Junge Männer vor einem Rekrutierungsbüro in Moskau

Reservisten stehen an: Mobilisierung in Russland

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    "Verrat und sonst nichts": Russlands Ultra-Patrioten in Aufruhr

    "Verrat und sonst nichts": Russlands Ultra-Patrioten in Aufruhr

    Ausgerechnet Putins treueste Fans schäumen vor Wut - weil am selben Tag, als die Mobilisierung verkündet wurde, prominente ukrainische Gefangene ausgetauscht wurden. Auch TV-Propagandisten sind mit der Situation alles andere als "glücklich".

    Von einer "patriotischen Welle", die sich Putin erhofft haben mag, ist in Russland nichts zu spüren, ganz im Gegenteil: Endlose Autoschlangen an den Grenzen, etwa Richtung Georgien ("Wir bewegten uns in drei Stunden um einen Kilometer"), und ein Ansturm auf die Flugtickets sprechen für sich. Allerdings ist auch verblüffend, wie aufgebracht ausgerechnet die fanatischsten Nationalisten sind - weil sie sich vom Kreml hintergangen fühlen und die Elite für korrupt halten.

    "Tut mir leid, dass es so ist"

    TV-Propagandistin Margarita Simonjan, Chefredakteurin von RT ("Russia Today"), bisher um kein martialische Botschaft verlegen, behauptet jetzt auf ihrem Telegram-Kanal, "nicht glücklich" über die von Putin angeordnete Mobilisierung zu sein: "Es ist offensichtlich, dass das nicht vermieden werden konnte. Es tut mir sehr leid, dass das so ist. Ich werde über die Notwendigkeit dieser Entscheidung nicht in Jubel ausbrechen. Es ist klar, dass das eine erzwungene Entscheidung ist. Wäre das anders, wäre es am 24. Februar [dem Tag des Angriffs auf die Ukraine] gemacht worden." Auch die Aussicht auf einen "Atomkrieg" gefalle ihr nicht - "so wie überhaupt keine militärische Operation ermutigend" sei.

    "Schlimmer als ein Fehler - Dummheit"

    Am meisten empört die Ultra-Patrioten, dass Putin am selben Tag, als er die Mobilisierung verkündete, einen Gefangenenaustausch absegnete, bei dem unter anderem für die Ukraine kämpfende ausländische Söldner und Kommandeure, die in Mariupol gekämpft hatten, freigelassen wurden. Das sei "Verrat und sonst nichts", schimpft der rechtsextreme Medien-"Held" Igor Strelkow. Dabei hätten sich "nicht identifizierbare Personen aus der obersten Führung Russlands" ihre "Lorbeeren" verdient. Im Verteidigungsministerium säßen überhaupt nur "Schädlinge und Schwachköpfe". Der Austausch als solcher sei "schlimmer als ein Fehler", nämlich "unglaubliche Dummheit" - oder "völlige Zerstörung".

    Mit ätzendem Sarkasmus schreibt Strelkow, der bei Telegram immerhin 610.000 Gesinnungsfreunde hat: "Sie gingen zu den Menschen, forderten sie auf, 'sich für das russische Vaterland einzusetzen', und dann gaben sie denjenigen, die darauf antworteten, keine kalte Dusche über den Kopf. Offen, spöttisch, mit Kichern und Witzen. Anders kann ich persönlich eine solche 'Friedenserhaltung' am Tag der Mobilmachungsmeldung nicht wahrnehmen." Noch wenige Tage vor der Freilassung der Gefangenen hatte es geheißen, die ausländischen Söldner könnten "hingerichtet" werden.

    "Extrem schlimm und ekelhaft"

    Die "Prawda" ist außer sich, dass der Gefangenenaustausch "in Kiew im Hollywood-Maßstab gefeiert" werde. Andere Fanatiker machen sich ihrer Wut Luft, in dem sie fordern, es dürften angesichts des "Einknickens" des Kreml überhaupt keine Gefangenen mehr gemacht werden. Es sei "extrem schlimm und einfach ekelhaft", dass sich Putins Sprecher Dmitri Peskow nicht mal zu der Angelegenheit äußern wollte. Von "Doppelzüngigkeit" der Führung ist die Rede und davon, dass der Kreml möglicherweise ein "höheres Ziel" anstrebe: "Aber ich bin zu dumm, das zu verstehen." Immer wieder ist zu lesen, der Kreml habe den "Informationskrieg" wegen seiner Neigung zur "Geheimhaltung" längst verloren: "Schade nur, dass wir von dem Deal nicht von unseren eigenen Vertretern erfahren, sondern von Erdoğan und ukrainischen Journalisten."

    Sehr verwundert ist das rechtslastige und monarchistische Portal "Tsargrad" des milliardenschweren Oligarchen und Medienunternehmers Konstantin Malofejew darüber, dass regionale Militärkommissare angeblich "Dienst- und Privatfahrzeuge für die Front beschlagnahmt" hätten: "Jetzt geht es darum, Reservisten zu rekrutieren. An den Transport denken wir noch gar nicht." Hoffentlich folgten noch "Klarstellungen" der Behörden.

    Derweil versucht der Ex-Präsident und notorische Scharfmacher Dmitri Medwedew, sich solcher defätistischer Stellungnahmen aus den eigenen Patrioten-Reihen nach Kräften zu erwehren: "Daher brauchen uns diverse pensionierte Idioten mit Generalsstreifen nicht mit dem Gerede über einen NATO-Angriff auf die Krim zu erschrecken. Unsere Überschallraketen sind garantiert in der Lage, Ziele in Europa und den Vereinigten Staaten viel schneller zu erreichen."

