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Dieses Buch stellt "die beste Schule der Welt" vor | BR24

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Kunstunterricht in einer Mittelschule in Neuseeland

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Dieses Buch stellt "die beste Schule der Welt" vor

Ein Direktor, der die Schüler persönlich begrüßt, Lehrerinnen, die individuell fortgebildet werden, Kinder, die nicht zum Schwänzen zu bewegen sind: Verena Hasel berichtet in "Der tanzende Direktor", wie Lernen in Neuseeland gelingt.

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Eigentlich wollte Verena Friederike Hasel ihre Tochter ja zum Schuleschwänzen überreden, als die Familie ein halbes Jahr in Neuseeland lebte – immer mal wieder das Wochenende verlängern, möglichst viel vom Land sehen, die Natur genießen. Das war der Plan der Berliner Journalistin. Aber, das erklärte ihr die Tochter sehr schnell, als sie die Schule im kleinen Ort Narrow Neck kennenlernte: Hier würde sie sicher keinen Schultag verpassen. "Als ich meine Tochter das erste Mal da hingebracht habe, dachte ich sofort, dass da etwas anders ist: Erstmal weil die Kinder barfuß liefen, aber auch weil der Direktor vor der Schule stand und jedes Kind einzeln begrüßte, einige auch angesprochen hat, die Namen kannte, sehr präsent war und mir ein bisschen vorkam wie ein Gastgeber, der jetzt seine Gäste in Empfang nimmt. Und ich hörte schon bald, dass die Kinder sich am Strand treffen, um da gemeinsam Müll zu sammeln, oder im Altersheim mit Bewohnern Aerobic machen gehen. Ich hörte alle möglichen Sachen, von denen ich dachte: Oh, so kenne ich Schule gar nicht", erzählt Verena Hasel.

I wie Icecream

Einem Leser geht es nicht anders: "Der tanzende Direktor" – so hat Verena Friederike Hasel ihr Sachbuch über das neuseeländische Schulsystem genannt – liest sich wie eine Utopie, eine zwar famose, am Ende aber nicht zu verwirklichende Idee davon, wie Lernen gelingen könnte. Schreiben und Lesen lernen zum Beispiel.

Man mag sich da an die eigenen ersten Versuche erinnern, und das heißt – zumindest bei mir – an Versuche, die Buchstaben erst einmal richtig aufs Papier zu bringen, zu rätseln, wie sich das kleine oder große g, f, k auf die dafür vorgesehenen Linien im Heft verteilen könnten. In Neuseeland, so beobachtete es Hasel, werden Schüler stattdessen verführt, erst Buchstaben und später ganze Geschichten zu lieben: Wer das I kennenlernt, sammelt also aufregende Wörter, die mit I beginnen: Icecream kann das sein, Koalabären oder Küsse folgen beim K, Ballons beim B, die dann, wenn sie erst einmal richtig geschrieben werden, auch in den Himmel steigen.

Diese Art der Verführung setzt sich fort, sagt Hasel: "Ich war an einer Schule, da sagte die Lehrerin eines Tages, sie habe einen großen Koffer gefunden und sie hätte rumgefragt, wem denn der Koffer gehören würde und niemandem würde er gehören, sie hätte bei der Polizei nachgefragt und die hätten gesagt: Machen Sie ihn ruhig auf. Und dann waren in dem Koffer Landkarten von einem Ort, ein Amulett, ein Fußball-T-Shirt. Und alle waren total begeistert, weil es wie eine Schatzkiste war, und haben spekuliert: Wem gehört dieser Koffer, wie kommt er zu uns. Und die Lehrerin hat gesagt: Schreibt das doch auf. Natürlich hatte die Lehrerin den Koffer gepackt – mit Hilfe der Eltern, die Sachen beigesteuert hatten, und das beruhte auf der Idee eines externen Beraters, den sich die Schule geholt hatte, weil sie festgestellt hatten, dass die Jungs nicht so aus sich rauskommen."

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Kunstunterricht in der Mittelschule in Rotorua in Neuseeland

Ein Hund, der Geschichten liebt, besucht die Schulkinder

Hasel versammelt viele solcher Geschichten – die Schatzkiste, die zum Schreiben verführt, klingt schnell einfallslos, hört man von der Fee, die in einer anderen Klasse einzieht und um Post bittet. Einer weiteren Klasse – hier lernen viele Kinder aus bildungsfernen Elternhäuser – stattet ein Mal die Woche ein Hund seinen Besuch ab – ein Hund, der Geschichten liebt und die Kinder ihre Scham vergessen lässt, wenn das Vorlesen einmal holprig wird.

Wie das gelingen kann, das Finden und Umsetzen vieler kleiner Ideen? Im Kern ist es für Hasel ein einziger Faktor: Es gelingt, weil Lehrer gefordert und in ihrer Arbeit unterstützt werden – wenig bürokratische Aufgaben, dafür externe Berater mit Tipps für lesefaule Jungs, Helfer für einzelne Schüler, regelmäßige Fortbildungen: "Also, die Fortbilder kommen direkt an die Schulen, zum einzelnen Lehrer, fragen ihn direkt, womit hast du Schwierigkeiten, woran sollen wir arbeiten, was ist die Herausforderung hier an dieser Schule. Und dann geben die Fortbilder Modellstunden und die Lehrer gucken zu – dann planen sie als nächstes mit den Lehrern die eigenen Stunden. Und dann sind sie in diesen Stunden auch anwesend und greifen unter die Arme, springen ein, wenn er nicht weiter weiß. Also: Die kommen mehrmals im Jahr und arbeiten individuell mit einem Lehrer."

Ein Bericht mit Blick für Strukturfragen

Hasel traut sich – und deshalb tut ihr Buch den Bildungsdebatten so gut – erst einmal ein positives Bild zu zeichnen, statt sich in Detailfragen und kritischen Einwänden in Sachen Machbarkeit zu verlieren. Gleichzeitig ist dieses Buch keine einfache Liebeserklärung an eine spezifische Schule, Insel der Glückseligkeit, sondern ein Bericht mit Blick für Strukturfragen: Warum wird in Deutschland über Klassengröße, Hausaufgaben, Schuljahre so heftig gestritten, obwohl diese Faktoren erwiesenermaßen weniger über Erfolg und Misserfolg entscheiden als die Lehrerpersönlichkeit? Warum wird immer wieder experimentiert, ohne vorher genug Wissen über die Neuerungen zu sammeln? Stichwort G8. All diese Fragen stößt dieses kleine Buch an – und lässt einen doch wieder daran glauben, dass es möglich ist: ein Schulsystem, das Kinder ermutigt, Fehler zu machen, und sie gleichzeitig ermächtigt, sie zu korrigieren.

Verena Friederike Hasel, "Der tanzende Direktor", ist bei Kein & Aber erschienen.

© Kein & Aber/ Montage BR

Verena Friederike Hasel, "Der tanzende Direktor", Cover

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