BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

"Varda par Agnès" fängt die Philosophie von Agnès Varda ein | BR24

© mk2 Films

Regisseurin Agnès Varda in einer Szene aus "Varda par Agnès"

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Varda par Agnès" fängt die Philosophie von Agnès Varda ein

Institutionelles Denken war ihr zuwider: Die Regisseurin Agnès Varda, eine Wegbereiterin der Nouvelle Vague, stand zeitlebens für den besonderen Blick. Die Dokumentation "Varda par Agnès" zeigt sie mit der Kamera am Meer und in ihrer Straße in Paris.

Per Mail sharen
Teilen

Lernen vom Meister – was für eine unangenehm hemmende Form des Unterrichts. Gerade wenn es um Kunst geht, wo doch jeder den Anspruch hat, seinen ganz eigenen Weg zu gehen, sich abzugrenzen von denen, die zuvor gezeichnet, geschrieben oder eben gedreht haben. Die Dokumentation "Agnès par Varda" aber lässt die sonst so bedrückende Form der MasterClass beschwingt wirken, inspirierend statt einschüchternd: Man weiß zwar, dass diese kleine Frau mit der ikonischen Frisur, die da vor Studierenden oder begeisterten Laien über ihr Werk spricht, die große Filmemacherin Agnès Varda ist. Aber sie erdrückt niemanden mit diesem Status, sondern steckt an: mit Vitalität und Großzügigkeit.

Die drei Grundprinzipien der Grande Dame

Sie lässt die Studierenden wissen, dass sie sich nicht gedulden, sondern schnell loslegen und ausprobieren sollen. Lässt uns Zuschauer glauben, wir seien Teil ihres Werks. Denn teilen, erklärt sie, ist der eine große Begriff, der sie nicht loskommen ließ vom Filmemachen: "Drei Wörter sind mir wichtig: Inspiration, Kreation, Teilen. Inspiration ist der Grund für einen Film. Die Motive, Ideen, Umstände und die Zufälle, die den Wunsch auslösen, einen Film zu machen. Kreation heißt: Wie mache ich ihn? Mit welchen Mitteln, welcher Struktur? Allein oder nicht? In Farbe oder nicht? Kreation ist Arbeit. Das dritte Wort ist: Teilen. Filme macht man nicht für sich allein, sondern um sie zu zeigen. Voilà, Sie sind der Beweis dafür!"

Jetzt springe ich, erklärt Agnès Varda an einer Stelle und erinnert damit den Zuschauer daran, dass auch diesen Film ausmacht, was ihr Werk im Ganzen prägt: Cinécriture nannte Varda ihre Handschrift, dieses besondere Vertrauen auf Sprünge und Brüche. Sie geben ihren Filmen Struktur – eine Struktur, die wohl am ehesten der Komplexität und Zerrissenheit der Gegenwart beikommt. Und so springt sie auch hier, von einer Art Vorlesung vor Publikum zur Plauderei mit Weggefährten, von Archivmaterial zu neu gefilmten Szenen, von Erklärungen zu Erinnerungen. An "Cleo" zum Beispiel, den Film, den wohl die meisten kennen, weiter zu "Hundert und eine Nacht" – ein Flop zwar, aber immerhin ein Film zum Prahlen, weiß Varda, mit Catherine Deneuve und Robert De Niro.

Der besondere Blick für den echten Menschen

Und dann wäre da noch dieser stille Film, in dem vordergründig so wenig geschieht: Das Porträt ihrer Pariser Straße, das die Freundlichkeit der Filmemacherin spürbar macht: die Freundlichkeit gegenüber den echten Menschen, wie sie sie nannte. Pariser Familien konnten das sein, Leute auf dem Land, oder: Bäcker, Händler, Kellnerinnen. Diesen echten Menschen galt ihr besonderes Augenmerk: "Nichts ist banal, wenn man die Menschen mit Empathie und Liebe filmt. Wenn man sie außergewöhnlich findet – so wie ich. Wir filmten den Bäcker bei der Arbeit. Ich fand es toll, wie er das Brot verzierte mit der Rasierklinge. Ich hörte den Kaufleuten genau zu. Sie waren nicht sehr offen, waren nicht sehr nett zu Fremden. Sie vertraten die stille Mehrheit – das habe ich gefilmt."

© Cine Tamaris 2018

So berühmt wie sie selbst: Agnès Varda und ihre ikonische Frisur

Agnès Varda zeigt, sie schafft Schönheit – im banal erscheinenden Alltag, aber auch dann, wenn sie – filmend – ihr mit den Jahren schwindendes Augenlicht inszeniert: Um das zu tun, versammelt sie Menschen auf einer Treppe im Stadtraum, jeder hat einen Buchstaben in der Hand, manche klein, manche groß, manche haben klare Konturen, einige sehen aus, als seien die Ränder verschwommen. Agnès Varda lässt die Menschen ihre Buchstaben auf und ab bewegen, so sehe eine Seite voll Buchstaben für sie schließlich aus. Unangenehm muss sich das anfühlen – aber aussehen, aussehen tut es in diesem Bild wie ein graziler Tanz der Zeichen, ein Haufen Buchstaben, der nicht stillhalten kann, sondern loshüpfen will – vielleicht in eine neue Geschichte dieser lustvollen Filmemacherin, die am Ende dieses Films selbst in der Unschärfe des Nebels verschwindet.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen ... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!