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"Versunkener Luxusliner": Hans Pleschinski über Paul Heyse | BR24

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Zur Welt von Paul Heyse: Gespräch mit Hans Pleschinski zu seinem neuen Roman "Am Götterbaum"

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"Versunkener Luxusliner": Hans Pleschinski über Paul Heyse

Unter den deutschen Literaturnobelpreisträgern ist Paul Heyse der Unbekannteste. In seinem neuen Roman "Am Götterbaum" erzählt Hans Pleschinski von der Welt des Schriftstellers – und setzt unsere Zeit in einen deutlichen Kontrast zu ihr.

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Von
  • Niels Beintker

Paul Heyse – geboren 1830, gestorben im globalen Schicksalsjahr 1914 – war Wahlmünchner. Was nicht bedeutet, dass man heute in der großen Literaturstadt angemessen an erinnern würde. Eine vierspurige, dichtbefahrene Straße und eine grausige Bahn-Unterführung tragen seinen Namen. Sein altes Wohnhaus, eine Villa in der Luisenstraße am Königplatz, wurde immerhin vor dem Abriss gerettet. Nach Romanen über Thomas Mann und Gerhart Hauptmann erzählt Hans Pleschinski nun über einen weiteren Nobelpreisträger, diesmal über einen "verstoßenen Dichter", wie eine der Figuren im Buch sagt. Ein Gespräch mit Hans Pleschinski, der lange auch für den Bayerischen Rundfunk für Bayern 2 tätig war.

Niels Beintker: Paul Heyse ist heute kaum mehr bekannt. War dieses Verstoßensein Heyses aus dem öffentlichen Gedächtnis der Anlass für den Roman "Am Götterbaum"?

Hans Pleschinski: Einer der Anlässe wahrscheinlich, weil mich immer das Versunkene, Vergessene oder Verstoßene interessiert. Bei diesem Nobelpreisträger auch. Man schaut eben gerne nach, wenn man ein Taucher ist, wo ist die Titanic gesunken. Und inspiziert, wenn man das kann, das Wrack und kann von daher die Geschichte neu erzählen. Jetzt will ich nicht sagen, dass Paul Heyse ein Wrack ist. Aber er ist doch sehr untergegangen, wie der Luxusliner. Paul Heyse war eine Art Luxusliner der deutschen Literatur, die er 30, 40 Jahre lang beherrscht hat. Und das erzeugt bei mir doch großes Interesse. Wodurch hat er seinen Zeitgenossen gefallen? Was hat er neu gesehen und geschrieben? Und was ist ihm passiert, dass er so in Vergessenheit gerast ist?

Anders als in den Romanen über Thomas Mann und Gerhart Hauptmann wird im neuen Buch vor allem über Paul Heyse gesprochen, während eines abendlichen Spaziergangs durch München im Frühjahr 2019, in den Wochen vor Ostern. Da ist eine Stadtbaurätin, da eine Schriftstellerin, da eine Archivarin aus der "Monacensia". Diese drei laufen gemeinsam zur vergessenen Villa von Paul Heyse, auf dem Weg dorthin werden sie einen Heyse-Experten und seinen Mann treffen. Das Urteil über den Nobelpreisträger ist ambivalent. Es reicht vom Vergleich seiner Dichtung mit stockiger Wäsche bis zur Erklärung, wer gegen Heyse sei, sei gegen die Poesie. Was können wir denn entdecken, wenn wir Paul Heyse lesen?

Einmal eine elegante Sprache, Formvollendung und einige Highlights: Zum Beispiel das erste Gedicht gegen Tierquälerei, genauer, gegen das brutale Entsorgen von Hunden in Istanbul. Dann sein Engagement für die Frauen- und Mädchen-Bildung. Da war er sehr rege, hat etwa die Gründung eines Mädchengymnasiums in München unterstützt. In einem Essay in der "Gartenlaube", einer weitverbreiteten Zeitschrift, hat er geschrieben, an die Frauen gerichtet: "Wagt, frei zu sein!" Das war um 1870 ungeheuerlich, hat aber einiges bewirkt. Er war ein liberaler Geist, ein Weltgeist, urban. Und er hat nebenher – das sage ich jetzt als Witz – das literarische Leben in München gegründet. Vor ihm gab es das nicht, was mit einer harten katholischen Prägung zu tun hatte. Da sollten die Menschen nicht zu viel lesen und nicht zu viel selbst nachdenken. Das änderte sich doch Mitte des 19. Jahrhunderts, als der wunderbare Musen-Förderer König Maximilian II. auch Heyse nach München berief, den Shooting-Star der Literatur. Und dem Berliner gefiel es hier. Paul Heyse hat als erster über Biergärten nachgedacht: Dass es Orte der Meditation sind, nicht nur des Saufens, sondern des Nachdenkens, der Philosophie. Und diese Erkenntnis ist noch heute ein Werbeträger für München.

