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Vergnüglich mit Niveau: "Monsieur Claude und seine Töchter" | BR24

© Marina Maisel/Komödie im Bayerischen Hof

Kissenschlacht: Schwierige Töchter

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    Vergnüglich mit Niveau: "Monsieur Claude und seine Töchter"

    Multikulti auf der Boulevardbühne: Der konservative Notar Claude grämt sich um seine Töchter, weil die einen Muslim, einen Juden und einen Chinesen geheiratet haben. Die vierte Tochter bringt einen Katholiken nach Hause - allerdings einen schwarzen.

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    Monsieur Claude Verneuil glaubt an Gott und de Gaulle, was in der französischen Provinz vermutlich dasselbe ist. Erzkatholisch, bieder und charakterfest geht er seinem Beruf als Notar nach, trägt zuhause graue Wolljacken und geht gerne angeln. Gesegnet mit vier Töchtern, könnte für den Mann alles bestens sein, doch ähnlich wie der Milchmann Tevje in "Anatevka" hat Claude mit seinen Kindern nichts als Ärger: Die eine heiratet einen Muslim, die andere einen Juden und die nächste lässt sich mit einem chinesischen Geschäftsmann ein. Somit ruhen alle Hoffnungen der gutbürgerlichen Familie aus der Kleinstadt Chinon im Loire-Tal auf der jüngsten Tochter, Laura.

    Lachen über Migration und Fundamentalismus

    Der Film war vor fünf Jahren ein Riesenhit, hatte allein in Deutschland fast vier Millionen Zuschauer. In Frankreich waren es sogar zwölf Millionen Kino-Besucher, dort sind Komödien über multikulturelle Themen weitaus populärer, wenngleich hierzulande "Willkommen bei den Hartmanns" in der Saison 2016/17 ja ähnlich erfolgreich war. Es gibt also ein ausgeprägtes Bedürfnis, über all die Vorurteile zu Migration, Globalisierung, Flüchtlingskrise und Fundamentalismus herzhaft zu lachen. Das Münchner a.gon-Theater wagte im März vergangenen Jahres den Versuch und brachte "Monsieur Claude und seine Töchter" auf die Bühne. Seitdem ist die Truppe auf Tour und macht jetzt bis Anfang November in der Komödie im Bayerischen Hof Station.

    © Marina Maisel/Komödie im Bayerischen Hof

    Ratlose Mienen

    Die Besetzung mit dreizehn Schauspielern ist für die Komödie im Bayerischen Hof ungewöhnlich, nicht nur wegen der vergleichsweise zahlreichen Mitwirkenden, sondern auch, weil kein Fernseh-Star dabei ist. Boulevard-Theater lebt ja von der TV-Präsenz der Hauptdarsteller. Folgerichtig gab es diesmal auch nicht den sonst üblichen Auftritts-Applaus. Doch am Ende war die Reaktion des Premieren-Publikums durchaus freundlich, wenngleich diese Produktion den Vergleich mit dem Film natürlich nicht bestehen kann. Das liegt einerseits gerade daran, dass sich Regisseur Stefan Zimmermann so nah an der Kino-Vorlage hält. Das nämlich bedingt viele kurze Szenen mit entsprechend zahlreichen Umbau-Pausen. Es ist eigentlich völlig überflüssig, dauernd die Holz-Elemente zu verschieben, um einen neuen Schauplatz anzudeuten. Da hätte das projizierte Bild im Hintergrund völlig ausgereicht. So bremsten die Umbauten das Tempo mehr als nötig.

    Alles in der eigenen Familie

    Ralf Novak als Monsieur Claude spielte mit nonchalanter Zurückhaltung. Dieser Notar lässt sich seine Wut nie anmerken, behält seine Vorurteile weitgehend für sich, ist eben gut erzogen. Nur ab und zu blitzt seine Verzweiflung auf über Beschneidungen, Halal-Mahlzeiten, koschere Gerichte und chinesische Kampfkunst-Rituale - und alles in der eigenen Familie! Da bringt Charles Koffi, ein schwarzer Schauspieler von der Elfenbeinküste, der Laura heiraten will, natürlich das Fass zum Überlaufen. Schade, dass dieser Monsieur Claude hier nicht doch etwas rabiater dargestellt wird, was seine Läuterung glaubwürdiger gemacht hätte. So kommt der Eindruck auf, dass der Mann in Wahrheit mit seinen Ressentiments immer nur kokettiert, also innerlich gar keinen weiten Weg zurücklegen muss, um zu Toleranz zu finden.

    © Marina Maisel/Komödie im Bayerischen Hof

    Was zählt, ist der Beat

    Trotz dieser Einwände funktioniert der Abend recht gut, auch weil Mona Perfler als treusorgende Ehegattin Marie Verneuil jederzeit authentisch wirkt - und das, wo das Stück ihr doch arg viel Wandlungsfähigkeit abverlangt. Sie muss nicht nur "depressiv" sein und zum Psychiater gehen, sondern auch noch beichten und schließlich beim Trommeln Erleichterung finden. Das könnte peinlich platt sein, wenn diese Rolle nicht so souverän gespielt würde. Die jüngeren Darsteller wirkten leider recht austauschbar: Der Unterschied zwischen jüdischem, muslimischen und chinesischen Schwiegersohn war kaum zu erahnen, und dass Tochter Laura (Laura Rauch) ausgerechnet diesen Schwarzen Charles Koffi anhimmelt, war ebenfalls äußerst unglaubwürdig. Hans-Jürgen Helsig fehlte es in der Rolle an Profil: Er war weder ein charismatischer Künstler, noch ein lebenslustiger Rapper oder ein Adonis, kurz, ihm fehlte jede markante Eigenschaft - obwohl er im Text als Schauspieler genannt wird, der in Paris in einem Feydeau-Stück brillierte.

    Makabere Gags

    Ungeachtet dessen ist es ein vergnüglicher Abend mit einem für Boulevard-Verhältnisse gescheiten, tagesaktuellen Thema. Es gibt einige makabere Gags, etwa, als der Hund die Vorhaut des Enkels verspeist, die doch eigentlich nach der Beschneidung getreu des jüdischen Brauchs im Garten der Familie vergraben werden sollte. Und auch die Therapie-Sitzung beim Psychiater ist recht gelungen, lässt er doch seine Patientin sich selbst analysieren.

    © Marina Maisel/Komödie im Bayerischen Hof

    Mit einem Schritt zum Happy End

    Theaterchef Thomas Pekny hatte einmal mehr das Bühnenbild entworfen: Wenig mehr als ein paar beleuchtete Seitenteile, ein Podest und ein paar hölzerne Sitz- und Tisch-Elemente, schließlich war eine Tournee-Produktion auszustatten, die keinen äußeren Aufwand treiben kann. Optisch war das jedoch überhaupt kein Makel. Ob die jeweilige Szene im Gefängnis spielte, im Garten oder am Teich, das wurde jederzeit deutlich. Die vielen Fans des Films, von dem es ja inzwischen eine Fortsetzung gibt, sollten diesen Abend nicht ständig mit der Vorlage vergleichen und ihre Erwartungen anpassen. Das Theater hat ja seine eigenen Gesetze, Gesellschaftskritik funktioniert in Frankreich und Deutschland ohnehin unterschiedlich. Und wer den Film nicht kennt, kann sich dennoch auf einem erfreulich hohen Niveau unterhalten lassen.

    Vom 11. September bis 3. November 2019 in der Komödie im Bayerischen Hof in München, jeweils Montag bis Samstag um 19:30 Uhr, Sonn-und Feiertag 18:00 Uhr, außer 12., 14., 21., 22. Okt.

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