Ukrainische Soldaten der 10. Brigade in ihrer Haubitzenstellung an der Front nahe Soledar, aufgenommen am 11. März 2023
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Ukrainische Soldaten der 10. Brigade in ihrer Haubitzenstellung an der Front nahe Soledar, aufgenommen am 11. März 2023

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Versuche, die Ukraine zu verstehen: "Aus dem Nebel des Krieges"

Seit dem 24. Februar 2022 ist alles anders. Aber wie genau ist es denn eigentlich? In einem Band mit Aufsätzen und Reportagen versuchen ukrainische Intellektuelle jetzt, den Nebel zu lichten - und die neue Gegenwart zu verstehen.

Der Krieg wütet und zerstört, seit dem russischen Angriff ist alles anders in der Ukraine und in Europa. "Von nun an ist das Maß meines Lebens der Tod anderer Menschen", schreibt die Essayistin Kateryna Mishchenko. Und die Filmemacherin Oksana Karpovych registriert bei sich seit einiger Zeit optische Täuschungen: "Meist sehe ich den Tod."

"Nebel des Krieges" – damit ist mehr gemeint als das Schlachtfeld

"Die Erfahrung der Destruktion" heißt denn auch das erste Kapitel in dem von Kateryna Mishchenko und Katharina Raabe herausgegebenen Buch "Aus dem Nebel des Krieges" – Nebel des Krieges ist ein feststehender Ausdruck, der die Ungewissheit bezeichnet, die Unmöglichkeit einer vollständigen Übersicht über einen Krieg. Geprägt hat ihn Carl von Clausewitz.

"Der Titel, ja – das habe ich so vor allem von Militärexperten oder politischen Kommentatoren des Krieges gehört", sagt Mishchenko im BR24-Gespräch. "Und dann habe ich mich gefragt: Warum sprechen diese Menschen so poetisch? Warum 'Nebel des Krieges'? Es hat wirklich auch die Realität gut getroffen. Ich glaube, dass es eine Metapher ist, die mehr umfasst als nur das Schlachtfeld und nur militärische Situationen. Denn die 'Nebel des Krieges' betreffen auch die Informationslandschaft, das Verständnis von Menschen und ihren Positionen und eine grundsätzlich existenzielle Desorientierung in dieser destruktiven Wirklichkeit."

"Vielleicht sollte man damit besser warten, bis kein Blut mehr fließt"

Siebzehn Autorinnen und Autoren üben sich in diesem Buch in einer Bestandsaufnahme ukrainischer Gegenwart. Und in einer Art Selbstbehauptung, wie die Kuratorin Kateryna Iakovlenko schreibt: "Über Krieg und Verlust zu schreiben, wenn es um das eigene Zuhause, den eigenen Körper und das eigene Leben geht, ist eine Herausforderung. Vielleicht sollte man damit besser warten, bis kein Blut mehr fließt und die Verluste klar benannt sind, aber ich habe mich anders entschieden, ich möchte meinem Trauma selbst einen Namen geben."

"Aus dem Nebel des Krieges" hält die Gleichzeitigkeit vieler parallellaufender Entwicklungen in der Ukraine fest: Die Zerstörung und Ruinierung des Lebens, die existenzielle Ausgesetztheit und Traumatisierung, aber auch die gesellschaftliche Mobilmachung, den Widerstand und die Selbstbehauptung.

"Alles, was sich darin befand, verbrannte"

Kateryna Iakovlenko etwa setzt auf das Versprechen der Kunst, in der immer metaphysischer Trost mitschwingt. Sie hatte in Irpin gewohnt, einem Vorort von Kiew. "Am 18. März 2022 wurde meine Wohnung durch einen Granattreffer zerstört", schreibt sie. "Alles, was sich darin befand, verbrannte. Am 26. August 2022 eröffnete ich zwischen den zerstörten Wänden eine Ausstellung. Für einen Tag."

"Es geht auch um die soziale Kultur, um das Miteinander", sagt dazu die Herausgeberin Mishchenko. "Und ich glaube, die Beispiele von Widerstand, die kann man auch als Kultur bezeichnen. Etwas, was nach der Revolution entstanden ist, was vom Krieg auch mobilisiert wird – da entsteht etwas. Es muss aber noch viel getan werden für uns selbst, um diese gemeinsamen Vorstellungen von der ukrainischen Gesellschaft offen und vielfältig zu gestalten."

Welche Verantwortung tragen die Russen?

Das Buch ist ein polyperspektivischer und vielstimmiger Anfang: Zu Wort kommen Filmemacher, Soziologinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, Journalisten und Autorinnen. Die russische Schriftstellerin Alissa Ganijewa stellt die Frage nach der Verantwortung der Russen und zeichnet ein erschütterndes Bild des Versagens – auch bei oppositionellen Russen.

Karl Schlögel beleuchtet indes die verkniffene deutsche Haltung zu Russlands Krieg: Wie erklärt man ukrainischen Soldatinnen und Soldaten, dass deutsche Intellektuelle zu Beginn des Krieges den Rat gaben, sich zu ergeben? Und Aleida Assmann beleuchtet schließlich in einem Aufsatz "Putin, die EU und die Ukraine aus der Perspektive ihrer Erinnerungskulturen" – ein wichtiges Thema für den Hintergrund dieses Krieges.

Katharina Raabe und Kateryna Mishchenko (Hrsgg.): "Aus dem Nebel des Krieges. Die Gegenwart der Ukraine". Suhrkamp Verlag, 288 Seiten, 20 Euro.

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