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Bildrechte: Christoph Mukherjee

Der Münchner Autor Hans Pleschinski

Themen, die sich ja auch im Roman "Am Götterbaum" finden: Heyses durchaus auch ambivalenter Blick auf München wird im Gespräch der fünf Heyse-Verehrer dann auch eingehend thematisiert. Im Roman gibt es die große Vision eines Paul-Heyse-Zentrums in München, eines besonderen, internationalen Kulturortes. Die fünf Menschen, die in dieser Angelegenheit zusammentreffen, stehen dieser Idee mit unterschiedlichen Gedanken gegenüber. Was gab Anstoß für diese besondere Romankonstruktion, das fortwährende abendliche Gespräch über den abwesenden Schriftsteller und Dichter?

Es ist ein Spaziersalon, der sich ergibt in diesem Roman. Entscheidend war, dass ich nach den Romanen über Thomas Mann und Gerhart Hauptmann wieder zurück in die Gegenwart wollte, als Schriftsteller. Ich habe den Roman also im heutigen München angesiedelt und konnte Heyse dadurch aus unserer Zeit heraus umkreisen und seine Lebensideale auch mit unserer Gegenwart kontrastieren. Ich glaube, "Am Götterbaum" ist teilweise auch ein sehr bissiger Roman, was die Gegenwartswahrnehmung angeht. Eine Wohlstandsverwahrlosung, oft eine Verluderung der Sitten mit den Laut-Telefonierern auf der Straße, rabiaten Radfahrern, Rücksichtslosigkeiten. Das kommt alles zum Tragen. Und dagegen die Heyse-Villa am Königsplatz, die ein Refugium sein könnte. Beim "Heyse-Zentrum", das ich in dem Roman plane, konnte ich viele Gedanken sammeln. Was da alles stattfinden könnte, um München auch z.B. gegenüber Berlin wieder aufzuwerten, kulturell! Einen lebendigen Ort des Treffens hier einzurichten, mit Theater, mit Stipendiaten-Wohnungen und dem recht brisanten "Heyse-Kulturschein": Deutsche und Migranten finden sich zusammen, nicht nur um Deutsch zu lernen, sondern auch, um in die deutsche Kultur einzudringen. Und am Schluss vielleicht Beethovens "Ode an die Freude" gemeinsam zu singen. Und wenn man den "Heyse-Kulturschein" gemacht hat, bekommt man gratis Eintritt in einigen Museen. Das sind Gedanken, die ich durchspiele, um die Kultur zu beleben. Und es ist ja auch nicht abwegig, dort am Königsplatz noch einen Literaturort zu schaffen. Es ist das Kunstareal München mit den Pinakotheken, mit den Museen. Aber es ist keine Literatur da. Und die könnte in einem "Heyse-Zentrum" untergebracht werden. Ich vermute, der Gedanke eines solchen Zentrums wird die Stadt noch länger beschäftigen, jetzt, ab diesem Roman.

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Buchcover: "Am Götterbaum" von Hans Pleschinski

Sie haben es schon erwähnt: Der Roman "Am Götterbaum" erzählt viel über unsere Zeit, über das Frühjahr 2019, also ein Jahr vor der Pandemie. Das Gespräch der Heyse-Gemeinschaft wie auch die Gedanken der Erzählerfigur drehen sich immer wieder um die Verwerfungen, die wir erleben. Schon in den ersten Zeilen lesen wir vom "Zeitalter des Mülls" und von den "späten Tagen der Menschheit", ebenso von Grimm und Hass. Die Schriftstellerin im Roman sagt später: "Die Welt ist explodiert." Viele andere Stellen ließen sich anfügen. Geht es nicht ohne diesen sorgenvollen Blick auf die eigene Gegenwart?

