Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Verdorrtes Niederbayern: "High Noon" in Eggenfelden | BR24

© BR

Ein "Endzeit-Western-Spektakel" der Theatergruppe Pandora Pop steht derzeit im Theater an der Rott in Eggenfelden auf dem Spielplan. Es zeigt ein verdorrtes Niederbayern, das sich mit Mauern gegen Klima-Flüchtlinge abschotten will.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Verdorrtes Niederbayern: "High Noon" in Eggenfelden

Ein "Endzeit-Western-Spektakel" der Theatergruppe Pandora Pop steht derzeit im Theater an der Rott in Eggenfelden auf dem Spielplan. Es zeigt ein wasserarmes niederbayerisches Dorf, das sich mit Mauern gegen Klima-Flüchtlinge abschotten will.

Per Mail sharen
Teilen

Noch bis Ende September ist "High Noon" im Theater an der Rott zu sehen, entwickelt von "Pandora Pop" . Die freie Theater-Truppe mit Sitz in München schreibt über sich selbst, sie "mixe Lebensrealität und Popkultur mit performativer Darstellungspraxis". Außerdem hat sie den Anspruch: " Jedes Projekt beginnt mit uns selbst. Jedes Thema beginnt mit der Welt. Oder umgekehrt." Was das alles mit einem Western zu tun hat und warum der Klimawandel und die Flüchtlinge thematisch zwingend zusammengehören, darüber sprach Peter Jungblut mit den Regisseurinnen für die Sendung kulturLeben auf Bayern 2.

Peter Jungblut: Wie viele Pferde in "High Noon" mitspielen, das wissen Anna Winde-Hertling und Carolin Schmidt vom Regieteam, die ich herzlich hier im Kulturleben begrüße. Naja, das war ein bisschen scherzhaft formuliert mit den Pferden, oder spielt tatsächlich eines mit?

Anna Winde-Hertling: Leider kein echtes Pferd. Das hätten wir auch toll gefunden. Aber es gibt einen kurzen Auftritt von einem Pferd. Mehr wird jetzt nicht verraten!

Das wird sich dann im Theater an der Rott aufklären, beim crossmedialen Western-Spektakel. Es geht um einen mythischen Ort, in dem sich ein Virus verbreitet. Vor lauter Angst wollen die Menschen dann eine Mauer bauen. Darum geht es, oder?

Anna Winde-Hertling: Ja, genau. In dieser bedrohten Zone, wie wir das nennen, führt das Virus dazu, dass die Stimmung immer radikaler wird und die Dorfbewohner sich gegenseitig aufwiegeln. Und dann denken sie, die Lösung sei, eine Mauer zu ziehen.

Carolin Schmidt: Die Mauer ist also eine von mehreren in Erwägung gezogenen Möglichkeiten.

© Theater an der Rott

Wilde Schießerei

Heißt das, dass man auch einen Zaun ziehen könnte? Stacheldraht verlegen, oder was auch immer - sich abschotten?

Anna Winde-Hertling: Sich abschotten! Aber es gibt auch andere einzelne Figuren, die sich auf die Suche nach einem Lösungsansatz machen. Und jeder hat da eine andere Vorstellung, wie man die Situation wieder deeskalieren könnte oder mindestens einen Ansatz, vielleicht ein Antidot finden könnte gegen das Virus, oder irgendwie anders damit umgehen könnte.

Carolin Schmidt: Der Blick auf das Virus wird auch in Frage gestellt. Also es gibt auch die Möglichkeit, es als Chance zu begreifen.

Nun muss man ja nicht viele Überlegungen anstellen, um das Gleichnis zu erraten: Mauern, Stacheldraht, Abschottung. Das zielt natürlich auf unsere Gegenwart. Aber warum Western-Stadt? Warum ist das ein Western-Spektakel?

