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Vermisste Bundeswehr-Waffen: Kunstaktion am Kanzleramt | BR24

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Das "Zentrum für Politische Schönheit", eine Künstlergruppe, die für ihre satirisch-politischen Aktionen bekannt ist, stellte vor dem Kanzleramt einen Container auf. Dort soll die Bevölkerung die Waffen abgeben, die der Bundeswehr abhanden kamen.

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Vermisste Bundeswehr-Waffen: Kunstaktion am Kanzleramt

Das "Zentrum für Politische Schönheit", eine Künstlergruppe, die für ihre satirisch-politischen Aktionen bekannt ist, stellte vor dem Kanzleramt einen Container auf. Dort soll die Bevölkerung die Waffen abgeben, die der Bundeswehr abhanden kamen.

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Seit neun Uhr vormittags steht sie vor dem Kanzleramt, die "Waffen-Rückgabe-Station", die sich das Künstlerkollektiv "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) einfallen ließ. Noch bis Mittwoch, so Tobias von Laubenthal gegenüber dem BR, können Bürger dort "Kriegswaffen" abgeben. Im Idealfall diejenigen, die der Bundeswehr über die letzten Jahre abhanden kamen, so die Künstler. Tatsächlich war im vergangenen Juli bekannt geworden, dass in den Beständen der Truppe rund 60.000 Schuss Munition vermisst werden, allein beim Spezialkommando KSK fehlen demnach 48.000 Patronen und 62 Kilogramm Sprengstoff.

Offizielle Genehmigung liegt vor

In der Pressemitteilung der Aktions-Künstler heißt es im bewährten satirischen Tonfall: "Angehörige der Bundeswehr, die Kriegsgerät der Bundeswehr bei sich im Garten vergraben haben, sichert die Verteidigungsministerin bei einer Rückgabe bis zum 31. Oktober absolute Straffreiheit zu. Dafür hat das ZPS eine Rückgabestation vor dem Kanzleramt eingerichtet, in die Waffen anonym eingeworfen werden können. Die Station steht seit heute um 8.30 Uhr betriebsbereit vor dem Bundeskanzleramt." Eine offizielle Genehmigung dafür liegt vor, so Tobias von Laubenthal im Gespräch mit dem BR.

© Patryk Witt/Zentrum für Politische Schönheit

Polizisten überwachen den Aufbau der Station

Bei dieser Aktion haben es die beteiligten Künstler besonders auf den Militärischen Abschirmdienst (MAD) abgesehen. Um die Bundeswehr "bei ihrer Suche zu unterstützen", so das "Zentrum für Politische Schönheit", arbeite es zum ersten Mal mit dem MAD zusammen: "Obwohl die Verteidigungsministerin oberste Dringlichkeit anordnete, konnte der MAD bislang keine größeren Mengen der geklauten Waffen zurückholen." Deshalb "haben wir den Laden jetzt übernommen", so Stefan Pelzer, nach eigenen Angaben "Eskalationsbeauftragter des ZPS": "Gemeinsam mit allen aufrechten Soldatinnen und Soldaten und der gesamten Zivilgesellschaft nehmen wir den MAD an die Hand und helfen ihm bei der Suche nach den Waffen."

Künstler: "Wir helfen noch jedem"

Für die Aktionskünstler steht fest, dass rechtsextreme Netzwerke seit Jahren "in der Bundeswehr ungestraft Munition und schwere Waffen" entwenden, "um sich für einen Bürgerkrieg auszustatten". Im Mai konnten tatsächlich zwei Kilogramm Sprengstoff (PETN) und mehrere Waffen, darunter ein Sturmgewehr, auf dem Privatgrundstück eines Oberstabsfeldwebels des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Wermsdorf-Collm "wiedergefunden" werden, die dieser in seinem Garten vergraben hatte.

© Patryk Witt/Zentrum für Politische Schönheit

Rüstungs-"Klappe": Container für Waffen

"Wir leisten zivile Amtshilfe für den MAD. Wir helfen noch jedem, der nicht darum gebeten hat", so Philipp Ruch, Leiter des ZPS, mit ironischem Unterton: "Dass der Geheimdienst der Bundeswehr die Waffenverluste bislang nicht aufklären kann, liegt an einer viel zu geringen Meldebereitschaft aus der Truppe. Die Elitesoldaten legen lieber Waffendepots und Safe Houses an, statt dem MAD Bescheid zu geben. Selbst durchschnittliche Zeitungsleserinnen kennen mehr Verdachtsfälle potenziell rechtsextremer Bundeswehrsoldaten."

Umstrittene Aktionen des ZPS

Das ZPS hatte im November 2017 in unmittelbarer Nähe des Privathauses des thüringischen AfD-Politikers Björn Höcke-Hauses einen "Ableger des Berliner Holocaust-Mahnmals" errichtet, um gegen Aussagen des Politikers zur Erinnerungskultur zu protestieren. Damals hatten die Aktionskünstler auch behauptet, sie hätten Höcke "über zehn Monate rund um die Uhr überwacht", und zwar als "Zivilgesellschaftlicher Verfassungsschutz". Daraufhin kam es zu einem Ermittlungsverfahren, bei dem der beteiligte Staatsanwalt in Gera wegen angeblich fehlender Neutralität in die Schlagzeilen kam. Dieser Verdacht wurde im März entkräftet.

Eine Aktion des ZPS vor dem Reichstagsgebäude war hoch umstritten: Anfang Dezember 2019 stellten die Künstler eine Gedenksäule im Regierungsviertel auf, die angeblich mit der Asche von Holocaust-Opfern gefüllt war. An 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine seien dafür über 200 Proben entnommen worden, hieß es damals von Seiten der Künstler. Eine Behauptung, die nicht nur in Zweifel gezogen, sondern auch scharf kritisiert wurde.

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