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Veranstalter sehen rot: Städte leuchten bei "Night of light" | BR24

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Mit einer bundesweiten Licht-Show wird die deutsche Kultur- und Event-Branche am Montag auf ihre Existenzsorgen aufmerksam machen, weil sie Pleiten fürchtet. Zahlreiche Gebäude werden rot angestrahlt, DJs legen auf. Im Netz ist alles mitzuerleben.

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Veranstalter sehen rot: Städte leuchten bei "Night of light"

Mit einer bundesweiten Licht-Show wird die deutsche Kultur- und Event-Branche am Montag auf ihre Existenzsorgen aufmerksam machen, weil sie Pleiten fürchtet. Zahlreiche Gebäude werden rot angestrahlt, DJs legen auf. Im Netz ist alles mitzuerleben.

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Frenetische Fans im Stadion, da wird sich manch einer wehmütig an seine letztes Live-Konzert erinnern: Zur Zeit gibt´s so einen Auftritts-Applaus bekanntlich nur als Aufzeichnung, sei es im Netz oder auch in den klassischen Medien Radio und Fernsehen. Die Veranstaltungsbranche jedenfalls liegt weiterhin am Boden, anders als die Gastronomie oder auch die Theater, wo es zaghaft wieder losgeht. Großveranstaltungen wird es wohl in diesem Jahr, wenn überhaupt, nur sehr vereinzelt geben, Clubs bangen um ihre Zukunft, und das Geschäft mit Messen, Seminaren, Jubiläen und Tagungen ist in den Zeiten von Heimarbeitsplätzen sowieso äußerst schwierig geworden.

"Stellt euch vor, es wird dunkel"

Welches Unternehmen plant in diesen Krisen-Tagen schon teure Events, von aufwändigen Produktpräsentationen ganz zu schweigen. Insgesamt stehen da Umsätze von rund 130 Milliarden Euro im Feuer, hat der Branchen-Experte Bernd Schabbing ausgerechnet. Damit ist die Veranstaltungsbranche größer als die Metallindustrie oder das Baugewerbe. Und wenn es nur um Live-Kultur im engeren Sinne geht, hängen daran immer noch knapp sieben Milliarden Euro - und zehntausende von Arbeitsplätzen. Bernd Schabbing: "Es geht nicht nur darum, die nächsten 100 Tage zu überleben, sondern man muss überlegen, was ist denn, wenn der Gesetzgeber eine solche ganze Branche seit März in den kompletten Shutdown schickt und die dann auch als eine der letzten wieder starten wird. Kann ich auf die verzichten? Darauf soll die ‚Night of light‘ hinweisen, in dem Sinne, das jetzt noch Licht an ist, aber stellt euch mal vor, das hier ist alles dunkel. Was ist denn in 100 Tagen, wenn viele dieser Betriebe pleite sind? Ganz viele Betriebe sind ganz, ganz nah an diesem Punkt oder schon darüber hinaus!"

© Frank Wagner/Night of light

Brandenburger Tor

Pleiten sind also gewiss, die Branche wird schrumpfen. Wie stark, das ist derzeit nicht absehbar. Doch viele sind verzweifelt, sehen buchstäblich rot, und daran wird am Montagabend in ganz Deutschland die "Night of light" erinnern. Überall werden markante Gebäude angestrahlt, im Netz werden die Bilder übertragen, DJs legen dazu auf, die Branche will ein möglichst aufrüttelndes Zeichen setzen, der Begriff "flammender Appell" wäre wohl noch passender, wenn er nicht so abgedroschen wäre. Die vielen Initiatoren fordern von der Politik vor allem mehr Verständnis, scheuen sich jedoch, konkreter zu werden, etwa Subventionen anzumahnen. Bernd Schabbing: "Es geht nicht darum, dass die Branche jetzt keine Rücklagen mehr hat, sondern man hat die Arbeit von ein bis zwei Jahren komplett atomisiert. Man kann sich nicht vorstellen, dass nach Corona oder im kommenden Jahr eine Messe so durchgeführt werden kann, wie sie heute geplant wurde, schon alleine durch die Corona-Bedingungen.

Schauseite wird in Regensburg nicht angestrahlt

In Regensburg wird zum Beispiel heute Abend die Fassade des dortigen Stadttheaters rot leuchten, aber nicht die repräsentative Vorderseite zum Bismarckplatz, wo sich an lauen Sommerabenden hunderte von Menschen treffen, sondern die deutlich weniger attraktive Rückseite Richtung unwirtlicher Bushaltestelle. Schon dies zeigt, wie teilweise paradox diese "Night of light" ablaufen wird. Die Macher fürchten sich in gewisser Weise vor zuviel Live-Publikum. Jens Neundorff von Enzberg, der Regensburger Intendant, hält die Solidaritätsaktion trotzdem für sinnvoll: "Der Symbolcharakter, der dahintersteckt, wird die Menschen erreichen und hoffentlich zum Nachdenken anregen. Die Veranstaltungsbranche ist schon immer eine Dienstleistungsbranche gewesen und man hat sie einfach als gottgegeben akzeptiert, und erst jetzt bemerkt man ihre Wichtigkeit, dass sie eine Basis ist für das gesamtgesellschaftlich, kulturelle Leben in der Bundesrepublik."

© Frank Wagner/Night of light

Zechen-Kunst in Rot

"Alarmstufe Rot", ruft die deutsche Veranstaltungswirtschaft, übrigens nach den Vereinigten Staaten und China die drittgrößte der Welt. Aber die Menschen, die heute Nacht tatsächlich vor irgendeinem rot beleuchteten Theater, einer Bibliothek oder einem Club stehen, sollen nicht nur an Defizite und Einnahmeausfälle denken, findet Neundorff von Enzberg: "Ich finde, das ist ein symbolisches Zeichen. Einerseits symbolisiert die Farbe Rot die Liebe, zur Kunst, zum Metier. Auf der anderen Seite symbolisiert dieses Rot auch eine Form von Verbrennen, es geht was kaputt, es wird was zerstört."

Live-Events lassen sich nicht verdoppeln

Kurzfristig wird sich die Krise nicht lösen lassen, etwa durch mehr Netzangebote. Branchen-Experte Bernd Schabbing ist da sehr pessimistisch, oder vielleicht auch nur realistisch: Geld verdienen können die Veranstalter im Netz nach wie vor kaum , denn das, was sie bisher verkauften, war ja gerade das Live-Erlebnis, der unmittelbare Kontakt, das euphorische Gefühl, Teil einer begeisterten Masse zu sein: "Die Veranstalter haben ja zumindest den Hoffnungsschimmer, dass sie sagen, wir streamen das Ganze digital in die Welt, und natürlich möglichst so, dass man sagt, wir bitten auch darum, oder fordern, dass dafür bezahlt wird, was bei den Kunden bisher sehr schwer durchzusetzen war. Das Live-Konzert ist live, das kann man sich gestreamt anschauen, aber das ist nicht das gleiche Erlebnis, das wissen wir alle. Das Problem dabei ist, ich kann Live-Events nicht verdoppeln, da gibt es eine natürliche Begrenztheit, ich habe einen Riesen-Aufwand. Ich habe bei jeder Veranstaltung geringere Teilnehmerzahlen, muss aber einen noch höheren Aufwand leisten."

Und wer als Veranstalter derzeit für nächstes Jahr plant, muss wohl besonders starke Nerven haben, ja geradezu todesmutig sein. Der Vorverkauf ist klinisch tot, die Fans frustriert oder gar empört, weil sie immer noch auf die Rückerstattung von Tickets warten.

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