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Verlassene Seelen und familiäre Beben: Der Film "Der Geburtstag" | BR24

© W-film / Friede Clausz Audio: BR

Klischeebild des geschiedenen Vaters? Mark Waschke spielt in "Der Geburtstag" den nach Ausreden suchenden Papa.

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Verlassene Seelen und familiäre Beben: Der Film "Der Geburtstag"

Familienfest und Katastrophe sind heimliche Synonyme. Das lehrt auch der Film "Der Geburtstag". Regisseur Carlos Morelli erzählt von emotionalen Erschütterungen in einer zerbrochenen Kleinfamilie – nicht als üppige Feier, sondern in Schwarz-Weiß.

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Elefanten wachsen schnell, viel zu schnell, das weiß Lukas mit seinen sieben Jahren, und deshalb weiß er auch, dass sein Vater jetzt sofort mit ihm in den Zoo muss, um sich den Elefantennachwuchs anzusehen – und nicht erst am nächsten oder übernächsten Wochenende. Diese Einsicht verkündet Lukas an seinem Geburtstag und der Vater windet sich – Geburtstag hin oder her – einmal mehr aus der Affäre: So schnell wachsen Elefanten schließlich auch wieder nicht, dieses neue Projekt muss unbedingt noch fertig werden. Und danach, danach bleibt genug Zeit – für Elefanten und andere verspätete Geburtstagsgeschenke.

Die Dialoge, in denen Papa nach Ausreden sucht, klingen nach dem Klischeebild eines geschiedenen Vaters, der sich nicht kümmern will, der selbst anwesend noch abwesend ist und nicht spürt, wie sehr er seinen Sohn damit verletzt. Und tatsächlich wirkt es zunächst so, als könne dieser Film in Stereotypen stecken bleiben. Scheidungskinder, Laktose-intolerante Kinder, Mütter, die sich um alles sorgen, und Väter, die zu mehr Gelassenheit aufrufen. Aber schon die düstere Schwarz-Weiß-Ästhetik verrät, dass der Film eine angenehme Distanz zum Realismus wahrt und sich nicht festlegen lässt auf Logik und Look des Alltäglichen, Rationalen.

Und so geht es im Vordergrund vielleicht um das große Gartenfest, das vom Gewitter unterbrochen wird. Aber im Alltäglichen versteckt dieser Film allerlei Symbolisches und die wörtlich gestellten Fragen – wer kümmert sich um wen und: Wenn ja, wie lange? – sind auch nur Stellvertreter für tiefere Gefühle.

© W-film / Friede Clausz

Brüchiges Familiengefüge: Ein verregneter Geburtstag befeuert die Krise

Eigentlich interessiert sich der Film für viel spannendere Konflikte: Wie geht und steht ein Mann in dieser Welt, der ja weiß, dass er niemanden glücklich macht? Wie unheimlich nachtwandlerisch leben wir alle mit eigenen und fremden Idealen im Nacken, mit permanenter Scham angesichts unseres Versagens? Oder auch: Wie lässt sich die Zeitwahrnehmung eines Kindes mit der der Erwachsenenwelt versöhnen? Die Forderung des Sohnes, jetzt, sofort den Elefanten einen Besuch abzustatten, erklärt sich ja auch aus seinem Alter: Sind erst sieben Jahre eines Lebens gelebt, bedeuten zwei Wochen Warten viel mehr als im Leben eines Fünfzigjährigen. Und so stimmen beide Wahrnehmungen, nur vertragen sie sich schlecht miteinander. Die Kamera steht in diesem Film oft im Rücken des Vaters, sie blickt mit ihm in dieses Familiengefüge, aus dem er sich oft freiwillig herausnimmt, das ihn manchmal aber einfach auch in die Ecke drängt. Aus dieser heraus tritt er unabsichtlich. Das Geburtstagsfest ist vorbei, alle Freunde wieder gegangen, nur dieser eine Junge ist noch da, einfach nicht abgeholt. "Ich muss jetzt dann mal", sagt der Vater noch…

© W-film / Friede Clausz

Beziehungsdrama in Schwarz-Weiß:Verwünschungen und unerfüllte Wünsche

Die Fahrt zum Jungen nach Hause gerät zu einer Mischung aus Familiendrama, Krimi und Film noir, hier zeigt sich endgültig, dass die schwarz-weiß-getünchten Bilder, die Jazzmusik, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, dass all das mehr ist als eine schicke Fassade. Es braucht die langen dunklen Schatten, Töne und Gesichter der Nacht, es braucht die Nähe zum Traumhaften, um die äußerliche und innerliche Irrfahrt des Vaters zu zeigen. Der ist am Ende kein geläuterter Mann, zum Glück. Aber er scheint nach der verunsicherten Nacht doch fester auf dem Boden zu stehen und ein bisschen besser zu spüren, was er will – was ja schon etwas ist angesichts eines Alltags, der voll ist mit fremden Wünschen und Verwünschungen.

Ab dem 25.6. im Kino: "Der Geburtstag" mit Mark Waschke und Anne Ratte-Polle.

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