    "Mobilisierung ist kaum angemessene Antwort"

    Der nationalistische Schriftsteller Wadim Leventhal äußerte sich bei den "VNNews" ausgesprochen skeptisch über die Aussichten Russlands. Die Elite sei sich nicht einig, die einen dort wollten zwar den Krieg, die anderen seien aber "strategisch am Frieden interessiert", weil sie um ihre ausländischen Pfründe fürchteten: "Die angekündigte Teilmobilisierung kann kaum als angemessene Antwort auf die in der Gesellschaft auftauchenden Fragen angesehen werden. Die Reservisten und Militärspezialisten werden mobilisiert – aber nicht das Kapital der Oligarchen und nicht ihre ideologischen Diener, von Komikern und Sängern mit ewiger Feigheit in der Tasche bis hin zu öffentlichen Intellektuellen, die immer bereit sind, über die durch die Bolschewiki gelegten Bomben zu sprechen, den verdammten Idioten und Feigling Stalin und den wohltätigen Einfluss des Privateigentums auf die Freiheit."

    Für einen wirklichen Erfolg müsse das "gesamte System" zerstört werden, dafür sei ein "radikaler Wandel" nötig: "Die Behörden handeln schizophren - mit der einen Hand eröffnen sie [in Moskau] ein neues Riesenrad und mit der anderen rufen sie 300.000 Ladenbesitzer zum Waffendienst." Ein Teil der Elite "sabotiere" alle Versuche, die "schlafende Gesellschaft" aufzuwecken.

    "Freiwillige waren nicht auf den Listen"

    Der wüste Streit in den Reihen der Ultra-Nationalisten zeigt die ganze Verzweiflung und Realitätsverweigerung, die dabei im Spiel ist. Putin sieht sich einer rabiaten Front von rechts gegenüber, die von ihm möglichst schnelle Erfolge und eine kompromisslose Haltung fordert, wozu ihm allerdings die militärischen Möglichkeiten fehlen. Auf der anderen Seite wurden bereits mehrere Rekrutierungsbüros in Brand gesteckt und wer kann, flüchtet sich ins Ausland. Dass "Freiwillige" bei den Ämtern mit der Begründung abgewiesen sein sollen, sie stünden "nicht auf den Listen", trieb Nationalisten ebenfalls Tränen der Wut in die Augen.

    Ein besonders "vaterländischer" Freiwilliger soll sich in drei verschiedenen Mobilmachungs-Büros gemeldet und die Antwort bekommen haben: "Wenn Sie die Vorladung noch nicht erhalten haben, erhalten Sie sie nicht mehr." Dazu kommentierte das Portal "Rybar": "Wir geben zu, dass in vielen Militärregistrierungs- und Einberufungsämtern die Arbeit nicht so effizient und schnell abläuft, aber sei's drum!"

    Für Fassungslosigkeit sorgte Kremlsprecher Peskow, weil sein Sohn auf einen Telefonstreich von Regimegegnern hereingefallen war und angeblichen "Rekrutierern" gesagt hatte, er werde natürlich nicht erscheinen und die Angelegenheit "höheren Orts" klären lassen. Als das Gespräch Furore machte, hatte der Sohn zunächst behauptet, es sei "geschnitten" gewesen, dabei wurde es live gesendet. Peskow selbst verstieg sich auf eine Journalistenfrage im Nachhinein zur Bemerkung, es sei "nicht der vollständige Text" bekannt geworden.

    "Niemand wird unsere Schwäche verzeihen"

    Auch die kremlnahen Mainstream-Medien sind alles andere als euphorisch: "Damit jemand gewinnt, muss jemand verlieren. Das wird den weiteren Verlauf bestimmen", so Michail Rostowski von "Moskowski Komsomolez": "Darüber sprechen wir jetzt – darüber, wer am Ende auf dem Pferd sitzen wird und wer unter dem Pferd liegen wird." Die Entscheidung zur Mobilisierung sei "sicherlich nicht einfach" gewesen. Ein "Nullsummenspiel" oder ein Kompromiss sei wohl nicht mehr möglich.

    "Patriotismus ist bei sinkendem Wohlstand gefragt"

    Kriegsberichterstatter Sascha Kots sieht eine der "tragischsten" Perioden der russischen Geschichte heraufziehen, jedoch auch eine der "heldenhaftesten": "Niemand wird uns unsere Schwäche verzeihen." Da ist also nicht mehr von konkreten Kriegszielen die Rede, sondern nur noch von Affekten und Prestigefragen. Der Sieg im Kulturkampf um russische "Werte" zählt also offenbar mehr als territoriale Gewinne.

    "Das Problem ist, dass patriotische Gefühle gerade dann am häufigsten gefragt sind, wenn das Wohlstandsniveau und die Lebensqualität rapide sinken", stellt die "Nesawissimaja Gazeta" wenig hoffnungsvoll fest: "In den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs und steigender Einkommen wird selten über Patriotismus gesprochen. Patriotismus manifestiert sich dann im Wachstum des Wohlergehens der Bürger und wird zum Synonym für ein gutes Leben. Patriotismus als Forderung nach Verzicht auf Lebensqualität ist mit wachsender, noch schwelender Unzufriedenheit behaftet."

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