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Verantwortungsvoller Umgang? Die Kirchen und ihre Wohnungen | BR24

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Was viele zu Beginn der Corona-Krise hofften, hat sich nicht bestätigt. Von sinkenden Mieten ist zumindest in Ballungsräumen nichts zu sehen. Für viele Mieter, die Einbußen bei ihren Einnahmen haben, ist das existenzgefährdend.

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Verantwortungsvoller Umgang? Die Kirchen und ihre Wohnungen

"Wohnbau ist Dombau", sagte einst Kardinal Julius Döpfner. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die Kirchen Wohnungen im großen Stil. Das Ziel: Breite Schichten der Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum versorgen. Wie sieht das heute aus?

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Von
  • Irene Esmann
  • Martin Jarde

Es galt als Ausdruck christlicher Nächstenliebe, als die Kirchen nach Ende des Zweiten Weltkriegs begannen, in großem Maßstab bezahlbare Wohnungen zu bauen. Auch heute noch hat beispielsweise die Erzdiözese München rund 5.700 Wohnungen – die meisten sind in Händen eines Siedlungswerks.

Kirche unter zehn größten Vermietern Münchens

Die Kirche ist damit laut Mieterverein immerhin unter den zehn größten Vermietern der Stadt. Doch nicht immer scheint die katholische Kirche als Vermieter ihrem eigenen Anspruch wirklich gerecht zu werden, wie nur ein Beispiel aus dem Münchner Westend zeigt. Seit langer Zeit lebt dort Inge Kindermann mit ihrer Tochter in einer Altbauwohnung. Die Miete: vergleichsweise sehr günstig. Im Erdgeschoss – auf 30 Quadratmetern – ihr eigener kleiner Buchladen.

Das Mietshaus gehört zunächst zwei Schwestern, die beide sehr sozial eingestellt sind. Nach dem Tod der beiden erbt die Caritas das Haus. Doch die sieht sich finanziell nicht in der Lage das Gebäude – Baujahr 1889 – zu sanieren und verkauft 2015 schließlich an das Erzbistum München und Freising.

"Ich war erleichtert, hab gedacht, na dann ist ja alles gut." Inge Kindermann

Sanierung unrentabel: Erzdiözese will Haus abreißen

Doch vor etwa zwei Jahren: der Paukenschlag: Die Erzdiözese will das Haus im Münchner Westend abreißen lassen, eine Sanierung sei nicht möglich, heißt es. Auch wenn nicht zuletzt der zuständige Bezirksausschuss das anzweifelt – und zwar fraktionsübergreifend. Alle Mieter sollen raus. Ein Schock für die Mutter, deren Existenz daran hängt.

Wie Inge Kindermann leben alle Mieter hier seit mehr als 30, teilweise sogar schon seit 50 Jahren in ihren Wohnungen. Einige von ihnen: hochbetagt. Die meisten: finanziell nicht gerade gut gestellt. Und nun?

"Das ist alles andere als trivial", sagt Ulrich Müller. Er ist Vorsitzender des Katholischen Siedlungsdienstes. Kirchliche Siedlungswerke, Genossenschaften und die 27 Bistümer sind darin Mitglied. "Da hilft eigentlich nur eine offene und sehr frühzeitige Kommunikation mit den Menschen, die dort leben und ihre Heimat dort haben. Und alle müssen mitgenommen werden."

Kündigung ein Tag vor Heilig Abend

Im Fall von Inge Kindermann und ihren Nachbarn hat das aber offenbar nicht gut geklappt. "Die Kündigung für den Laden wurde mir einen Tag vor Heilig Abend überbracht", erzählt sie. "Ein halbes Jahr Kündigungsfrist, das kann man machen bei Gewerbe."

Kündigungen für die Wohnungen wurden dagegen noch nicht ausgesprochen. Doch die Mieter fühlen sich trotzdem unter Druck gesetzt, auszuziehen. Inzwischen lagen auch schon Anwaltsschreiben im Briefkasten. Darin werden sie aufgefordert, endlich mit dem Vermieter, mit der Kirche, zu kooperieren.

Das Erzbistum München und Freising betont auf BR-Anfrage, man unterstütze die Menschen bei der Wohnungssuche, zudem biete man an, die Mieten in ihren neuen Wohnungen für fünf Jahre auf dem Niveau der bisherigen Mietverträge einzufrieren.

