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Ein Roman über die brutale Migrationspolitik der Obama-Jahre | BR24

© Bayern 2

Migranten auf einem Güterzug Richtung USA (Mexiko 2014)

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Ein Roman über die brutale Migrationspolitik der Obama-Jahre

Valeria Luiselli erzählt im Roman "Archiv der verlorenen Kinder" von Minderjährigen aus Lateinamerika auf der Flucht in die USA, vom Zerbrechen der Normalität. Ihre verstörende Geschichte zeigt, dass es schon vor Trump eine rigide Grenzpolitik gab.

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Haben Sie jemals daran gedacht, Ihre Kinder allein durch die Wüste zu schicken, mit einer eingestickten Telefonnummer unterm Kragen als absurde Sicherheitsmaßnahme? Was für eine Frage - natürlich nicht. Das würde auch die Ich-Erzählerin aus Valeria Luisellis Roman "Archiv der verlorenen Kinder" antworten. Sie unternimmt mit ihrer Patchworkfamilie einen Roadtrip durch die USA, die belesenen Eltern erklären den Kindern die Welt, in der Beziehung allerdings kriselt es leider.

Schmerzhafte Brüche

In der Krise sehen sich auch die USA, immer mehr unbegleitete Flüchtlingskinder versuchen, sich aus Süd- und Lateinamerika in den Norden durchzuschlagen. 2014 war das und hieß "the child immigration crisis". "Ich wusste, dass einer der Erwachsenen anfangen sollte, zu erzählen", sagt die Autorin, "und dass diese Stimme kollabieren und durch eine jüngere ersetzt werden würde; am Anfang spricht die Mutter, später der Sohn. Mit einer Vielfalt von Perspektiven und Stimmen kann man die Realität vielleicht nicht besser erklären, aber bessere Fragen stellen. "

So schmerzhaft ausgereizt wurde multiperspektivisches Erzählen allerdings selten. Denn es holt uns Mittelklasse-Lesende ab in einer der unseren nahen Welt und führt uns dann – in die inneren Kreise der Hölle. 200 Seiten lang sind wir im akademischen Milieu, ununterbrochen wird zitiert und verwiesen und der amerikanische Traum dekonstruiert. Die Realität der durch die Wüste irrenden Kinder kommt hier nur vermittelt an, in Form eines erfundenen Romans, den Luiselli unauffällig zwischen den zahlreichen Zitaten aus real existierenden Werken versteckt – genannt die "Elegien der verlorenen Kinder", angeblich von einer italienischen Autorin.

© Diego Berruecos

Autorin Valeria Luiselli

Wenn die Normalität der Welt zerbricht

Mehr und mehr wird dieses Buch zu einer weiteren, eigenen Erzählstimme. Und schließlich fallen die Ebenen vollends ineinander. Nach den wohlgeordneten Kapiteln des ersten Teils geraten wir in einen nicht enden wollenden, schließlich eine Länge von 22 Seiten erreichenden Satz des Horrors. Von der Autofiktion nah an der Biografie der Verfasserin wechselt der Roman zu einer Art magischen Realismus. Die Kinder gehen selbst verloren, werden Teil eines Flüchtlingstrecks, und dabei übernimmt der zehnjährige Junge den Bericht dessen, was passiert. Aber in seiner Logik und Dringlichkeit: "Zwei Kinder genügen, um die Normalität der Welt der Erwachsenen aufzubrechen, den Schleier wegzureißen und die Dinge in ihrem eigenen andersartigen Licht aufscheinen zu lassen", heißt es im Text.

Es habe sie besonders interessiert, wie wir das Narrativ der Welt zwischen den Generationen erzählen, so Luiselli. "Das, was nachher zu einem Gründungsmythos wird, ob jetzt in der Familie oder in der Gesellschaft – zur kollektiven Erinnerung wird." Dafür macht Luiselli aus dem Roman ein Archiv, in das sie zahlreiche andere Materialien einarbeitet: Zeitungsartikel, Bibliografien, Polaroids, Songs, Zitate und ihr eigenes Engagement für Flüchtlingskinder.

Die brutale Einwanderungspolitik der Obama-Jahre

Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist nicht nur im Buch hauchdünn. Valeria Luiselli, 1983 in Mexiko geboren und heute in den USA lebend, hat eine ähnliche Fahrt mit ihrer Patchwork-Familie unternommen, sie hat darüber im New Yorker geschrieben, sie hat als ehrenamtliche Übersetzerin für unbegleitete Flüchtlingskinder gearbeitet und auch das in Essays verarbeitet. "Archiv der verlorenen Kinder" erschien auch im Original 2019, thematisiert aber geradezu demonstrativ nicht die Politik Trumps an der mexikanischen Grenze, sondern bleibt in der "immigration crisis" des Jahres 2014, unter Obama also.

Für Luiselli waren auch die Obama-Jahre sehr brutal gegenüber Einwanderern: "Das wurde nur mehr unter der Decke gehalten. Ein großer Teil der Mauer wurde damals gebaut. Ich denke, solange das Land sich selbst erzählt als im Wesentlichen weiß, angelsächsisch und protestantisch, und alles andere als fremd ausschließt, wird sich auch politisch nichts ändern."

Was wir weitererzählen und wie wir es weitererzählen, konstruiert unsere Welt. Es kann rettend sein oder tödlich. Das "Archiv der verlorenen Kinder" von Valeria Luiselli ist eines der wichtigen Bücher 2019, wenn auch, zugegeben, nicht ganz unanstrengend zu lesen. Kühn in seinen Verknüpfungen von Erzählung und Gegenerzählung, Mythos und Verdrängung, in Form und Sound, sehr ehrgeizig in dem, was es will: nichts weniger, als die Welt zu packen zu kriegen. Verstörend gut.

"Archiv der verlorenen Kinder" von Valeria Luiselli ist in der Übersetzung von Brigitte Jakobeit im Antje Kunstmann Verlag erschienen.

© Verlag Antje Kunstmann

"Archiv der verlorenen Kinder" von Valeria Luiselli

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