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Verehrung oder Rassismus? Der Streit um "Mohren" in Wappen | BR24

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Streit in Coburg: Über 3.000 Menschen haben bereits eine Petition unterschrieben, weil sie die "Mohren"-Darstellung im Coburger Stadtwappen verletzend und rassistisch finden. Doch wie viel Rassismus steckt in solchen "Mohren"-Wappen?

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Verehrung oder Rassismus? Der Streit um "Mohren" in Wappen

Streit in Coburg: Über 3.000 Menschen haben bereits eine Petition unterschrieben, weil sie die "Mohren"-Darstellung im Coburger Stadtwappen verletzend und rassistisch finden. Doch wie viel Rassismus steckt in solchen "Mohren"-Wappen?

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"Wappen sind die Logos der Vergangenheit", sagt der Kultur- und Heimatpfleger Bernd Feiler. Logos, mit denen man auffallen und sich legitimieren wollte, erklärt er: "Eine dunkelhäutige exotische Gestalt ist auffälliger als Balken, Rauten oder das ganze Viehzeug, das man sonst in Wappen sehen kann."

"Mohren" sollten Stärke symbolisieren

Im Landkreis Freising habe der "Freisinger Mohr" im Wappen bisher keine Rassismus-Debatte ausgelöst, heißt es aus dem Landratsamt. Auch im Bischofswappen und dem Papstwappen von Benedikt XVI. ist die gleiche gekrönte schwarze Person zu sehen. Wen sie darstellen soll, weiß Kultur- und Heimatpfleger Bernd Feiler allerdings nicht. Die Entstehung der Wappen wurde im Mittelalter nicht dokumentiert, sagt Historiker Reinhard Heydenreuter. Oft aber sollte die Figur Stärke ausdrücken. "Die meisten Mohren-Darstellungen gehen auf den heiligen Mauritius zurück, einen der wichtigsten Heiligen des Heiligen Römischen Reichs", erklärt Heydenreuter. "Wer die heilige Lanze und das Mauritius-Schwert hatte, der war unbesiegbar."

Oxidiertes Silber lässt weiße Personen schwarz erscheinen

Andere Darstellungen beziehen sich auf den sagenhaften König Balthasar von den Heiligen Drei Königen, manche einfach auf den Stadtnamen – wie bei Möhringen bei Stuttgart. Und es sei vorgekommen, dass im Laufe der Zeit aus einer weißen Person eine schwarze wurde – einfach aufgrund des Materials eines Wappens, vor allem Silber oxidiert und verfärbt sich schwarz, sagt Reinhard Heydenreuter. Darum würden viele einst silbernen Figuren später als "Mohren" interpretiert. Das Fugger-Wappen war früher einmal eine Marienfigur, dann wurde es zur "Mohrin" – das war schick. Im Mittelalter galt ein "Mohr" im Wappen als etwas außerordentlich Schönes.

Symbole der Verehrung

Die "Mohren"-Darstellungen seien Symbole der Verehrung und nicht der Diskriminierung – so argumentieren Städte, Gemeinden und Landkreise. Für Thomas Hoffmann, den dritten Bürgermeister von Uettingen im Landkreis Würzburg gehört die schwarze Figur mit Lockenkopf und Ohrring im Stadtwappen "zur Geschichte des Dorfes, und das kann man nicht verleugnen", findet er. Auch Katja Müller, erste Bürgermeisterin von Lauingen im Landkreis Dillingen an der Donau glaubt, dass sich keine Stadt gerne mit einem diskriminierenden Symbol im Wappen präsentieren würde. Beschwerden wegen der "Mohren"-Darstellungen in den Wappen habe es jedenfalls in beiden Orten noch keine gegeben.

Wappen bedienen Stereotype

Vielleicht waren die Darstellungen im Mittelalter nicht rassistisch gemeint. Heute zeigen die Wappen aber Stereotype, geprägt durch die Kolonialzeit, so die Kritiker: Afrikaner mit dicken Lippen und großen Ohrringen. Doch viele Menschen in Deutschland würden Rassismus nicht wahrnehmen – weil sie ihn als Weiße noch nie erfahren haben, so Betiel Berhe, Expertin für Antidiskriminierung.

"Wenn Rassismus kritisiert wird, kommen immer die gleichen Phrasen: Das kann nicht rassistisch sein, wir sind nicht rassistisch. Die Perspektive, die Rassismus kritisiert, wird nicht als eine legitime anerkannt." Betiel Berhe, Expertin für Antidiskriminierung

Statt einer Gegenpetition, die derzeit in Coburg das Wappen mit der "Mohren"-Darstellung schützen will, wünscht sich Betiel Berhe deshalb einen Perspektivwechsel:

"Es kann nicht sein, dass sich in einem Raum lauter 'weiße Menschen' treffen, um sich dann zu einigen, dass wir kein Problem haben. Das ist das, was in der Vergangenheit passiert ist. Durch die vielen jungen Leute, die auf die Straße gegangen sind, haben wir jetzt die große Chance, dass wir anfangen können anders über Rassismus zu sprechen." Betiel Berhe, Expertin für Antidiskriminierung

Dass das Thema derzeit überhaupt in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wird, sei immerhin ein großer Fortschritt.

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