Am 23. November wäre er 100 Jahre alt geworden.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Gleich viermal im Fokus: Der Lyriker Paul Celan

Die "Todesfuge" machte Paul Celan zum Dichter des Holocaust. Jetzt gibt es sogar eine "Biografie" über sein berühmtestes Gedicht – und drei weitere Neuerscheinungen, die sich dem bedeutendsten Lyriker der Nachkriegszeit auf eigene Weise nähern.

Per Mail sharen

Paul Celan, Dichter des Holocaust, Jude, Opfer. Der Urheber der "Todesfuge" wurde zum Märtyrer überhöht, zu einem Mythos – wie das Gedicht selbst, in dem einige die NS-Verbrechen transzendiert sahen, den Judenmord poetisiert.

Dabei war es alles andere als diese "Entwirklichung", die Paul Celan suchte. Vielmehr bestand er – Zeit seines Lebens – darauf, dass seine Texte von Realität und konkretem Erleben durchtränkt sind. Und so ist es denn auch nichts weniger als die Entmystifizierung des Mythos Paul Celan, die sich vier Neuerscheinungen zum 100.Geburtstag des Lyrikers vorgenommen haben.

1. "Todesfuge – Biografie eines Gedichts" von Thomas Sparr

Der Literaturwissenschaftler und ehemalige Suhrkamp-Geschäftsführer Thomas Sparr hat ein interessantes Projekt verfolgt. Er sagt: "Ich spreche von der Biographie eines Gedichts, weil Celans 'Todesfuge' an den Knotenpunkten seiner Biographie immer wieder auftaucht, gerade dann wenn man sie nicht vermutet, unmittelbar wie vermittelt, explizit oder verborgen." Und statt einfach nur ein weiteres Mal die Biografie Paul Celans abzuarbeiten, will er von der seines wohl bekanntesten Gedichts berichten, schreibt dann aber doch eher vorhersehbar vom Leben des Autors Celan. Gemäß Celans Poetik der Orte und Daten malt Thomas Sparr Kulissen aus historischen Schauplätzen, Städten, Menschen und Stimmungen: "Zeiträume", wie der Autor sagt, vor denen er die Biographie des Dichters und sein vielfältiges soziales Netz nachzeichnet. Die 20 Kapitel sind jeweils mit Städtenamen und Jahreszahlen überschrieben. Eingebunden in diese chronologische Topographie: die Entstehungs-, Publikations- und Wirkungsgeschichte der "Todesfuge". Dass diese eine Geschichte der Verkennung ist, ist nicht neu. Sparrs Gegenprojekt schon. "Die Todesfuge ist ein Störenfried der deutschen Literaturgeschichte.", schreibt er. "Den einen war sie zu schön, den anderen zu schlicht; mal wurde sie als Plagiat eingestuft, dann wieder als surrealistisch. Aber keiner schaute genau hin, was ihre Entstehung oder buchstäblich ihre Zusammenfügung anging. Dabei verlaufen die Linien nicht geradlinig. Gewiss hat sich die Literaturkritik mit ihrer hohlen Rhetorik und ihrem existentialistischen Gedröhne vor diesem Gedicht blamiert, während die Geschichtswissenschaft es bis heute nicht wahrgenommen hat."

© picture alliance / Rolf Haid

Anselm Kiefers Gemälde "Für Paul Celan: Ascheblume" ist dem Lyriker gewidmet

Der langen Geschichte der Fehlinterpretation der "Todesfuge" als absolute Poesie, als poésie pure, in der ihr historischer Gehalt – der Mord an den Juden – sich aufzuheben droht, setzt Sparr nun also die Akribie und Faktenliebe eines Historikers oder Quellenforschers entgegen. Celan schrieb das Gedicht unter dem Eindruck von Berichten über die Konzentrationslager Ende 1944 oder Anfang 45; dann – 1952 – der Reinfall mit seinem Vortrag der "Todesfuge" vor der Gruppe 47; die auf das sprachliche Kunstwerk statt den Wirklichkeitsbezug fixierte Kritik bei der deutschen Erstpublikation; boshafte und verletzende Plagiatsvorwürfe durch Claire Goll, Übersetzungen, Vertonungen, internationale Reaktionen. Anschaulichkeit und Detailreichtum von Sparrs Blick beeindrucken.

