Eine Frau hält ein rotes Herz mit beiden Händen

Eine Frau hält ein rotes Herz mit beiden Händen

Bildrechte: picture alliance / Zoonar | Khosrow Rajab Kordi
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    Liebe - Es muss nicht immer nur die eine sein!

    Liebe - Es muss nicht immer nur die eine sein!

    Rote Dessous, funkelnde Ringe und Schokoherzen in den Schaufenstern: Am Valentinstag entsteht der Eindruck, Liebe müsse immer romantisch und erotisch sein. Das ist aber in Wirklichkeit nur ein kleiner Teil dessen, worum es bei Liebe eigentlich geht.

    Am Valentinstag dreht sich scheinbar alles um die Liebe. Sie wird in der Gesellschaft meist nur auf die romantische Paarbeziehung zwischen zwei Menschen reduziert. So entsteht oftmals ein Bild von Lust statt Liebe, das zu Krisen führt, sobald es in der Beziehung nicht mehr prickelt.

    Es gibt nicht die eine Liebe - sondern sieben

    Das liegt neben dem romantischen Ideal in Romanen, Filmen und der Kunst auch daran, dass es im Deutschen nur ein einziges Wort für Liebe gibt. In der griechischen Philosophie dagegen gibt es sieben Varianten:

    • Eros, die erotische also stark auf körperlicher Anziehungskraft basierende Liebe
    • Ludus, die freie, zwanglose oder spielerische Liebe, die wir heute als Flirten bezeichnen würden. Darunter fallen neue Beziehungsformen wie Polyamorie, Freundschaft Plus und offene Beziehungen
    • Philia, die geistig platonische Liebe zu Freunden
    • Storge, die Liebe zwischen Eltern, Kindern, Geschwistern und anderen Verwandten, die sich durch gegenseitige Fürsorge auszeichnet
    • Pragma, die rationale, langlebige Liebe zwischen Menschen, die ihr ganzes Leben zusammen sind
    • Philautia, die Selbstliebe, bei der man sich selbst mit allen Fehlern annimmt
    • Agape, die universelle Nächstenliebe in der gleichzeitig auch die Liebe zu Gott steckt

    Anselm Grün: Beziehungslosigkeit ist Krankheit unserer Zeit

    Diese sieben Arten von Liebe bedingen sich im Idealfall gegenseitig: Sodass ein Mensch sich selbst, seine Mitmenschen, die Natur, Gott und alles um sich herum liebt. Vielen ist das abhanden gekommen, sagt Pater Anselm Grün aus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach: "Kirchenväter sagen, wie willst du Gott spüren, wenn du dich nicht selber spürst?"

    Viele Menschen seien gar nicht in Berührung mit sich selber, so die Erfahrung des Benediktiners. "Psychologen sagen, die große Krankheit unserer Zeit ist die Beziehungslosigkeit. Das sie weder in Beziehung sind zu sich selber, noch zu den Dingen, noch zu den Menschen. Und dann können sie auch nicht die Beziehung zu Gott spüren."

    Gottes Liebe durch Meditation finden

    Anselm Grün lebt diese Beziehung zu Gott seit seinem 20. Lebensjahr, schreibt darüber in seinen Büchern und hilft Menschen mit Problemen dabei Gott oder eben Gottes Liebe in Meditationen zu finden. "Der Weg zu Gott kann auch über mich selber führen, aber das heißt, dass ich still werde, dass ich in mich hineinhorche", sagt Anselm Grün.

    In dieser Stille könnten dann die eigene Lebensgeschichte und auch all die persönlichen Probleme hochkommen. "Aber", so der Pater, "wenn ich tiefer geh durch all das Chaotische in mir hindurch, dann stoß ich zumindest auf ein Geheimnis, das größer ist als ich selber und das ist letztlich Gott. Wenn ich dann noch spüre: Dieser Gott ist Liebe. Dann wird in mir eine Sehnsucht wach nach dieser Liebe."

    Liebesfilme drehen sich nur um Flirten und sexuelle Verliebtheit

    Im Christentum ist Gott der Quell aller Liebe. Dass er Eva aus der Rippe von Adam erschaffen hat, sehen manche als Grund, dass man alleine unvollständig ist. Und mit der Vertreibung aus dem Paradies kam für die Menschen der Alltag in dem Liebe eben nicht nur Eros sein kann. Aber über diesen Alltag gibt es wenige Liebesfilme.

