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Eigentlich kommt sie von der Mode, arbeitete in London und Paris als Designerin. Aber dann erschien ihr ihre Arbeit zu einengend. Und Alexandra Bircken fand zur Kunst. Jetzt sind ihre phantasievollen Arbeiten in Münchner Museum Brandhorst zu sehen.

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Vertraut und doch fremd: Alexandra Bircken im Museum Brandhorst

Alexandra Bircken war Modedesignerin bevor sie in die Kunst wechselte. Der Körper blieb ihr bildhauerisches Material. Spröde, radikal, manchmal ironisch ist ihr Ansatz. Die Retrospektive zeigt ihre künstlerische Vielfalt von A-Z.

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Von
  • Tilman Urbach
© BR/Alexandra Bircken. Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München
Bildrechte: Alexandra Bircken. Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München

Alexandra Bircken war Modedesignerin bevor sie in die Kunst wechselte. Der Körper blieb ihr bildhauerisches Material. Spröde, radikal, manchmal ironisch ist ihr Ansatz. Die Retrospektive zeigt ihre künstlerische Vielfalt von A-Z.

Es ist der menschliche Körper, der Alexandra Bircken interessiert. Als skulpturale Form, als Zentrum ihres bildhauerischen Denkens. Die Körper stehen überall in der Ausstellung. Meist gesichtslose Puppen sind sie nie nur Abbilder, immer schleichen sich Seltsamkeiten ein. Holzstücke oder Haarteile, wo sie nicht hingehören – Kleinigkeiten, die unsere Wahrnehmung stören, die uns aufmerken lassen. Und so begegnen uns Birckens lebensecht große Figuren im Silberblick von fremd und vertraut zugleich. Immer ist das unser eigener, sehr individueller Blick, sagt die Künstlerin: "Wenn wir irgendwie die Welt betrachten, wenn wir agieren, wenn wir handeln, wenn wir Sachen entscheiden – das machen wir immer aus unserer eigenen Warte heraus, aus unserem Körper heraus, aus unserer Sichtweise heraus. Damit hat das einfach zu tun, dass mich der Körper als solches interessiert. Aber auch zu gucken, was wie innen funktioniert. Aber es ist auch der skulpturale Hintergrund."

Installationen der Verletzlichkeit und des Begehrens

Oft thematisieren Alexandra Birckens Figuren ihre eigene Verletzlichkeit, spielen mit der Geschlechteridentität, erzählen von ihren Bedürfnissen und ihrem Begehren. Ursprünglich arbeitete Bircken als Mode-Designerin in Paris und London. Aber irgendwann war ihr das zu eng: "Mode ist einfach eine angewandte Form. Es ist Design und man hat natürlich viel mehr Restriktionen, Zwänge, Vorfinanzierung. Man kann nichts verkaufen, wo jemand hässlich drin aussieht. Man kann aber Kunst machen, die die Sachen ein bisschen pusht, um einfach auch etwas zu provozieren."

© Alexandra Bircken. Foto: Roman März, Berlin, Courtesy die Künstlerin, BQ, Berlin und Herald St, London
Bildrechte: Alexandra Bircken. Foto: Roman März, Berlin, Courtesy die Künstlerin, BQ, Berlin und Herald St, London

Alexandra Bircken: RSV 4, 2020

Spiel mit Materialien und Perspektiven

So entwirft Alexandra Bircken ein ungeheuer fantasievolles und sehr eigenes bildhauerisches Areal. Nicht umsonst heißt die Ausstellung im Brandhorst Museum "A-Z" und zeigt eine Gesamtschau von Alexandra Birckens bisheriger Arbeit. Tatsächlich kann man in den großen Räumen einen Parcours der Skulpturen entdecken, die sich im Abschreiten ständig neu zueinander verhalten. So finden sich neben den menschlich anmutenden Figuren ein übergroßer Punching Ball oder mannshohe phallusartige Gebilde. Überhaupt spielt Bircken mit Materialien: Leder, gewebte Stoffe, Holz, Stahl bis hin zu den in Form gezogenen und neu zusammengenähten Damenstrumpfhosen, die sich jetzt als abstrakte Wandarbeit präsentieren.

© Alexandra Bircken. Foto: Andy Keate, Courtesy die Künstlerin, BQ, Berlin und Herald St, London
Bildrechte: Alexandra Bircken. Foto: Andy Keate, Courtesy die Künstlerin, BQ, Berlin und Herald St, London

Alexandra Bircken: Warrior, 2020

Verfremdete Lebenswirklichkeiten

Oft findet Alexandra Bircken Gegenstände im täglichen Umfeld, die sie sich als leicht veränderte Readymades aneignet: Wie der Lautsprecher, der sauber durchgeschnitten und um 45 Grad gedreht an der Wand hängt. Es sind manchmal nur kleine, minimale, mitunter wie selbstverständlich wirkende Eingriffe, die den Kontext verändern, diese Skulpturen so spannend machen. Da ist das Motorrad, das in der Mitte geteilt ist und dessen Motorblock jetzt sichtbar wird: Wie die Innereien eines menschlichen Körpers. Oft finden dabei Mensch und Maschine zusammen. Das kann auch hochironisch sein, etwa wenn erschlaffte Auto-Schaltknüppel an der Wand hängen – wie Trophäen. Und als Titel einfach männliche Vornamen aufploppen: "Alexander" oder "Robert". Denn: Humor ist wichtig im Leben, sagt Alexandra Bircken: "Das sind so Sachen, so Subtexte, die so mitlaufen, manchmal so kleine Entscheidungen, die man noch fällt, bevor eine Arbeit fertig ist. Um noch einmal irgendwas in eine andere Richtung zu schubsen. Oft sind es auch die Titel, die einfach noch einmal etwas Anderes andeuten, anreißen. Die Titel finde ich wahnsinnig wichtig."

© Alexandra Bircken. Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München
Bildrechte: Alexandra Bircken. Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München

Ausstellungsansicht „Alexandra Bircken: A–Z“ im Museum Brandhorst

Und so kann man im Brandhorst Museum – mitunter schmunzelnd – spazieren gehen, mitten hindurch durch zahlreiche skulpturale Installationen, die einem wie eine gehörig in Schieflage geratene Lebenswirklichkeit vorkommen.

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