Kleine Renten: Was passiert, wenn Mieten steigen?

Doch was kommt nach den fünf Jahren: Inge Kindermann und ihre Nachbarn haben Sorge, dass sie Mieten dann so ansteigen, dass sie diese nicht mehr zahlen können. Einige haben nur eine kleine Rente. Hinzu kommt: Die meisten angebotenen Wohnungen sind in ganz anderen Stadtteilen. Für Rentner, die fast ihr ganzes Leben im Westend gewohnt haben, eine schwierige Umstellung.

Ulrich Müller vom Katholischen Siedlungsdienst sagt dazu: "In Ordnung finde ich das nicht, aber man muss manchmal auch Realitäten akzeptieren (...) es mag einfach Fälle geben, wo das nicht anders geht."

Kaum Klagen über Kirche beim Mieterverein

Tatsächlich gilt auch das Erzbistum nicht als verantwortungsloser Vermieter, ergibt etwa eine Anfrage beim Mieterverein. Es kämen kaum Klagen. Die Erzdiözese selbst teilt mit, sie habe das Ziel, dass 30 Prozent der Wohnungen nach sozialen Maßgaben, 30 Prozent an Mitarbeiter und 40 nach den marktüblichen Bedingungen vermietet werden.

Im Bistum Passau beispielsweise liegt der Anteil geförderter Wohnungen bei rund 50 Prozent, auch andere bayerische Bistümer verweisen darauf, zu einem großen Teil für so wörtlich "bezahlbaren Wohnraum" zu sorgen. Laut Ulrich Müller sind die etwa vom Erzbistum München und Freising genannten Zahlen völlig in Ordnung. Denn ausschließlich sozialer Wohnungsbau könne gar nicht funktionieren:

"Es gelten ja die gleichen Rahmenbedingungen. Es gibt kein katholisches Mietrecht, keinen katholischen Beton, das heißt ja auch, dass wir die gleichen Baupreise und die gleichen Kosten haben." Ulrich Müller

Ehemaliges Pfarrhaus soll meistbietend versteigert werden

Kritisch sieht Müller dagegen ein Instrument, das derzeit in Rottach-Egern am Tegernsee angewendet wird. Ein ehemaliges Pfarrhaus soll dort im Bieterverfahren vergeben werden – und so etwas sei kein Einzelfall: "Diese Ertragsmaximierung hat eine betriebswirtschaftliche Logik, da agiert man rein nach der Gewinnmaximierungslogik."

Das Erzbistum München und Freising argumentiert im Fall von Rottach-Egern mit dem Stiftungsrecht und verspricht, dass neben dem finanziellen Gebot auch eine künftige, womöglich soziale Nutzung eine Rolle spielen soll.

Immobilien sind seit Jahren ein heißes Eisen bei den Kirchen. Sie kosten viel Geld: notwendig sind teure energetische Sanierungen. Nicht mehr benötigte Pfarrhäuser stehen deshalb oft leer. Und das sogar in Städten wie München, in denen akuter Wohnungsmangel herrscht.

Anspruch: Sozialer Vermieter – doch finanzieller Druck wächst

Dann ist da eben der Anspruch an die Kirche, ein sozialer Vermieter zu sein. Und offenbar wird auch seitens der Finanzverwaltungen der Diözesen der Druck auf die kirchlichen Immobilienunternehmen größer.

Jedenfalls appelliert der Chef des Katholischen Siedlungsdienstes und Branchenkenner Ulrich Müller an die Finanzdirektoren in den Bistümern: "Betrachtet die kirchlichen Immobilienunternehmen bitte nicht als Cash Cow, also nicht als Renditemaximierer, sondern wir sehen uns eher als sozialpolitisches Werkzeug der katholischen Kirche."

"Wir sind nicht diejenigen, die mit einer wahnsinnigen Rendite nach Hause kommen, um die Bistumshaushalte zu sanieren." Ulrich Müller

Wie es mit dem Mietshaus im Münchner Westend weitergeht, ist Stand jetzt noch nicht klar. Eine Abrissgenehmigung der Stadt für das Haus liegt noch nicht vor. Die aber wäre die Grundlage für die Kündigung.

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