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Von weitem sind Männer himmlisch: "Vetter aus Dingsda" in Coburg | BR24

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Diese Fernbeziehung endet ernüchternd: 1921 schrieb Eduard Künneke eine Operette über unerfüllte Sehnsüchte und die Liebe nach dem Unerreichbaren. Am Landestheater Coburg macht Jörg Behr daraus ein umjubeltes Kammerspiel mit viel Strass und Trash.

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Von weitem sind Männer himmlisch: "Vetter aus Dingsda" in Coburg

Diese Fernbeziehung endet ernüchternd: 1921 schrieb Eduard Künneke eine Operette über unerfüllte Sehnsüchte und die Liebe nach dem Unerreichbaren. Am Landestheater Coburg macht Jörg Behr daraus ein umjubeltes Kammerspiel mit viel Strass und Trash.

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Klar sind die meisten, wenn nicht alle Männer in der Einbildung viel aufregender, schöner, poetischer und vermögender als in Wirklichkeit. Für Frauen gilt vermutlich dasselbe. Also hat Julia de Weert ein echtes Problem, denn sie liebt seit sieben Jahren einen Jugendfreund, der nach Indonesien ausgewandert ist und seitdem nie wieder was von sich hören ließ, eben den "Vetter aus Dingsda". Je länger er weg ist, desto größer und wohl auch desto illusorischer wird Julias Begehren - leibhaftige, anwesende Kerle, und mögen sie noch so charmant sein, können da nicht mithalten.

Der lang Vermisste schwebt aus dem Himmel

Eduard Künneke schrieb 1921 also eine durchaus aktuelle und keineswegs absurde Operette, schließlich warteten damals viele Frauen auf Männer, die im Krieg geblieben waren. Fast immer vergeblich. Julia de Weert dagegen hat diesbezüglich Glück: Sie trifft im dritten Akt tatsächlich auf den Angebeteten von ganz weit weg, und siehe da, er ist mittlerweile ganz anders, als erträumt. Da bricht für sie eine Welt zusammen, da wird eine tiefe Sehnsucht enttäuscht, und wenn das so herbe inszeniert wird wie von Jörg Behr am Landestheater Coburg, kann das durchaus ganz unkitschig zu Tränen rühren. Wie ein Astronaut schwebt der so lang Vermisste Roderich aus dem Himmel, ein Außerirdischer, der seine frühere Jugendliebe längst vergessen hat und ihr auch gern den Erinnerungs-Ring zurückgibt.

© Sebastian Buff/Landestheater Coburg

Sehnsuchtsziel Astronaut

Regisseur Behr lässt das Ganze auf der Vorderbühne und auf dem abgedeckten Orchestergraben spielen, holt das Geschehen also ganz nah an die Zuschauer. Die Musiker sitzen wie ein Show- und Tanzorchester im Hintergrund. Ausstatter Marc Weeger hatte als Hintergrund eine "Grüne Hölle" entworfen, einen Dschungel als Sinnbild für die Träume vom Exotischen, Fernen und Vollkommenen. Ganz hinten, im Dämmerlicht, ist das Brandenburger Tor mit der Quadriga zu erahnen, soviel Berlin-Romantik darf sein. Vorn freilich stehen ein Kühlschrank und ein riesiger, runder Tisch, die wichtigsten Einrichtungsgegenstände der Familie Kuhbrot, die am liebsten frisst und säuft. Beide Sphären verbindet ein Laufsteg, so läuft der "Vetter aus Dingsda" als Revue ab, mit viel Glitzer, etwas Messerwerferei, aber ohne Chor und Ballett. Eine fast trashige, kleinformatige Inszenierung, die bei den Coburger Zuschauern hervorragend ankam.

© Sebastian Buff/Landestheater Coburg

Schnöde Wirklichkeit: Onkel und Tante

Haltloser Tanz auf dem Vulkan

Musikalisch kommt die Berliner Operette ja nicht von Walzer, sondern vom Militärmarsch, da geht es zackig zu, und der Krieg, der allgegenwärtige, wird hier nicht nur in der Textfassung, sondern auch im Bild zitiert, nicht aufdringlich, aber unübersehbar. So ist Jörg Behr optisch ein ausgelassenes, fast morbides Kammerspiel gelungen, ein völlig haltloser Tanz auf dem Vulkan. Dirigent Roland Fister hielt alle Beteiligten trotz der schwierigen Raumaufteilung bestens zusammen, legte klanglich einen fahlen Schatten über die Musik, die sich dadurch nie oberflächlich, sondern meist schillernd anhörte. Einige Rollen waren mit Chorsolisten besetzt, die ihre Aufgaben vor allem schauspielerisch hervorragend meisterten, darunter Anne Heßling als trunksüchtige Hausherrin.

© Sebastian Buff/Landestheater Coburg

Da bricht eine Welt zusammen

Sonderapplaus für Geschenkpapier-Slapstick

Laura Incko war eine berührende Julia de Weert, Peter Aisher ein kraftvoller, aber auch vom Kriegseinsatz traumatisierter Liebhaber. Dirk Mestmacher gab als Egon den Verlierer in Liebesangelegenheiten, dem von den Blumen nur das Geschenkpapier blieb, das aber behandelte er so sorgfältig und liebevoll, dass er dafür Sonderapplaus bekam. Ob der "Vetter aus Dingsda" heutzutage noch was zu sagen hat, muss jeder für sich selbst entscheiden, in Coburg wurde jedenfalls deutlich, warum er einst beim Uraufführungs-Publikum in der frühen Weimarer Republik abräumte. Und dass Onkel und Tante Verwandte sind, die man gern von hinten sieht, wie es in der Hit-Arie gleich zu Beginn heißt, soll ja tatsächlich sogar im 21. Jahrhundert noch vorkommen.

Wieder am 9., 10. und 17. Mai am Landestheater Coburg, weitere Termine.

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