Szene aus "Siegfried": Mummenschanz mit Wagner

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"Verblüffend böse": macht Bayreuth zu viele Regie-Experimente?

"Verblüffend böse": macht Bayreuth zu viele Regie-Experimente?

Der neue "Ring" ist durchgefallen, das Publikum reagierte entsetzt. Doch die Begleitumstände waren schwierig. Setzt Katharina Wagner zu sehr auf personelle Wagnisse? Erfolge hatte sie jedenfalls mit den bewährten Routiniers im Operngeschäft.

Das muss nichts heißen, dass der neue Bayreuther Ring beim Publikum und den meisten Kritikern fürchterlich floppte. Buh-Stürme haben auch schon andere Inszenierungen überstanden, die später Kult wurden, angefangen bei Patrice Chéreaus "Jahrhundert-Ring" von 1976. Und doch ist eines auffällig: An Wagners Vierteiler scheint wirklich ein Fluch zu hängen, was die Bayreuther Festspiele betrifft. Keines der ehrgeizigen Regieprojekte kam in den letzten Jahren zustande: Kinostar Lars von Trier sagte ab, Wim Wenders warf hin, und auch die profilierte und viel gefragte Opernregisseurin Tatjana Gürbaca wollte nicht antreten.

Künstlerischer Erfolg zwiespältig

Deshalb wurden die letzten drei Ringe von teils sehr kurzfristig eingesprungenen "Ersatz"-Künstlern verwirklicht: 2006 vom damals fast 80-jährigen Schriftsteller und Mythen-Experten Tankred Dorst, 2013 vom seinerzeit 62-jährigen Ex-Volksbühnenchef Frank Castorf und jetzt vom 33 Jahre alte Valentin Schwarz, also von zwei Oldies und einem Nachwuchstalent. Der künstlerische Erfolg war insgesamt eher zwiespältig. Dorst langweilte mit statischen Arrangements, Castorfs Ring empörte mit einem wilden Assoziationsreigen und fand schließlich Gnade bei den Zuschauern. Ob das auch bei dem fürchterlich ausgebuhten Schwarz so sein wird, wird sich zeigen.

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Vor allem die internationalen Gäste zeigten sich schier sprachlos über den aus ihrer Sicht vorgeführten szenischen Dilettantismus, hadern Amerikaner, Asiaten und sogar die meisten Europäer doch ohnehin mit dem deutschen Regietheater. Ein sehr prominenter deutscher Opernregisseur im Publikum sagte dem BR, er sei zwei Mal von den Festspielen angefragt worden und habe zwei Mal abgelehnt, weil ihm anderes wichtiger gewesen sei. Mag sein, dass da auch die vergleichsweise knappen Probenzeiten eine Rolle spielten, zumal Sängerstars selten von Anfang bis Ende dabei sind. Die Ära, in der weltbekannte Solisten sich zwei Monate in Oberfranken einmieteten, sind lange vorbei, wenn es sie denn jemals gegeben haben sollte: Heute jetten sie zwischendurch zu diesem und jenem Sommerfestival.

Ausgerechnet altbekannte Profis überzeugten

Das scheint ein eminentes Problem von Festspielchefin Katharina Wagner zu sein: Ihre Regie-Angebote sind längst nicht mehr unwiderstehlich, und wenn sie personell was ganz Neues wagen will, scheitert sie regelmäßig, etwa beim Künstler Jonathan Meese, der 2016 den "Parsifal" inszenieren sollte und beim umstrittenen Schauspiel-Fachmann Alvis Hermanis, der 2018 den "Lohengrin" interpretieren sollte. Beide gingen im Streit.

Erfolgreich waren ausgerechnet Produktionen von Profis im Operngeschäft, die überall beschäftigt werden, also diesbezüglich keineswegs "Entdeckungen" oder personelle Wagnisse waren: Die "Meistersinger von Nürnberg" in der Deutung von Barrie Kosky und der "Tannhäuser", fulminant inszeniert von Tobias Kratzer. Auch Stefan Herheims "Parsifal" war 2008 ein großer Publikumserfolg. Der Regisseur übernimmt mit der neuen Spielzeit das Theater an der Wien, sein "Ring" an der Deutschen Oper Berlin war allerdings eine gelinde Enttäuschung.