Die Todesfuge als Zeitdokument und Zeugenaussage

Trotzdem lassen eigentlich erst die abseitigeren oder kuriosen Konstellationen wirklich aufmerken. Der Gegensatz etwa zwischen einer an Werkimmanenz und literarischen Traditionen klebenden Literaturwissenschaft einerseits und dem Verständnis der "Todesfuge" als Zeitdokument im Schulunterricht andererseits. Oder wenn Sparr das Gedicht als eine Art "Zeugenaussage" in den Versuch der Ahndung der Naziverbrechen durch Fritz Bauer einspeist. Auch die Rezeption Celans und der "Todesfuge" in der DDR ist bemerkenswert, wo das Gedicht Mitte der 1980er-Jahre zum Ausgangspunkt für die Untergrundzeitschrift "radix.blätter" wurde. Im Laufe des Buches bewegt sich Thomas Sparr allerdings immer wieder weit weg vom eigentlichen Vorhaben, die Biographie eines Gedichtes zu schreiben. Die Rückbezüge auf die Todesfuge wirken stellenweise bemüht und angestrengt. Wenn aber, wie Sparr es im Schlusskapitel ausführt, die "Todesfuge" zum Inbegriff von Celans Prinzip eines Beharrens auf nicht abschließbare Vergangenheit wird, erscheinen diese Umwege folgerichtig. Durchhaltevermögen beim Lesenden erfordern sie trotzdem.

© DVA

Buchcover zu Thomas Sparr: "Todesfuge. Biografie eines Gedichts"

2. "Celans Zerrissenheit" von Helmut Böttiger

"Die Leute erschrecken immer, wenn ich lache. Ich bin doch schließlich der tragische Dichter." (Paul Celan)

Im Gegensatz zur Einschätzung Paul Celans, die der Publizist und Literaturkritiker Helmut Böttiger ziemlich früh in seinem Buch zum Jubiläumsjahr zitiert, ist die Kombination aus Lachen und Tragik eigentlich kein Widerspruch. Denn: Lachen ist nicht gleich lustig. Und tragisch nicht gleich traurig. Tragisch ist viel eher das Dilemma, ein Zwischen-den-Stühlen-Sitzen, die Zerrissenheit, die Entscheidungen schwer macht oder mit jeder Entscheidung hadern lässt.

Eben dieser existenziellen Tragik Celans, also "Celans Zerrissenheit" geht Böttiger denn auch in seinem gleichnamigen Buch nach. Da ist die Zerrissenheit Paul Celans zwischen der Muttersprache Deutsch, die mit den Nationalsozialisten aber auch zur Sprache der Mörder wurde. Immer wieder muss der Dichter den Abgrund zwischen beiden in seinen Texten aufreißen. Da ist auch der große Spalt, der sich auftut im Verhältnis Celans zum westdeutschen Literaturbetrieb der 1950er- und 1960er-Jahre, für den Böttinger Fachmann ist. So schreibt er: "Celan war einem bestimmten 'deutschen Geist' gegenüber weitaus weniger empfindlich als seine ihm politisch eigentlich entsprechenden bundesdeutschen Generationskollegen. Dadurch entstand zwischen ihm und seinen potenziellen Bündnispartnern im Literaturbetrieb eine atmosphärische Kluft, die nicht zu überbrücken war."

Dichter wie Hölderlin, Trakl oder George verkörperten für Paul Celan den Inbegriff des "Deutschen Geistes". Zeitpolitisches Engagement oder stilistische Nüchternheit eines Hans Werner Richter, Heinrich Böll oder Günter Grass passten nicht dazu. Der eben auch vorhandene latente Antisemitismus einer Gruppe 47 und so manche unaufgearbeitete Nazi-Vergangenheit erst recht nicht. Trotzdem hoffte der Jude Celan genau hier auf Widerhall seiner Texte. Und wurde enttäuscht. Im Verhältnis Celans zu Martin Heidegger kristallisiert sich dieses Dilemma mit den Deutschen noch einmal besonders. An Hölderlins Ode "Andenken", deren Deutung bei Heidegger und an Celans eigenem Gedicht "Andenken" zeigt Helmut Böttiger, wie bei aller Übereinstimmung der drei darüber, dass Dichtung Wahrheit sucht und Bleibendes schafft, Celan sich doch nie von Historie – mit all ihrer Gewalt – befreien wollte. Andenken ist bei Celan immer Totengedenken und kann – anders als bei Heidegger – historische Gräuel nicht überspringen und ausblenden.

© Galiani

Buchcover zu Helmut Böttiger: "Celans Zerrissenheit"

3. "Nahe Fremde" von Wolfgang Emmerich

Dass alle von Böttiger entfalteten Spannungsfelder letztlich auch einer Kränkungs- und Krankengeschichte Weg bahnten, erfährt man besonders intensiv bei Wolfgang Emmerich. In seiner über 300 Seiten langen Studie "Nahe Fremde" analysiert der Germanist, wie auch Böttiger, das ambivalente Verhältnis Paul Celans zu Deutschland. Emmerich spürt den feinsten Verästelungen der Verletzungen und Kränkungen nach, die Celan durch Literaten, Freunde oder Rezensenten erfuhr beziehungsweise als solche empfand.

