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Der Machtkampf in Venezuela und die Weltpolitik | BR24

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Machtkampf in Venezuela: Interview mit Historikerin Ursula Prutsch

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Der Machtkampf in Venezuela und die Weltpolitik

Nicolás Maduro und Juan Guaidó kämpfen in Venezuela um das Präsidentenamt, während das Volk leidet. Warum in dem Konflikt die Rolle des Militärs so wichtig ist und die Kritik der USA so brisant, erklärt die Historikerin Ursula Prutsch.

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Er redet von Frieden, von einer offenen Agenda und Dialog. Gleichzeitig sucht Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro demonstrativ die Nähe zum Militär, etwa bei einem Marsch im Gedenken an den gescheiterten Putsch seines Ziehvaters Hugo Chávez, der sich am Montag zum 27. Mal jährte. Die USA und mehrere EU-Staaten, darunter auch die Bundesrepublik, haben dagegen Juan Guaidó als Übergangsstaatschef anerkannt. Der hatte sich vor gut zwei Wochen selbst zum Interimspräsidenten ernannt und die Wiederwahl Maduros für unrechtmäßig erklärt. Über den Machtkampf in Venezuela hat Christoph Leibold mit der Historikerin Ursula Prutsch gesprochen.

Christoph Leibold: Wenn sich Maduro mit Militärs zeigt, ist das vor allem eine Drohgebärde nach dem Motto: "Schaut her, wenn es drauf ankäme, hätte ich das Militär auf meiner Seite!"? Oder hat das darüber hinaus – gerade mit Hinblick auf die besondere Rolle, die das Militär in vielen Staaten Südamerikas spielt – auch hohen Symbolcharakter?

Ursula Prutsch: Es ist beides. Denn Maduro hat zumindest bis jetzt noch das Militär an seiner Seite, ganz einfach, weil das Militär als Institution besonders von diesem Regime profitiert hat. Das Militär ist zuständig für die Verteilung von Lebensmitteln und Medikamenten. Das Militär ist in den letzten Jahren auch in die Drogenökonomie involviert. Und die Erdölindustrie, die verstaatlicht ist, ist auch besetzt vom Militär. Das heißt, das Militär spielt eine zentrale Rolle in der Ökonomie und Politik von Venezuela. Gleichwohl, und da haben Sie vollkommen recht, ist das Militär in Lateinamerika in diversen Staaten ein sehr wichtiger Machtfaktor. Es geht zurück bis in die Zeit nach den Unabhängigkeitskriegen, als man im Gegensatz zu den USA einfach zu wenig demilitarisiert hat.

Darum versucht auch Juan Guaidó die Streitkräfte auf seine Seite zu ziehen. Er hat sich ebenfalls mit Vertretern getroffen.

Ja, das muss er, wenn er überleben will. Und er hat ja auch schon erklärt, er würde dem Militär eine Amnestie anbieten, wenn es auf seine Seite käme.

Wer sind denn in Venezuela die Unterstützer Guaidós? Gibt es da auch eine intellektuelle Gefolgschaft? In vielen Ländern bilden in vergleichbaren Situationen gerade Künstler und Intellektuelle die Speerspitze, aus Venezuela hört man diesbezüglich eher wenig.

Sie haben ganz recht, man hört wirklich sehr wenig. Der Chavismus war relativ lange an der Macht, und diejenigen, die nicht mit seiner Politik einverstanden waren, gingen sukzessive in die Opposition oder verließen das Land. Das begann schon 2002.

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Historikerin Ursula Prutsch

Stichwort Intellektuelle, aber nicht in Venezuela, sondern in den USA: Dort haben 70 Intellektuelle, darunter Noam Chomsky, in einem offenen Brief gefordert: "Hände weg von Venezuela!", weil die Einmischung der USA die politische Polarisierung im Land nur verstärke. Würden Sie sich diesem Standpunkt anschließen?

Zum Teil. Noam Chomsky hat das Regime in Venezuela sehr lange unterstützt und als sozialpolitisch engagierte Alternative zu anderen rechtsliberalen Staaten gesehen. Chomsky hat sich dann aber 2011 distanziert von Venezuela. Andere tun es nicht, Sean Penn ist ein Beispiel dafür, der hat Chavez bis zuletzt unterstützt. Ich verstehe die Position von Chomsky, insofern die Geschichte der USA in Lateinamerika eine höchst problematische ist. Gerade im Raum Venezuela, aber auch in Zentralamerika sind die USA ja immer wieder eingefallen, haben interveniert, haben ihre Wirtschaftsinteressen durchgesetzt. Deswegen ist die Kritik der USA an Maduro schon brisant. Vor allem auch die Frage, die in den USA im Hintergrund diskutiert wird: Würden die USA so weit gehen, tatsächlich einen Putsch vorzubereiten? Es gab ja 2002 dieses Gerücht, Chávez wäre mit Beteiligung der USA aus seinem Amt gehoben worden. Es hat sich nicht bewahrheitet. Dennoch wäre es hochproblematisch, wenn die USA hier militärisch eingreifen würden, weil sie so unbeliebt sind.

Vielleicht zeichnet sich bereits eine Entwicklung ab, wie es weitergeht. Mexiko und Uruguay haben in Montevideo eine internationale Konferenz zur Venezuela-Krise einberufen. Geht es da um eine Lösung des Konflikts oder werden auch Stellvertreterkriege ausgetragen, denn die USA und Russland zum Beispiel haben sich sehr unterschiedlich in diesem Konflikt positioniert?

Man sieht es schön in Venezuela, dass hier geopolitische Dimensionen sichtbar werden. Die Staaten, die Maduro in den letzten Jahren besonders gestützt haben, sind Russland und China. Beide sind mittlerweile große Investoren in diesem Land, sodass sich hier schon zeigt, wie unterschiedliche Welten in Venezuela ihre Einflüsse geltend machen wollen und auch geltend machen.

Im März erscheint Ursula Prutschs Buch "Populismus in den USA und Lateinamerika" (VSA-Verlag).

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