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Verkehrte Zeit: Henning Wagenbreth und sein "Rückwärtsland" | BR24

© Audio: Bayern 2

Im neuen Bilderbuch von Henning Wagenbreth läuft die Zeit rückwärts. Schiffe tauchen bei Sturm aus tosenden Wellen auf, Millionäre pfeifen auf ein Leben voller Luxus und geben das Geld bei der Lotterie ab. Lauter komische und groteske Abenteuer.

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Verkehrte Zeit: Henning Wagenbreth und sein "Rückwärtsland"

Der Berliner Illustrator ist ein vielseitig arbeitender Künstler. Er gestaltet besondere Bücher, entwirft großformatige Plakate, spielt Musik und Puppentheater. Mit seinem neuen Bilderbuch "Rückwärtsland" dreht er die Zeit farbenfroh zurück.

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Von
  • Niels Beintker

Was für ein gemeiner Sturm! Das Schiff ist nicht mehr zu retten: Die Masten gebrochen, die Segel zerfetzt, versinkt es samt Besatzung und Fracht in den tosenden Wellen. Gibt es überhaupt noch Hoffnung unter diesem dunkellila-schwarzen Himmel? Nicht wirklich. Es sei denn, man erzählt – wie der Künstler und Illustrator Henning Wagenbreth – die Geschichte einmal anders, nämlich vom Ende her. In Gedanken hat er sich das schon lange ausgemalt.

"Stell dir vor, du stehst an irgendeiner Klippe oder du sitzt an einer felsigen Küste und es stürmt total", erzählt Henning Wagenbreth dieser Tage im Gespräch. "Und dann taucht aus den Wogen und dem Schaum plötzlich ein Schiff auf, auf das dann plötzlich sogar noch die Leute springen, aus dem Wasser bis auf die Bordwand. Und das sind ganz starke Bilder, die man dann erzählen muss, in so einem Buch."

Schräge Bilder und Bilderbögen

In Henning Wagenbreths Bilderbuch "Rückwärtsland" kann man diese andere Meerfahrt verfolgen. Und eine ganze Reihe von weiteren verkehrt herum erzählten Abenteuern, in großformatigen, bunten Bildern und in Bilderbögen, in kleinen Grafiken und augenzwinkernden Versen. Hier beginnt ein Fußballspiel beim Pokaljubel und endet mit dem Handshake der Gegner beim Anstoß. Dort hat ein Multimillionär keine Freude mehr am Luxus. Er entsorgt sein Geld fachgerecht bei der Lotterie, erhält den Tippschein zurück und vergisst zu guter Letzt die Superzahl. Im Rückwärtsland steht die Welt auf dem Kopf, die Zeit läuft stets in die entgegengesetzte Richtung.

"Als ich darüber nachgedacht habe, wie meine verkehrte Welt aussehen könnte, kam ich auf die Idee der Zeitachse, die man vielleicht spiegeln könnte", sagt Henning Wagenbreth. "Ich fand, dass sich Dinge, die wir selbstverständlich machen, rückwärtsgeschaut plötzlich ins Absurde, Komische, Paradoxe drehen."

© Peter Hammer Verlag

Der Ball schießt aus dem Tor, das Werbebanner preist Lörotom an...

Puppentheater auf dem Papier

Die Zahl der Bücher, die Henning Wagenbreth illustriert und gestaltet hat, ist nicht groß. Das liegt daran, dass er sich viel Zeit nimmt für jeden Band: hier eine Geschichte von T.C. Boyle, dort ein wildes Bilderalbum über die vergessenen Jazz-Pioniere aus New Orleans, da eine scharfsinnige Moritat von Robert Louis Stevenson, über einen Piraten, einen Apotheker und die unterschiedlichen Grade menschlicher Bosheit. Für den Band "Mond und Morgenstern" – eine afrikanische Geschichte, neu erzählt von Wolfgang Frommlet – erhielt Wagenbreth unter anderem den ersten Preis der Stiftung Buchkunst beim Wettbewerb "Die schönsten deutschen Bücher".

Der in Berlin lebende Künstler liebt kräftige und kontrastreiche Farben ebenso wie strenge geometrische Linien. Seine Bücher vergleicht er gerne mit Puppenbühnen. Sein "Rückwärtsland" bildet da keine Ausnahme. "Ich sehe mich oft als Puppenspieler auf dem Papier", sagt Wagenbreth über seine Bücher. "Puppen in drei Dimensionen interessieren mich auch sehr, das Puppentheater. Dort aber funktioniert das, glaube ich, ähnlich: Dass man seine Figuren hat, die handeln."

Freude an der grotesken Überspitzung

Zur Illustration kam Henning Wagenbreth – geboren 1962 in Eberswalde – über das Gestalten von Plakaten. Er macht das bis heute, mit seinen Arbeiten wird er etwa in Frankreich immer wieder zu Ausstellungen eingeladen. Die Begeisterung für großformatige, ausdrucksstarke Bilder ist seinen Büchern, auch dem neuen Band "Rückwärtsland", anzusehen. Dazu kommen ein subtiler Humor und eine Freude am grotesken Überspitzen. Die rückwärts erzählten Geschichten, die Abenteuer aus der verkehrten Welt, sind immer auch fröhliche Absagen an die Langeweile, ganz egal, ob sie in einer Fabrik stattfinden, von unserem Fleischkonsum handeln oder einen Unfall auf der Straße ungeschehen machen.

"Dieses groteske Umdrehen macht dem Zeichner Spaß", so der Zeichner Wagenbreth. "Das ist ein Denkmodell, das man wenigstens in einem Buch einmal ausleben kann und sich hinterher vielleicht fragt, wenn zum Beispiel die Tiere, die wir jeden Tag aussterben lassen auf der Welt, wenn die aus dem Nichts wieder auftauchen, dann merkst du auch, welche Dinge durch den Zeitablauf unwiederbringlich sind – und die tauchen plötzlich wieder auf."

Fröhliches Spiel mit der Zeit

Im Augenblick ist es vermutlich wenig verlockend, die Zeit zurückzudrehen. Wir sind froh, wenn das, was wir gerade erleben, vorbei ist – auch wenn wir nicht wissen, wann das der Fall sein wird. Henning Wagenbreths Bilderbuch "Rückwärtsland" – ein Buch nicht nur für Kinder! – ist trotzdem eine wunderbare Anregung, die Frage "was wäre, wenn" lustvoll in Gedanken durchzuspielen und zu reflektieren. Weil die Bildergeschichten auch von vielen spielerischen Wortumkehrungen leben, sei hier noch gesagt: nie sellot reuetneba. Leiv ssaps iebad.

Henning Wagenbreths Bilderbuch "Rückwärtsland" ist im Peter Hammer Verlag erschienen.

© Peter Hammer Verlag

Buchcover zu "Rückwärtsland" von Henning Wagenbreth

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