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Verborgen hinter "Veruschka": Vera Gräfin von Lehndorff wird 80 | BR24

© Ulrich Baumgarten/picture alliance

Sehnsucht nach dem Verschwinden. Vera "Veruschka" von Lehndorff

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Verborgen hinter "Veruschka": Vera Gräfin von Lehndorff wird 80

Der Film "Blow Up" machte sie 1966 zu einem weltberühmten Model. Später war sie vor allem als Malerin tätig, vor einigen Jahren legte sie ihre Memoiren vor. Doch Vera von Lehndorff sehnt sich bis heute nach dem "Verschwinden" – ein Kindheitstrauma.

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Was für eine bittere Ironie: Ausgerechnet die Frau, die auf 800 Titelseiten zu sehen war, will eigentlich zeit ihres Lebens verschwinden, unsichtbar werden, ihre Vergangenheit, oder besser gesagt ihre Kindheit hinter sich lassen. Dabei ist sie sehr einfallsreich, nicht nur, weil sie sich in ihrer Jugend als Kunstfigur Veruschka selbst völlig neu erfunden hat. Als sie vor ein paar Jahren, mit 72, ihre Lebenserinnerungen aufschrieb und damit auf Tour ging, setzte sich Vera von Lehndorff eine Art Visier aus durchsichtigem Plastik auf, was ihre Gesprächspartner sehr befremdete.

"Am liebsten in Blue Jeans"

Sie wolle sich verbergen, so Lehndorff, weil sie in ihrem Buch auch über Schmerzliches schreibe. Verletzlich wirkt sie, nachdenklich und sensibel, schon als sie 1970, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms als Fotomodell, mit der damaligen ZDF-Klatsch-Reporterin Margret Dünser spricht: "Ich finde, es ist wichtig herauszufinden, was zu einem wirklich passt. An sich ist Mode für mich nicht so wahnsinnig interessant. Seit ungefähr ein, zwei Jahren möchte ich eigentlich immer nur in Blue Jeans gehen oder diese Strumpfhosen tragen, die wie eine zweite Haut sind. Ich habe nicht gerne zu viele Sachen um mich. Wenn ich mich anziehe in meinem Privatleben, dann suche ich immer etwas, das zu mir passt an dem jeweiligen Tag. Manchmal fühle ich mich nach etwas Grauem, das geht dann mit meiner inneren Atmosphäre zusammen."

© Frederic Kern/picture alliance

Auf der "Fashion Week Berlin" 2017

Ihr Vater Heinrich Graf von Lehndorff, ein Widerstandskämpfer gegen Hitler, wurde 1944 hingerichtet, die Mutter kam ins Arbeitslager, Tochter Vera wuchs in einem Kinderheim der SS und später in einem Flüchtlingslager auf: "Ich habe von meiner Mutter immer gehört, dass sie eigentlich vor hatten, uns in ein Konzentrationslager zu bringen oder nach Sibirien zu verschleppen. Wir sollten ausgelöscht werden, aus Deutschland verschwinden." Sie ging nach Hamburg, hielt es dort aber nicht lange aus, wie sie im ZDF sagte: "Ich bin gleich geflüchtet aus Deutschland, als ich 18 war, weil ich es nicht mehr ertrug. Ich bin nach Italien, bin abgehauen von der Schule und bin da einfach hingefahren, kannte da jemand und habe dann weiter gemalt. Da war ja immer ein ungutes Gefühl da, was viel mit meiner Kindheit zu tun hatte."

"Ich wurde eine andere Person"

In Deutschland fühlte sie sich unter all den Alt-Nazis und Mitläufern kriminalisiert und ausgegrenzt. Mit 18 türmt sie nach Italien, wo sie malt und bald international als Fotomodell Erfolg hat: "In Paris wurde mir eine Amerikanerin vorgestellt, und die sagte: ‚Ah, we like tall and blonde in America, you should come over‘, also ich sollte rüberkommen, sie würden Blonde mögen, blonde, große Mädchen. Und dann hatte ich die Idee, ich gehe nach New York, aber ich werde eine andere Person. Ich hatte das verstanden, was das da funktionierte, also, dass es nicht um hübsch ging, sondern dass man so war, dass der Fotograf einen nicht vergisst."

Mit dem Film „Blow Up“ von Michelangelo Antonioni wurde Vera von Lehndorff in ihrer Lebensrolle als „Veruschka“ 1966 über Nacht zum Weltstar, eines der teuersten und gefragtesten Models der damals tonangebenden Pop-Art – und eine Frau, die das heutige Geschäft mit dem Laufsteg verachtet: "Ich hatte den Traum, dass ich mich dort verwandeln könnte, und immer wieder neue Gestalten annehmen kann. Das ist ja überhaupt nicht gefragt! Sondern es wird ein Look vorgeschrieben. Und da habe ich gewusst, nein, dass kann ich gar nicht, denn ich habe so viele Ideen, da werde ich ja verrückt, wenn ich nur der Kleiderständer bin."

© picture alliance/United Archives

In "Blow Up": David Hemmings fotografiert "Veruschka"

Ihr erster Liebhaber, der italienische Fotograf Franco Rubartelli, widmete Vera von Lehndorff 1971 seinen poetischen Film „Veruschka“. Darin stapft die Heldin im Pelzmantel durch neblige Landschaften und hadert mit ihrer deutschen Heimat: "Eigentlich habe ich mich in dieser Zeit, wo ich den Erfolg ja schon langsam bekam, doch innerlich unsicher gefühlt, dass ich mir äußerlich eine Fassade aufbaue, und dahinter ist ein ganz anderer Mensch, der eigentlich große Schwierigkeiten hat mit allen. Zum Beispiel mit Kommunikation. Dass ich mich hässlich fühlte, was von der Kindheit kam, dass hatte ich da wohl überwunden, aber dann kamen andere Dinge, wie Unsicherheit im Umgang mit Menschen oder dass ich eigentlich nichts richtiges gelernt hatte. Ich konnte nicht sagen, ich habe mir mein Leben verdient, ich hatte eigentlich ein schlechtes Gewissen."

Für die Nazis eine "Unheilsbringerin"

Gepeinigt von Depressionen, springt sie 1974 in Griechenland von einer Klippe, überlebt leicht verletzt, versucht noch mehrmals, ihr Leben zu beenden und landet schließlich in der Psychiatrie. Vera von Lehndorff kämpft weiter unablässig gegen die Schatten ihrer Kindheit, als Nazis ihr eingetrichtert hatten, mit ihrer Familiengeschichte bringe sie Unheil.

© picture alliance/Everett Collection

Vera von Lehndorff als "Veruschka" 1966. Kunstfigur als Projektionsfläche

Seit Jahrzehnten versteht sich Vera von Lehndorff vor allem als Künstlerin, hadert aber nicht damit, dass sie bis heute vor allem als Zeitzeugin der sechziger Jahre gefragt ist. Reich wurde sie mit ihrer Arbeit nach eigener Aussage nicht, was ihr ebenfalls nichts ausmacht: Im Gegenteil, es sei für sie beruhigend, ihren Alltag noch selbst im Griff zu haben. Das alles klingt ganz und gar nicht nach einer Diva, sondern nach einer Frau mit Lebenserfahrung und Lebensmut, mit Selbstbewusstsein und Gelassenheit: "Alles muss verkaufen! Damals, in den sechziger Jahren, hat man noch Sachen erfunden, und jeder versuchte, seine eigene Sache zu machen, und es wurde nicht sofort darüber nachgedacht, ob das nun vermarktungswürdig oder gut genug ist, aber nur das zählt ja heute."

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