    Das Problem ist, dass eigentlich nur die sehr kurzen Phasen des Flirtens - Ludus - und der sexuellen Verliebtheit - Eros - in klassischen Liebesfilmen beschrieben werden, sagt der evangelische Theologe und Seelsorger Traugott Roser: "Und das muss man sehr stark bei allen Vorstellungen, die wir heute von Liebe haben, bedenken, dass sie sehr stark geprägt sind von Idealen, die uns über große Narrative oder auch kleine Narrative entgegenkommen."

    Es gibt nur ein Happy End: Die wahre Liebe

    In Filmen und Romanen werde uns immer das Ideal der romantischen Liebe nahe gebracht, so der Theologe. "Mit dieser wunderbaren Begegnung, die gleich am Anfang dann auch klappt. Das spannende an diesen Filmen ist aber, dass es nicht nur um diese Verliebtheitsgefühl geht, sondern die Filme sind dann mit einem Happy End versehen, wenn sich einstellt, dass die romantische Liebe eine wahre Liebe ist."

    Fehlt dieses Wahrhaftige in einer Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen, kommt es auch im echten Leben häufig zu Problemen. Zwar gibt es auch lockere, offene Beziehungen. Aber häufig fühlen sich Menschen nicht nur bei sexuellen Themen hintergangen, sondern auch, wenn ihnen der Partner oder die Partnerin etwas verschweigt.

    Nächstenliebe eine besondere Art der Liebe

    Agape - die Nächstenliebe - bildet eine besondere Ausnahme unter den sieben Arten der Liebe. Während sie für viele eher Familie, Freunde und Nachbarn oder Kollegen umfasst, ist sie für Mönche wie Pater Anselm Grün ein Weg zu Gott. Eine bedingungslose Verbundenheit mit allen Menschen, Lebewesen und der gesamten göttlichen Schöpfung.

    "Liebe ist eben nicht nur dieses kleine, enge 'Den-Anderen-Nur-Lieben-Und-Besitzen-Wollen'." Pater Anselm Grün

    Wenn Paulus beispielsweise im ersten Korintherbrief über die Liebe schreibe, dann schreibe er ähnlich wie Platon von der Liebe als einer Macht, so der Benediktiner: "Die Liebe glaubt alles, hofft alles. Liebe stärkt uns. Liebe rechnet nicht nach. Sie ist einfach da wie eine Macht, die uns im tiefsten innerlich verbindet."

    Platon: Liebe gibt uns die Möglichkeit, etwas schön zu finden

    Bei Platon - der Philosoph mit der platonischen Liebe ohne Hintergedanken - ist die Schönheit fest mit der Liebe verbunden. Nicht in dem Sinne, dass wir alle nur ausgesucht schönen Menschen hinterher jagen sollen, sondern so: Liebe gibt uns die Möglichkeit, etwas schön zu finden. So wie es ist. Das gilt für andere Menschen, Orte, Tiere oder Dinge und eben auch für uns selbst.

    Deswegen ist Philautia, die gesunde Selbstliebe, auch die Basis, Liebe zu geben - und das Gegenteil von Narzissmus. Narzissten lieben ein falsches Idealbild ihrer Selbst. Philautisten lieben sich selbst, obwohl sie nicht perfekt sind. Traugott Roser findet, dass der Valentinstag deswegen auch ein Tag für Singles sein sollte.

    Valentinstag auch ein Tag für Singles

    Gerade für Singles sei das ja ein Tag, "der unterstellt, da fehlt mir was", so der Theologe. "Muss ich mich jetzt auch um die Paarbeziehung kümmern oder diesen Tag aus dem Kalender streichen? Nein. Ich glaube, ein zentrale Thematik, die angesprochen wird, ist die Selbstliebe. Und die Selbstliebe gehört mit zur Liebe."

    Nicht umsonst stehe im jesuanischen Liebesgebot neben dem Auftrag "Du sollst Gott, den Herrn, lieben" auch der Satz "Du sollst deinen nächsten lieben wie dich selbst". "Da ist die Selbstliebe mit enthalten", erklärt Traugott Roser.

    Die Liebe ist für alle da

    Egal ob freie Liebe, erotische Liebe, Selbstliebe, Freundschaft, Mutterliebe, Vaterliebe, Geschwisterliebe, Nächstenliebe oder Liebe zu Gott: Der Valentinstag sollte uns daran erinnern, dass wir nicht allein sind. Die Liebe ist schließlich für alle da.

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