Ich habe ihn jedenfalls. Der Roman beginnt dunkel und es gibt auch keine Rettung. "Zeitalter des Mülls" – dann muss man erst einmal widersprechen. Da wird vieles angehäuft, was uns bedrückt, mich bedrückt. Am Anfang war ich auch unsicher wegen der jetzigen Seuche. Ist das alles aktuell genug? Darauf kommt es aber gar nicht so sehr an. Mir fiel nur beim Lesen jetzt auf, dass zum Beispiel auch gesagt wird: Wenn die Fanatiker, die Wutbürger, die Extremisten weiter Macht gewinnen, stürmen sie irgendwann das Europa-Parlament, zertrümmern das Gestühl und alles ist kaputt. Und ich war ganz überrascht: Das war nach dem Sturm auf den Bundestag in Berlin und nach den schrecklichen Szenen am Kapitol. Das habe ich anderthalb Jahre vorher geschrieben. Darüber kann man nicht glücklich sein. Aber ich hoffe, ich bin da am Puls der Zeit mit den Sorgen, den Bedenken, die diese fünf Hauptfiguren auch haben. Und der Roman ist vielleicht eine Pendelbewegung zwischen dem Lichten, Schönen und Hellen, das Paul Heyse wollte und das er lebte, und den Bedrückungen, die uns heute verfolgen. Es gibt einen Satz der Stadträtin in der Anfangs-Düsternis: "Hoffentlich kommen nicht noch andere Heimsuchungen." Die Heimsuchung ist jetzt da.

Paul Heyse tritt im Roman auch in Erscheinung. Ein Kapitel führt dann in das Jahr 1906 und an den Gardasee, in die Sommerresidenz. Das dort geschilderte Gespräch mit dem Verleger Adolf von Kröner führt auch zu Thomas Mann und zu Gerhart Hauptmann, also zu den Figuren, von denen Ihre vorherigen Romane erzählen. Heyses Urteil über die beiden Kollegen fällt nicht gerade charmant aus. War deren Literatur nicht die seine?

Ich muss kurz lächeln zwischendurch. Man kann jetzt fast sagen: die Nobelpreisträger-Romane von Hans Pleschinski. [lacht] Das klingt so hochfahrend. Paul Heyse war der Älteste von den dreien. Und es gibt immer unglaubliche, hasserfüllte Rivalitäten zwischen Schriftstellern, auch damals. Paul Heyse wollte den Thron nicht räumen. Nicht für Thomas Mann, den er für dekadent hielt. Und schon gar nicht für Gerhart Hauptmann, den er für eine "schreibende Sau" hielt. Romane im Unterschichten-Milieu, das war überhaupt nicht die Welt Paul Heyses, der als Nachfolger Goethes galt. Und ich versuche auch zu entdecken: Was war diese Gründerzeit, diese Heyse-Zeit? Darüber wissen wir eigentlich ganz wenig. Zwischen Heinrich Heine und Thomas Mann klafft eine unglaubliche Wahrnehmungslücke in der Literatur. Es sind 30, 40 Jahre, in denen in Deutschland viel geschrieben und gelesen wurde. Aber es gab kein Genie. Es gab Autoren wie Friedrich Spielhagen und andere, die Leser-Bedürfnisse erfüllten. Und Heyse füllte auf prominenteste Weise diese Lücke zwischen der modernen Literatur des Expressionismus und Naturalismus und der Goethezeit. Er war sozusagen eine Brücke aus Worten. Das hat mich sehr interessiert. Auch die Botschaft, die er übermitteln wollte, nicht vergrübelt zu sein. In dem Sinne hoffe ich auch, dass der Roman für Leser in diesen Zeiten eine Art Antidepressivum sein kann, zusammen mit den fünf offensiven Protagonisten und Heyse, der vom Gemüt her auch ein halber Italiener war – und in Italien bekannter geblieben ist als in Deutschland. Er besaß eine Winter-Villa am Gardasee und machte diesen für die Münchner zu einem Reiseort. Auch das hat man ihm zu verdanken. Und wenn es hier um München geht, es kulturell aufzuwerten, so meint es auch Bayern, das in die Moderne aufbrach damals. Es meint aber auch durchaus andere Städte. München steht für andere Orte, wo immer kulturell etwas passieren muss, um eine Lebensattraktivität zu behalten und zu bekommen. Denn Orte ohne kulturelles Leben, wie wir es jetzt überall haben, sind Verlierer-Orte.

"Am Götterbaum" von Hans Pleschinski ist bei C.H. Beck erschienen.

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