Er seziert Gedichte, schlüsselt Intertexte auf, zitiert Briefe. Sein Buch ist literaturwissenschaftliche Analyse, soziokulturelle Studie und Biographie in einem. Um am Ende das Muster von der binären Zerrissenheit Celans ganz aufzulösen. Nicht die Spannung zwischen zwei Polen erkennt Emmerich als Grundmuster der Celanschen Tragik, sondern eine Dreieckskonstellation: Jude – Deutscher – Franzose. Und dazwischen, wie er schreibt, der Dichter: "Ja, er ist ein Jude, der deutsch denkt, spricht und schreibt. Und er ist ein französischer Citoyen aus Überzeugung. Doch mehr als das alles ist er ein Dichter, der imstande ist, diese Teil-Identitäten in sich zu tragen, ohne eine von ihnen zu verleugnen und ohne einer von ihnen absolute Geltung zuzugestehen.

Als Dichter kann Celan die Spannungsfelder produktiv machen, das zunehmend erdrückende Netz der Konflikte in Literatur überführen. Als Mensch hat er das nicht immer geschafft, fühlte sich bedrängt, eingeengt, in der Falle. In der er eigentlich ja nie alleine saß.

© Wallstein

Buchcover zu Wolfgang Emmerich: "Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen"

4. "Todtnauberg" von Hans-Peter Kunisch

Paul Celan und Martin Heidegger sitzen im VW Käfer des jungen Germanisten Gerhard Neumann, der sie nach Todtnauberg fährt. Die Hütte Heideggers ist das Ziel, danach ein Spaziergang im Moor. So hat es sich Celan gewünscht und auch Heidegger glaubt, das könnte dem Gast aus Paris gut tun. Der Journalist Hans-Peter Kunisch beschreibt die Szene so: "Der Käfer hat sich in einen rollenden Käfig verwandelt, der sich den Berg hoch müht. Stark aufgeladen, konfrontiert er die beiden Herren im Fond mit ihrem Leben. Geschichte ist das eine Gefängnis, aus dem keiner entkommt. Alle in diesem Auto müssen sich mitten im schrecklichen 20. Jahrhundert bewähren. Sie haben es auf sehr unterschiedliche Weise versucht und die Aufgabe in sehr unterschiedlicher Weise erledigt. Ja, auch der Fahrer. Der Käfer nimmt sie alle mit auf den Weg, lässt keinem die Wahl."

Celan hatte lange über eine Begegnung mit dem bewunderten Denker nachgedacht, den er doch eigentlich hassen müsste. Am 25. Juli 1967, nach einer Lesung am Vorabend in Freiburg, ist es soweit. Die Erwartung ist hoch, vielleicht entschuldigt sich Heidegger für seine Verstrickung mit dem Nationalsozialismus und für seinen Antisemitismus? Die Enttäuschung ist dann aber groß.

Es ist, als würden auch wir sie fühlen. Denn voller erzählerischer Verve hat Hans-Peter Kunisch seine Leserinnen und Leser mitgenommen auf den denkwürdigen Ausflug in den Schwarzwald. Der Journalist schreibt mit seinem Buch "Todtnauberg" eine Art Thriller über die "unmögliche Begegnung" von Celan und Heidegger. Er malt die Gedankenwelt der beiden Protagonisten romanhaft aus, mischt authentische Quellen, an die er wiederum fiktive innere Gedankengänge koppelt bis hin zum nicht überlieferten Dialog zwischen Celan und Heidegger. "So könnte es gewesen sein" ist der lakonische Satz, der das vorher geschilderte Gespräch in der Mitte des Buches wieder in fiktive Klammern setzt. Genau hinein geschaut in die Denkweisen, biographischen Verwicklungen und Erklärungsmuster der beiden Protagonisten hat man bis dahin aber längst. Und viel erfahren über den Dichtungsbegriff, der Heidegger und Celan verbindet. Aber auch über den tiefen Abgrund, der sich auftut zwischen dem nationalsozialistischen, antisemitischen Denker und dem Juden und poetischen Mahner gegen das Vergessen.

Nach dem 25. Juli 1967 hat es noch zwei weitere Begegnungen zwischen Celan und Heidegger gegeben. Sie waren weit weniger bemerkenswert als die erste. Und obwohl Kunisch sich darum bemüht, auch ihnen Farbe und Spannung zu verleihen, verliert das Buch nach der Schilderung des ersten Treffens und auch seiner literarischen Nachwirkungen an Zug. Die originelle Erzählweise kann der Autor nicht durchhalten. Schade für den, der sich von ihr gleichermaßen unterhalten und informiert fühlte. Für den, der in ihr ohnehin die Gefahr zur neuen Mythenbildung sah, ist es erholsam. Denn ein neuer Mythos wäre ja das Letzte, was Paul Celan um sich und sein Leben hätte entstehen sehen wollen.

© dtv

Buchcover zu Hans-Peter Kunisch: "Todtnauberg"

Thomas Sparr: Todesfuge. Biografie eines Gedichts. DVA 2020, 22,- EUR

Helmut Böttiger: Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist. Galiani Berlin 2020, 20,- EUR

Wolfgang Emmerich: Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen. Wallstein 2020, 24,- EUR

Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung. dtv 2020, 24,- EUR

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!