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© DCM Filmverleih

Lädierter van Gogh

Der Rezensent hat sich die wichtigsten Van Gogh-Filme der Vergangenheit noch einmal angeschaut, etwa den aus dem Jahr 1956 mit Kirk Douglas, oder den mit Tim Roth ("Vincent & Theo", 1990). Und jetzt den neuen, mit Willem Dafoe. Ohne Zweifel spielt der den bisher überzeugendsten Van Gogh – er agiert ohne dieses Ich-schneid-mir-jetzt-gleich-das-Ohr-ab-Pathos, etwa in dieser Szene, in der er beim Arzt sitzt, nachdem er sich das Ohr abgeschnitten hat. Das klingt nicht nur im Original, sondern auch in der sehr gelungenen, deutschen Synchronisation intensiv und trotzdem alles andere als dramatisch schwülstig.

In der Sonne der Provence

In der Sonne der Provence

Farben von der Palette

Regisseur Julian Schnabel sagt, er habe nicht einen Film über einen berühmten Künstler machen wollen, sondern über Malerei. Im Mittelpunkt von „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ steht der Aufenthalt des Künstlers in der Provence, wo er sich, angewidert von Paris, in die Dörfer rund um Arles und Auvers-sur-Oise zurückzieht. Es sind die letzten Jahre van Goghs – und Schnabel versucht vor allem das Naturverständnis des Malers sowie seine Wahrnehmung in spezielle Filmbilder zu übersetzen. Gemeinsam mit seinem Kameramann Benoit Delhomme kreiert er Szenen, die dem künstlerischen Credo van Goghs entsprechen sollen. Der sagte: „Die Farben in meinen Bildern kommen nicht aus der Realität, sondern von meiner Palette.“

Ausflug über Stoppelfelder

Ausflug über Stoppelfelder

Leider wirkt das teilweise ziemlich kunstgewerblich, etwa wenn Schnabel mit monochromen Filtern in Gelb oder Blau arbeitet, oder wenn er Teile des Bildes mit einem der Kamera vorgesetzten Glasstreifen unscharf macht. Die alte Erkenntnis van Goghs, dass jeder Beobachter eine andere Landschaft sieht, schiebt er für seinen Film beiseite. Er will, dass alle Zuschauer im Kino glauben, plötzlich exakt mit den Augen dieses Künstlers sehen zu können. Blau ist Blau. Und Gelb ist Gelb.

Willem Dafoe rettet den Film

Am Ende erweist sich „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ doch eher als ein Film über einen Künstler als über Malerei. Zwar kein übliches Biopic, aber eben nicht so radikal und kategorisch, wie Julian Schnabel das behauptet. Sehenswert ist das trotzdem – vor allem durch Willem Dafoe. Der ist in seiner Präsenz, in seinem schauspielerischen Minimalismus und seiner verspielten Beseeltheit so überzeugend, dass er eben auch Werke rettet, die etwas bemüht Kunstvolles haben und ohne ihn wohl schnell vergessen wären. Dafoe gewann bei den letzten Filmfestspielen von Venedig als Vincent van Gogh den Preis als bester Schauspieler. Vollkommen zurecht!

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