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Kultur

Urgewalt Tanz: ein gewaltiges Protestpotenzial | BR24

© picture-alliance/dpa

Aktivistinnen der Umweltschutz-Bewegung Extinction Rebellion beim Protest unter dem Motto "Klimatanz" in Berlin

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    Urgewalt Tanz: ein gewaltiges Protestpotenzial

    Schon seit Monaten wird wegen Corona in Clubs nicht mehr getanzt. Jetzt hat der Bund zwar die Milliarden-Offensive "Neustart Kultur" beschlossen, wann der Neustart in den Diskotheken losgeht, ist aber ungewiss. Dabei könnte Tanzen die Welt verändern!

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    Der Tanz ist ein Wutschrei. Lautstark und mit schwarzen Augenbinden protestieren Tausende Frauen in Chile gegen die massive Gewalt und gezielten Morde an Frauen. Ein Flashmob der Wut. Die Performance, die die Demonstrantinnen in den sozialen Medien teilten, fand Nachahmerinnen überall auf der Welt: in anderen lateinamerikanischen Ländern, aber auch in Istanbul oder Berlin.

    Flashmob - Tanz für Frauenrechte oder gegen Klimawandel

    Tanz und Performance hat - das zeigt nicht nur der Protest gegen die Femizide in Chile - ein gewaltiges Protest-Potential, eine fast explosive Kraft. Der Körper wird zum Instrument der politischen Mitbestimmung. Im Sommer 2019 etwa rief die Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion zum Klimatanz auf unter dem Motto: "Last chance to dance". In vielen Städten zogen Demonstranten tanzend durch die Straßen und protestierten für Klimaschutz, Ökostrom und ökologische Nachhaltigkeit.

    Rock ’n Roll als Jugendprotest

    Getanzter Protest hat viele Facetten. Allen gemein ist, dass sie die revolutionäre Kraft von Tanz nutzen. Tanz hat nicht selten etwas Umstürzlerisches, das gesellschaftliche Normen infrage stellt und sich auflehnt gegen den Mainstream. In den 1950er Jahren stand der Rock ’n Roll für Auflehnung und Jugendprotest gegen die verstaubte Elterngeneration und ihre Werte, zum Beispiel die Rassentrennung.

    Vogueing für sexuelle Selbstbestimmung

    In den 1980ern entwickelten afroamerikanische und lateinamerikanische Homosexuelle in New York das Voguing, einen Tanzstil, der von den Modeposen der Supermodels auf dem Cover des Modemagazins Vogue inspiriert war. Für die Queer-Community war der Tanz Ausdruck eines soziokulturellen Protests gegen Ausgrenzung gerade während des Aufkommens von HI-Virus und AIDS. Das Vogueing zeugte angesichts der damals weit verbreiteten Diskriminierung von Homosexuellen von trotziger Selbstbehauptung.

    Kontaktimprovisation: mit Tanz die Welt verändern

    Auch die Tanz- und Bewegungspädagogin Heike Pourian sieht im Tanz ein enormes Potential der Kritik an menschenfeindlichen Systemen. Tanzen kann ein politischer Impuls sein, der die Welt verändern kann und aus den Fugen bringen will. Die Tanzform, die Heike Pourian für sich entdeckt hat, heißt Kontaktimprovisation: Freie, organische Bewegungen ohne Choreographie. Kein Publikum, nicht einmal Musik braucht man dazu. Für Heike Pourian geht es beim Tanz darum, innere Impulse wahrzunehmen. Es gibt keine Schritte, keine vorgegebenen Muster und genau dadurch ist der Tanz hochpolitisch, sagt die Tänzerin.

    Der Körper als Instrument der politischen Mitbestimmung

    Heike Pourian hat eine Bewegung mitgegründet, die sich "Sensing the Change" nennt. Die Initiative will - über sinnliche Wahrnehmung und Körpererfahrung - einen politischen Veränderungsprozess hin zu einer gerechteren Welt ohne Ausbeutung der Natur anstoßen: "Wenn ich mit meinem Körper auf der Straße und im öffentlichen Raum bin und mit meiner urgewaltigen Daseinskraft meine Anwesenheit zeige, dann ist das eine ganz andere Art und Weise des Protests oder des Aufmerksammachens auf Missstände als mit dem Finger auf Schuldige zu zeigen."

    Tanzwut im Mittelalter - bis zum Umfallen

    Im Tanz, sagt Heike Pourian, geht es viel um Selbstermächtigung. Gleichzeitig hat Tanz dabei mit Kontrollverlust zu tun. Tanzwütig ist heute jemand, der sich völlig frei, ohne Grenzen und äußerer Zwänge - fast ekstatisch - dem Tanz hingibt. Das findet sich auch im Trance-Tanz, bei dem sich Menschen in Ekstase tanzen. Ursprünglich steht der Begriff Tanzwut für das Phänomen einer Massenhysterie, wie es sich beispielsweise 1518 in Straßburg ereignete. Damals tanzen Menschen tagelang ohne Schlaf und Essen durch die Straße - bis sie irgendwann völlig erschöpft oder tot zusammenbrachen. Über die Ursachen für dieses Phänomen streiten Wissenschaftler bis heute. Möglicherweise war eine epidemische Vergiftung mit dem halluzinogenen Mutterkornpilz schuld an der Tanzwut.

    Mächtiges Ritual - der Tanz auf dem Blocksberg

    Tanz, die völlige Entgrenzung und Ekstase, hat immer auch etwas Diabolisch-Furchteinflößendes. Zahlreiche Mythen und Geschichten ranken sich etwa um die Walpurgisnacht, in der Hexen wild und ekstatisch um das Feuer auf dem Blocksberg tanzen. Eine Kraft, Energie und Urgewalt die der Choreograph Damien Jalet auch den Tänzern im Horror-Film-Remake Suspiria aus dem Jahr 2018 abverlangt. Anders als das Original von Kultregisseur Dario Argento mit seinen klassischen Balletteinlagen, bricht in den Tanzszenen des Remakes die volle Kraft und Wucht hervor - instinktiv und magisch-beschwörend, soll doch der Tanz einem Hexenzirkel dazu dienen, einer mächtigen Hexenmutter zur Wiedergeburt zu verhelfen. Der Tanz, so hat es Choreograph Damian Jalet in einem Interview beschrieben, ist ein Mittel "Druck abzubauen, blockierte Energien freizulassen, explosiver, wilder, selbstbestimmter zu werden". Mit dem klassischen Tanz hat das nur noch wenig zu tun.