"Neues Gesicht, neuer Geist"

Valentin Schwarz war im Vergleich zu diesen viel beschäftigten Regie-Stars ein unbeschriebenes Blatt, musste mit zwei Jahren coronabedingter Verschiebung und zahllosen Umbesetzungen klar kommen: "Das ist natürlich für jeden ein Kraftakt, der Ring, das ist klar", sagte er dem BR: "Man muss sich da seine Kräfte einteilen. Der Ring war vor zwei Jahren fertig konzipiert, die Bühnenbilder gebaut, die Stoffe für die Kostüme bestellt. Der Ring arbeitet trotzdem in einem weiter. Ich habe es aber immer als große Chance begriffen, wenn ein Sänger durch Covid ausfiel, wenn umbesetzt werden musste, dass wir eine neue Sicht auf den Ring kriegen, mit einem neuen Gesicht, aber auch einem neuen Geist."

So herbe, wie die Premiere durchfiel, waren das wohl ein paar Neuerungen zu viel, zumal die meisten Solisten mit ihren Rollen-Porträts sichtlich kämpften. Sie schienen nicht sehr glücklich mit einem Ring, der mit der oberflächlichen Optik und der (meist) schlichten Dramaturgie von Fernsehserien spielte. Die Welt als Sofaecke im "Daily Soap"-Stil mit ganz viel, allerdings "kurzweiliger", Gewalt erschien den Wagner-Pilgern arg flach und anspruchslos. Als Satire zu unentschlossen, als Zivilisationskritik zu bieder.

"Erster Eindruck war der falsche"

Valentin Schwarz: "Erschreckend gut und verblüffend böse, das sind Kategorien, die sich nach und nach aufzulösen beginnen. Diese Wahrnehmung, die gibt es in TV-Serien, die gibt es in vielen Büchern, aber auch im Leben ganz allgemein, dass wir merken, wir haben uns in einem Menschen getäuscht, der erste Eindruck war der falsche, die Liebe auf den ersten Blick, die wurde bitter enttäuscht, und diesen Erfahrungen auf der Bühne einen Raum zu geben, das war mir sehr wichtig."

Schwarz schien völlig den Überblick verloren zu haben, was nicht gegen ihn spricht: Rund 14 Stunden Musik zu bebildern, ein Wimmelbild von Personen auszudeuten, das ist schon für Routiniers eine Herausforderung, umso mehr für jemanden am Anfang seines Berufswegs, der mitten in der Pandemie etappenweise proben musste. Den Ring ganz abzusagen, war ja keine ernsthafte Option.

Das Besondere ist dem Hügel nicht zu nehmen

Vielleicht sollte Bayreuth jedoch lernen, weniger krampfhaft auf Experimentelles, auf prominente Quereinsteiger oder vermeintlich geniale Jungstars wie Valentin Schwarz oder den Lohengrin-Regisseur Yuval Sharon zu setzen und stattdessen die bekannten und bewährten Opern-Macher ranlassen.

Das wirklich Besondere, Einmalige ist dem Grünen Hügel ja nicht zu nehmen: Die Aura des Ortes, der Zauber der "Scheune", die lebendige Tradition samt Wagner-Villa, -Grab und -Museum. Im nächsten Jahr freilich soll wieder ein Risiko eingegangen werden: Jay Scheib (52) wird die Zuschauer des "Parsifal" mit Augmented-Reality-Brillen aufrüsten.

"Zum Raum wird hier die Zeit" mit AR-Brillen

Der Mann ist Professor für Musik und Theaterkunst am Massachusetts Institute of Technology und hat 2010 eine "unterhaltsame, gelegentlich überdrehte" Version von Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Theater Augsburg abgeliefert, so damals die "Augsburger Allgemeine". Ob er außer seinen hoffentlich unterhaltsamen und überdrehten 3-D-Animationen auch inhaltlich Zeitgemäßes zu Wagners Bühnenweihfestspiel beisteuern kann, wird sich erweisen.

Immerhin heißt es im Text: "Zum Raum wird hier die Zeit", was die Relativitätstheorie vorwegzunehmen scheint und somit naturwissenschaftlich spannend sein könnte. Im Vorfeld war allerdings schon zu erfahren, auch Leute, die die Brille nicht aufsetzen wollen, von der Inszenierung was haben würden. Das wäre dann die viel diskutierte "Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen": Alle sitzen im selben Saal, aber nur ein Teil ist schon in der Zukunft angekommen.

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