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Schottergärten? Nicht übler als das Pestizid von gestern! | BR24

© Audio: BR / Bild: dpa-Bildfunk

Weil sie so gut wie keine Pflege brauchen, sind Kiesgärten gerade im Trend. Manche Regionen verbieten sie nun, weil sie Tieren keinen Lebensraum bieten. Unsere Autorin sieht bei den Gärten von heute aber ein viel grundlegenderes Problem.

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Schottergärten? Nicht übler als das Pestizid von gestern!

In Baden-Württemberg sind sie bereits verboten und auch einige bayerische Städte gehen gegen Schottergärten vor. Aber Schotter ist nicht Schotter und mancher Kies der richtige Boden für Blüten und deren Bienen.

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Ja, es gibt sie, diese unglücklichen Gärten, die aussehen wie die letzte Ruhestätte einer knapp vor dem Haus zum Stillstand gekommenen Steinlawine. Auch sauber gerechte Schotterflächen, auf die Steinkugeln oder Buddhastatuen offenbar aus großer Höhe zufällig abgeworfen wurden. Oder bunter Zier-Schotter farbabgestuft zu absonderlichen Mustern aufgeschüttet, flankiert von grünpyramidalen Koniferen-Wächtern in Gartenzwerg-Größe. Gärten des Grauens, so heißt auch ein facebook-Blog, der Anschauungsmaterial quer durch die Republik sammelt, das jeden darin bestätigen kann, was in Baden-Württemberg nun gerade beschlossen wurde: Schottergärten gehören verboten. Weil sie scheußlich sind. Und weil sich keine Bienen und andere Insekten in diesen toten Geröllhöllen tummeln.

Die Angst vor der Natur in einem neuen Gewand

Könnte stimmen. Ist aber zu pauschal gedacht, und zu oberflächlich. Natürlich gibt es Menschen, die aus falsch verstandener Ordnungsliebe oder auch Angst vor unkontrollierbarem Grün alle Spuren von Natur beseitigen wollen. Diese Garten-Phobiker gibt es nicht erst, seit Schotter in Baumärkten als Zentnerware und abdichtende Folie am laufenden Meter angeboten werden. In ihren Gärten fand sich früher pestizidgetränkter Fertigrasen mit Blaufichte in der Mitte. Sonst nix, auch kein Insekt.

Aber auch der normal bepflanzte Garten gibt sich selten genug natürlicher Ekstase hin. Bereits die Randbepflanzung mit Sträuchern sieht häufig aus, als sei der Bundeswehr-Friseur im Truppen-Einheitsschnitt drüber, so dass niemand sagen kann: war das Stummelbüschchen mal ein blaublühender Flieder oder eine gelbleuchtende Forsythie? Man sollte auch wissen: Viele Sträucher blühen am Ast des Vorjahres – blöd für die Biene, wenn der jedes Jahr generalstabsmäßig niedergeschnitten wird, statt zu schwingen, zu hängen, zu wippen und zu wuchern.

Ignoranz im Garten ist nicht neu

Was wir sagen wollen: Die Ignoranz einem Garten gegenüber ist Moden unterworfen, war aber immer schon existent. Noch heute kann man Wacholder sehen, der seit den 50er-Jahren alles andere Leben in Vorgärten flächendeckend unter sich begräbt. Eine Art Denkmalcharakter einer missverstandenen Gartenkultur – so wie es eben heute der geschotterte Pseudo-Zen-Garten mit Schrumpfkonifere ist. Man kann es nämlich auch anders machen, wenn man über Wissen, Gestaltungskraft und Gartenliebe verfügt.

Die britische Gärtnerin Beth Chatto zum Beispiel ist berühmt geworden für ihre Philosophie der "richtigen Pflanze am richtigen Ort". Schließlich fühlt sich nicht jede Pflanze in fetter Gartenerde wohl. Die im Alter von 94 Jahren verstorbene glückvolle Gartenlady wurde mehrfach prämiert auf der Chelsea Flower Show für ihre rauschhaft üppigen Kiesgärten mit trockenheitsliebenden Pflanzen, die ohne Bewässerung auskommen – durchaus eine Option für künftige Gärten im Klimawandel. Und im Übrigen voller Schönheit.

Schottergarten als Chance im Klimawandel

Man kennt diesen Charme aus dem mediterranen Raum. Oder von Bahndämmen, wo es zwischen aufgelassenen Gleisen blüht und zirpt und brummt. Entlang von Flussläufen, der Isar zum Beispiel, wo sich wilde Vegetation niederlässt. Es gibt Sand- oder Kiesböden liebende Pflanzen. Und es gibt Insekten, die genau diese Arten anfliegen. Trockenflächen können der geforderten Biodiversität und dem Artenschutz durchaus gerecht werden. Natur und Stein schließen sich keinesfalls aus. Oft ist der Rasen der Eindringling in dieser Natursymbiose.

Ein pauschales Verbot von Schotter also? Wäre okay, aus ästhetischen Gründen. Ein Verbot von Kiesflächen, auf denen sich Karden, Knautien, Kartäusernelken, Schafgarbe, Natternkopf, Nachtkerzen oder Dost ansiedeln? Das wäre so wenig sinnvoll wie die mit Dämm-Material verklebten Häuserfassaden, in denen keine Vögel mehr nisten können – sozusagen eine Variante von Unkrautvlies, nur halt vertikal an der Hauswand. Das eine verdammt, das andere verlangt?

Vielleicht sollte man ja lieber die verängstigte deutsche Gartenseele, die sich nach pflegeleichten Konzepten sehnt, zart an der Hand nehmen und öffnen für das Mysterium eines Gartens: dieses blühende, wachsende, werdende und auch vergehende Wesen, entstanden aus dem Sinn für Schönheit, der Lust an Früchten und dem Bedürfnis nach Seelenheil. Ein Individuum, mit dem man in Dialog treten kann. Es wäre an der Zeit, all die verschotterten Gartenseelen behutsam auszugraben!

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