Anna Winde-Hertling: Es spielt eigentlich in einer nicht allzu fernen Zukunft, die das Rottal in eine Western-Landschaft verwandelt hat, also wo der Klimawandel voll zugeschlagen hat. Und jetzt herrscht dort Dürre, und es gibt eine Steppe, eine Wüste. Es ist heiß, es gibt keine Insekten mehr, die sind ausgestorben, folglich auch kaum noch Pflanzen, kaum Tiere. Und so sieht es plötzlich aus wie im Wilden Westen.

Das heißt, sie verbinden die großen Themen unserer Zeit: Klima, Klimabedrohung, Klimawandel und Migration, Abschottung miteinander?

Carolin Schmidt: Ganz genau, weil uns aufgefallen ist, das alles miteinander zusammenhängt. Wir haben am Anfang vor allem beleuchten wollen, wie die Unterschiede sind zwischen städtischem und ländlichem Leben. Wo kommen denn die Vorurteile her und wogegen will man sich denn abschotten? Und wieso gibt es jetzt so viele Migrationsströme? Und dann ist uns schnell aufgefallen, dass wir mit unserem täglichen Handeln das natürlich vorantreiben, das irgendwann andere Menschen bald kein Wasser mehr haben werden. Dann haben wir angefangen, das Ganze miteinander zu verflechten und das auch aufzuzeigen und auch die Komplikationen und die Komplexität dieser Themen ein wenig zu beleuchten.

© Theater an der Rott

Pastellfarbene Häuser wie in den USA

Alles hat natürlich mit allem zu tun! Aber wie sieht das jetzt auf der Bühne aus? Frau Schmidt, Frau Winde-Hertling, was wird man denn im Theater an der Rott in Eggenfelden sehen? Eine echte Western-Stadt? Oder arbeiten Sie mit mit Projektionen oder Assoziationen? Wie sieht das Ganze dann konkret aus?

Anna Winde-Hertling: Ich glaube, am ehesten erinnert das Ganze an eine Filmkulisse, wie man sie aus den guten, alten Western-Filmen kennt. Und optisch haben wir uns da inspirieren lassen von der Gegend, in der das Stück jetzt entstanden ist. Da sind uns besonders markant aufgefallen die schönen, niederbayerischen, pastellfarbenen Häuserfassaden, die, wenn man es so sehen möchte, uns stark erinnert haben an Städte aus den USA.

© Theater an der Rott

Die Gang ist vorbereitet

Es geht um die Frage, wie kommt es zu dieser Angst in allen möglichen Ecken der Welt, und zwar gerade in den Ecken, muss man ja doch sagen, denen es besonders gut geht. Wohlstands-Nationen, die eigentlich gar keinen Grund hätten, Angst zu haben. Diesen Grund hätten andere Gegenden vielmehr. Das ist ja das makabere, bizarre, absurde an der Lage.

Carolin Schmidt: Ganz genau! Wir warnen ja auch total. Wir haben ein Forschungsstipendium bekommen, um tatsächlich zu Mauern in den USA zu fliegen. Da kann Anna besser darüber sprechen, weil ich diese Reise nicht mit unternommen habe. Und da war das ein Erlebnis, wie die Mauer von der mexikanischen Seite her erlebt wurde, nämlich total fröhlich und beschwingt. Und auf der nördlichen Seite war es eigentlich ganz fürchterlich depressiv. Das betont noch mal, was Sie jetzt gerade meinten: Was ist der Wert davon, wenn wir Mauern bauen? Was haben wir davon?

Anna Winde-Hertling: Was wir unbedingt verstehen wollten, war, warum es eigentlich dazu kommt, dass Leute sich sicherer fühlen, wenn es eine richtige Mauer gibt. Dort steht ja eher so ein Zaun, jetzt wollen sie gerne eine richtige Mauer. Wir wollten gerne beide Seiten betrachten.

Wieder am 27., 28. und 29. September im Theater an der Rott in Eggenfelden.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Hörspiele, Krimis, Kinder-Angebote, Features, Dokumentationen, Gespräche und vieles mehr finden Sie in der ARD Audiothek.