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Verstärkter Boden: Neue Schau des Jüdischen Museums Berlin | BR24

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Für ein Kunstwerk musste sogar die Statik verbessert werden: Bei der neuen Dauerausstellung scheute das Jüdische Museum Berlin keine Kosten und Mühen. Zu sehen sind viele berühmten Juden, etwa Einstein und Jesus - und wie das Böse in die Welt kam.

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Verstärkter Boden: Neue Schau des Jüdischen Museums Berlin

Für ein Kunstwerk musste sogar die Statik verbessert werden: Bei der neuen Dauerausstellung scheute das Jüdische Museum Berlin keine Kosten und Mühen. Zu sehen sind viele berühmten Juden, etwa Einstein und Jesus - und wie das Böse in die Welt kam.

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Von
  • Maria Ossowski

Es ist ein eigenes, riesiges Kunstwerk, das die Chefkuratorin Cilly Kugelmann und das Büro chezweitz im viel gelobten Libeskind-Bau in Berlin-Kreuzberg geschaffen haben. Eine Dauerausstellung mit Gemälden, Grafiken, Judaica, Skulpturen, Handschriften, Videokunst, Fotografien, Filmen, audiovisuellen Quellen, Tast-Stationen, 3D-Modellen und Ausstellungsgrafiken. Sehr modern, sehr tiefsinnig sind die fünf Epochen-Räume im ersten und zweiten Stock angelegt. Sie zeigen, erklärt Kugelmann, wie besonders die jüdischen Gemeinden das Leben in Deutschland seit dem Mittelalter beeinflusst haben: "Man macht oft den Fehler, wenn man mit diesen Themen zu tun hat, dass man zu stark auf den Antisemitismus schaut und vernachlässigt, dass vieles, was an normalem Alltagsleben, religiösem Leben, politischem Leben – was in diesen Bereichen geschieht, dass das auch eine eigenständige Kraft und Geschichte hat, die nicht nur von diesen negativen Erfahrungen affiziert sind."

Ohne Trennungsregeln hätte Judentum nicht überlebt

"Sefer chassidim", das "Buch der Frommen", gab jene Regeln vor, die das Judentum stärken sollten. Trennungsregeln, ohne Frage, denn sonst hätte das Judentum nicht überlebt. Speisegesetze gehören dazu. Koscheres Essen, koschere Weine. Zu diesem Thema läuft passend zum alten Buch ein spannender Film: "Eine Film-Installation: Ein orthodoxer Rabbiner, ein Reformrabbiner, eine französische Rabbinerin, ein israelischer Talmud-Lehrer und eine junge Frau, die aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert ist, werden befragt, ob sie sich an die Regeln halten und warum sie sich an die Regeln halten und was sie wichtig finden.“"

© Britta Pedersen/dpa

Heroen der Geschichte

Mehr als 1000 Objekte von siebzig Leihgebern führen auf 5000 Quadratmetern durch die Geschichte des Judentums in Deutschland. Für das Kunstwerk Kabbala von Anselm Kiefer, eine zwölf Tonnen schwere schwarze Stahlskulptur aus Büchern und sie überformendes Glas, musste das Museum sogar den Boden verstärken. Cilly Kugelmann erklärt sie: "Gott erschafft die Welt mit seinem göttlichen Licht, und die Schalen, die dieses Licht auffangen sollten, um daraus die Welt zu schöpfen, die haben diese Energie des Lichtes nicht ausgehalten und sind zersplittert. Das ist das Drama der Schöpfungsgeschichte, wie sie Isaac Loria gesehen hat. Ich glaube, was Anselm Kiefer daran interessiert hat: Diese Splitter, die auf die Erde fallen und die sich mit göttlichen Licht vermischen, bringen auch das Böse in die Welt."

960 Gesetze gegen die Juden

Absolut erschütternd, weil so nicht erwartbar, ist der Raum zur Nazizeit. Er ist weiß. Auf knapp vier Meter weißen hohen Fahnen, die sich schieben lassen, sind 960 Gesetze gegen Juden zu lesen: "Wichtig war uns, den Besuchern zu zeigen, dass der Antijudaismus des nationalsozialistischen Staates zum Kern dieses Staates gehört. Das ist das Rückgrat dieser zwölf Jahre "Drittes Reich" oder Herrschaft der NSDAP gewesen. Noch lange bevor der Mord geplant war, überhaupt denkbar war, war der Feind des Staates, der Gesellschaft, das waren die Juden. Und um das zu zeigen, war es wichtig, eine ästhetische Geste durch den ganzen Raum zu ziehen, die, ohne dass man irgendwas liest, sinnbildlich macht, wie wichtig dieser Antijudaismus in dem Nazistaat war."

© Britta Pedersen/dpa

Hinter dem Vorhang

Die neue Dauerausstellung, sie hat 18,6 Millionen Euro gekostet, ist ein Meilenstein der Ausstellungsgeschichte in Berlin. Allerdings: Der Rundgang dauert drei Stunden. In einem entzückenden Raum, der "Hall of Fame", kann man sich ausruhen auf großen bunten Sofas. An den Wänden gezeichnete Skulpturen berühmter Juden aus aller Welt. Einstein, Freud, Hanna Arendt, die Marx Brothers, Mascha Kaléko, Leonard Cohen und mittendrin: Jesus. Cilly Kugelmann: "Jesus ohne Christus. Er ist zum Christus erst sehr lange nach seinem Tod gemacht worden. Ja, und das ist eine künstlerische Arbeit. Das ist Halbzeit, da soll man sich hinsetzen, amüsieren, sich diese sehr schön gezeichneten Skulpturen anschauen. Sehr bunt, sehr farbig, sehr lustig, ein bisschen wie ein Comic."

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