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Venedig: So außergewöhnlich ist der Filmfestgewinner "Nomadland" | BR24

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Regisseurin Chloé Zhaos Film "Nomadland", das Porträt einer modernen Nomadin, gewann den Goldenen Löwen in Venedig. Vollkommen zurecht.

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Venedig: So außergewöhnlich ist der Filmfestgewinner "Nomadland"

Der mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Film von Chloé Zhao repräsentiert das diesjährige Filmfestival in Venedig: Kino mit und von spannenden Frauen und eine Geschichte, die irgendwo zwischen Realität und Phantasie erzählt wird.

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Jurypräsidentin Cate Blanchett trat bei der Preisgala im luftig sommerlichen Kostüm auf und sagte anfangs nur einen Satz, der das Publikum gleich ergriff und die besondere Situation dieses Festivals unter Corona-Auflagen fast schon poetisch umriss:

"Kino ist der Raum zwischen unserer Realität und unserer Phantasie." Jurypräsidentin Cate Blanchett

Auch der deutsche Regisseur Christian Petzold, zuletzt mit dem Wassermärchen "Undine" in den Kinos, gehörte der Jury an, die den goldenen und die silbernen Löwen vergab. Dann schien es, als würden sich auch die Preise dem Satz von Cate Blanchett unterordnen: Das Kino als Ort zwischen unserer Realität und Phantasie – die 38-Jährige in Peking geborene und inzwischen in den USA lebende Chloé Zhao wurde mit dem Goldenen Löwen des Festivals ausgezeichnet. Vollkommen zurecht.

Porträt einer modernen Nomadin

In Zhaos neuem Film "Nomadland" bricht die Witwe Fern (gespielt von Oscarpreisträgerin Frances McDormand) nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihrer kleinen Heimatstadt in Nevada mit dem Wohnmobil auf, um sich als moderne Nomadin durchzuschlagen, abseits aller bürgerlich konventionellen Lebensmodelle. Fern landet in einem Trailercamp, das von ökologisch verantwortungsbewussten und vor allem kapitalismuskritischen Menschen bevölkert wird.

© picture alliance / AP Photo

Frances McDormand spiel in "Nomadland" als kenne sie die Figur einer prekär lebenden Nomadin aus ureigener Erfahrung.

Politisch, auch ohne direkte politische Botschaften

Der Name Donald Trump fällt nie, aber es ist schon klar, dass die Menschen, die als Laienschauspieler teilweise berührend ihre Lebensschicksale in die Kamera erzählen, kaum dem amtierenden Präsidenten der USA bei der nächsten Wahl ihre Stimme geben könnten. Im Film wird das nicht weiter thematisiert – Regisseurin Chloé Zhao weiß klug auf direkte politische Botschaften zu verzichten und inszeniert zudem ohne große dramatische Wendungen. Sie kann sich auf ihre großartige Hauptdarstellerin Frances McDormand verlassen, die spielt, als versuchte sie nicht etwas auszudrücken, sondern als kenne sie diese Figur einer prekär lebenden Nomadin aus ureigener Erfahrung. Zhao und McDormand wurden der Gala per Videokonferenz zugeschaltet.

Tolle Frauenfiguren dominierten

Chloé Zhaos "Nomadland" lebt von einer unaufgeregten Dramaturgie der Begegnungen – und tut das mit solcher Beobachtungsgenauigkeit und Empathie, dass man als Zuschauer dran bleibt wie bei einem Thriller. Überhaupt weiß Zhao mit großen Kinobildern zu erzählen, die ihre raue Schönheit nie ausstellen, sondern im Sinne von Handlung und Hauptcharakter Seelenzustände visualisieren. Diese Bildhaftigkeit fehlte vielen Filmen im Wettbewerb von Venedig, in dem tolle Frauenfiguren dominierten. Das war vor einiger Zeit noch ganz anders.

© picture alliance / Photoshot

Vanessa Kirby wurde als beste Schauspielerin gewürdigt. In "Pieces of a Woman" von Kornél Mundruczó spielt sie eine Frau, die ihr Kind verliert.

Entdeckung des Festivals: Vanessa Kirby

Ein Mann, der vor zwei Jahren in Venedig mit seinem Schwarzweißdrama "Roma" den Goldenen Löwen gewann, agierte diesmal im Hintergrund – der Mexikaner Alfonso Cuaron. Er unterstützte Chloé Zhao ebenso wie den indischen Regisseur Chaitanya Tamhane, der mit seinem außergewöhnlichen Film "The Disciple" über einen klassischen indischen Sänger mit dem silbernen Löwen für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Und auch bei dem Film "Pieces of a Woman" des Ungarn Kornél Mundruczó war Cuaron beteiligt – dem intensiven Porträt einer Frau, die nach der Geburt ihr Kind verliert. Die 32-jährige Hauptdarstellerin Vanessa Kirby wurde als Entdeckung des Festivals gefeiert und als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Dank ans Publikum

Einen Preis verdiente sich diesmal auch das Publikum, das sich trotz Maskenpflicht nicht beirren ließ und das Filmfestival sehr diszipliniert sowie leidenschaftlich zu einem Fest des Kinos als solidarisches Gemeinschaftserlebnis machte. Das hob Biennale-Direktor Roberto Cicutto in seiner Abschiedsrede auch hervor, als er sich explizit beim Publikum bedankte.

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