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"Vergiftete Wahrheit": Der Film zur Stunde von Todd Haynes | BR24

© Audio: Bayern2/ Bild Tobis

Das Justizdrama um diesen Umweltverschmutzungsskandal lesen viele zur Zeit als Allegorie auf den Kampf gegen Trumps Lügenmaschinerie. Nun hat der amerikanische Regisseur Todd Haynes unter dem Titel "Vergiftete Wahrheit" einen Film darüber gedreht.

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"Vergiftete Wahrheit": Der Film zur Stunde von Todd Haynes

Kühe sterben, Kinder mit Missbildungen kommen auf die Welt: Regisseur Todd Haynes überzeugt mit seinem Justizdrama um einen Umwelt-Skandal - den viele als Anspielung auf den Kampf gegen Trumps Lügenmaschinerie sehen.

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Von
  • Marie Schoeß

Ausgerechnet mit John Denvers Sehnsuchtshymne lässt Todd Haynes den Protagonisten seines neuen Films durch die USA fahren, der Regisseur also, der vor fünf Jahren schon einmal feinsinnige Szenen im Auto aufnahm. Damals aber, in "Carol", zeigte er zwei Frauen, die gerade ihre Liebe entdeckten, und diesen Road Trip konnte er nur mit flirrender Klavier-Musik unterlegen. Im Auto rangen zwei Frauen um ihre Gefühle und auch das Klavierspiel war sich uneins: die linke Hand arbeitete förmlich gegen die rechte, lenkte ab von der schlichten Melodie, eröffnete Echoräume und ließ einen so die Vielstimmigkeit, auch die Aufregung der Figuren spüren.

Der neue Protagonist und seine solide Klangwelt wirken da wie eine Kehrtwende in der Arbeit des Regisseurs. Aber das stimmt nicht ganz: Denn die Aufmerksamkeit, mit der Haynes uns eine Welt vor Augen stellt, ist geblieben. Robert Bilott, der Anwalt im Auto, sieht durch seine Windschutzscheibe in eine Gesellschaft von großer Tristesse, und das zeigt jedes Bild: Die Kinder auf ihren Fahrrädern mögen ausgelassen sein und lachen, aber die Leere auf der Straße verwandelt ihre Fröhlichkeit sofort in etwas Unheimliches, fast schon Groteskes. Und die Erwachsenen, die da am Straßenrand stehen, sind – so matt, wie die Kamera sie einfängt – kaum zu unterscheiden vom Grau in Grau der Straßen.

Dieser Welt wurde das Farbige, Flirrende entzogen. Und Rob fügt sich ein in dieses Szenario – ein bodenständiger Typ ist das, der sich gerade in die Heimat aufmacht, um einem alten Farmer einen Gefallen zu tun. Und der nicht ahnt, wie sehr ihn dieser Mann schon wenig später herausfordern wird.

Sterbende Kühe und missgebildete Kinder

Die Geschichte ist oft und in verschiedensten Varianten erzählt worden: Ein einziger Fall – eher zufällig aufgedeckt – offenbart Unrecht von größtem Ausmaß. Die Kühe auf der Farm sterben reihenweise – der Farmer hält den Chemieriesen für schuldig, der das Nachbargrundstück gekauft hat – aber: Es sterben nicht bloß Tiere, der DuPont-Konzern fügt Mitarbeitern, Anwohnern; Mensch und Umwelt wissentlich Schaden zu. Das Chemie-Unternehmen nimmt in Kauf, dass hier schwangere Frauen arbeiten und ihre Kinder mit Missbildungen zur Welt kommen, es nimmt in Kauf, dass das Trinkwasser verseucht wird und Menschen an Krebs sterben.

© Tobis

Regisseur Todd Heynes zeichnet die Welt der mächtigen Industriellen und Farmer sorgfältig.

Der Fall ist für Rob schnell klar, aber der Gegner ist übermächtig, weshalb sich auch nur ein einziger Kollege in der Kanzlei dafür ausspricht, den Prozess nicht gleich fallen zu lassen.

Pflichtgefühl statt Charisma

Warum, fragt man sich hier und da, packt einen dieser Film so, obwohl man Geschichten desselben Musters schon allzu oft gesehen hat und einige Figuren auch kaum überraschen – der knurrig-aufbegehrende Farmer zum Beispiel oder die besorgte Ehefrau? Es liegt am Protagonisten, der ein wenig anders ist als viele seiner Vorgänger: Rob mag ein erfolgreicher Anwalt sein, aber er wirkt schon ziemlich gewöhnlich. Kein genialer, charismatischer Typ, kein Gegenbild zu den "einfachen Leuten", die er vertritt. Eigentlich ist er mit seiner Arbeitsmoral, seinem Pflichtgefühl dem Farmer gar nicht so unähnlich.

Und Mark Ruffalo spielt diesen gewöhnlichen Mann mit derselben Aufmerksamkeit, mit der Haynes dessen Welt inszeniert: Den Kiefer dieses Mannes jedenfalls vergisst man nicht so schnell wieder. Die Anspannung hat sich förmlich eingefressen in diesen Kiefer, sodass jede Regung – von Mund, Wangen, Kinn – von der Angst dieses Mannes erzählt, am Ende doch einfach versagt zu haben.

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