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Verschleppt und ausgestellt: Münchens koloniale Vergangenheit | BR24

© Verein Commit

Aufklären und beim Aufarbeiten eines düsteren Kapitels helfen: Das wollen die "Postkolonialen Touren" durch München.

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    Verschleppt und ausgestellt: Münchens koloniale Vergangenheit

    Was nur sehr wenige Menschen wissen: Der europäische Kolonialismus hat auch in München Spuren hinterlassen! Postkoloniale Stadtführungen wollen darüber aufklären und zur Aufarbeitung eines düsteren Kapitels beitragen. Eindrücke von einer der Touren:

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    "Ich bin total geschockt. Und es ist irgendwie ein bedrückendes Gefühl, weil es mich selber auch betrifft", sagt Dohra Mohamed. Die 31-Jährige ist in München geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aber aus Djibouti, einem kleinen Land in Ostafrika, das bis 1977 eine französische Kolonie war. Ihre Eltern haben den europäischen Kolonialismus noch selbst miterlebt.

    Verschleppte Jugendliche aus Brasilien

    Dass es Zeichen davon auch in München gibt, wird Dohra erst bei einer "Postkolonialen Tour" durch ihre Heimatstadt bewusst. Mit Tour-Führerin Verena Schneeweiß steht die Gruppe im strahlenden Sonnenschein auf dem Alten Münchner Südfriedhof, am Grab von Carl Friedrich Philipp von Martius. Er und Johann Baptist von Spix seien von 1817 bis 1820 auf einer Expedition im Auftrag des bayerischen Königs Maximilian I. Joseph gewesen, erzählt Verena Schneeweiß: "Und zwar auf einer Expedition durch Brasilien und davon haben sie nicht nur Tiere und Pflanzen mitgebracht, sondern auch Jugendliche." Jugendliche, die unter einem bayerischen König verschleppt, ausgestellt und nach ihrem Tod zu Forschungszwecken "untersucht" wurden. Das Grab eines ihrer Peiniger existiert immer noch. Die Grabstelle der Jugendlichen ist dagegen heute aufgelassen.

    Straßen nach Kolonialverbrechern benannt

    An wen erinnert man sich? Wer wird vergessen? Diese und andere Fragen stellt die "Postkoloniale Tour" durch München, die vom Münchner Verein "Commit" und der "Nachbarschaftshilfe" angeboten wird. Die Tour zeigt, welche Spuren der Kolonialismus in der Stadt hinterlassen hat. Zu sehen sind Gräber und Gedenktafeln, aber auch Statuen und Straßen, die nach Kolonialverbrechern benannt sind. Vieles davon ist für Dohra Mohamed neu: "Das ist meine Geburtsstadt und heute zu erfahren, dass da so eine gewaltige, schreckliche Geschichte dahintersteckt, die kaum zur Sprache gebracht wird, dafür bin ich sehr dankbar."

    Den nächsten Stopp macht die Gruppe an einer Gedenktafel, die an der Außenmauer des Alten Südlichen Friedhofs hängt. Sie ist den Soldaten gewidmet, die in den Kolonialkriegen gefallen sind. Die Tafel verblasst langsam und ist nur noch schwer zu entziffern. Sie wird nicht restauriert, aber eben auch nicht abgehängt. Sie zeige, wie unentschieden in Deutschland immer noch mit dem Erbe des Kolonialismus umgegangen wird, sagt Simon Primus, der zusammen mit Verena Schneeweiß den Rundgang leitet. Man müsse diese Geschichte entschiedener aufarbeiten, weil alte Narrative über nicht-weiße Menschen bis heute unser Denken prägten, so Primus: "Es gibt eine Kontinuität, wie Menschen und Zuwanderer gesehen werden. Die Ausgangsbasis der Einschätzung ist eben nicht einfach nur neutral, sondern geprägt durch Jahrhunderte kolonialer Narrative, die zum Teil bewusst gepflegt wurden, um Kolonialismus zu rechtfertigen."

    Intensivere Aufarbeitung

    Bei der Tour geht es also nicht nur um das Aufzeigen von Geschichte, sondern auch darum, das Verhalten der heutigen Gesellschaft nicht-weißen Menschen gegenüber kritisch zu hinterfragen. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, sagt Dohra Mohamed. Sie findet aber auch, dass die deutsche Kolonialvergangenheit mehr und intensiver aufgearbeitet werden müsste. Wo etwa Gelder hingeflossen sind und wer heute davon noch profitiert: "Das sollte nicht vergessen werden und das muss unbedingt aufgearbeitet werden." Es sei an der Zeit, den deutschen Kolonialismus im öffentlichen Gedächtnis zu verankern.

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