Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Wie Sibylle Berg die Beziehung zwischen Mann und Frau beerdigt | BR24

© Bayern 2

Männer rufen zum Sex-Boykott auf, Frauen sind mit ihren Karrieren beschäftigt: In Sibylle Bergs apokalyptischem Stück "Lysistrata 2", das Miloš Lolić am Theater Basel inszeniert, tobt der Kampf der Geschlechter – mit umgekehrter Rollenverteilung.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wie Sibylle Berg die Beziehung zwischen Mann und Frau beerdigt

Männer rufen zum Sex-Boykott auf, Frauen sind mit ihren Karrieren beschäftigt: In Sibylle Bergs apokalyptischem Stück "Lysistrata 2", das Miloš Lolić am Theater Basel inszeniert, tobt der Kampf der Geschlechter – mit umgekehrter Rollenverteilung.

Per Mail sharen
Teilen

Gehört der Mensch ins Naturkundemuseum? Oder in ein Museum für soziale Beziehungen? Bei Sibylle Berg gehört er in die "Gärten". Das sind, im Bühnenbild von Wolfgang Menardi, insgesamt acht Glaskästen, in denen Menschen zur Schau gestellt werden und über die Geschichte der Geschlechterbeziehungen reflektieren. Die Kästen sind ausstaffiert als Bad, Klo, zwei Schlafzimmer, Arbeitszimmer und so fort. Der kleinste und länglichste Glaskasten ist eine Art Schneewittchensarg, auf dem ein toter Schwan liegt, der sterbende Schwan, der sterbende Mensch. In diesen Kästen wird die Beziehung zwischen Mann und Frau nun in strammen 80 Minuten ein für allemal beerdigt, bevor man am Ende merkt, dass es ganz ohne Männer doch nicht geht – oder zumindest ohne Männer-Ersatz.

Gestern Erotik, heute Kinder, morgen sexuelle Ödnis

Und weil das Stück von Sibylle Berg ist, bewegen wir uns nicht, wie in der christlichen Malerei, in lauter Paradiesgärtlein, sondern kapitelweise im Vorspielgarten, Liebesgarten, stellungstechnisch im Missionarsgarten, ja sogar im Kindergarten. Womit der dramaturgische Zuschnitt des Abends schon hinreichend beschrieben wäre: Paradigmatisch wird eine Paar-Beziehung nachverfolgt, vom erotischen Kennenlernen über das Kinderkriegen bis zur sexuellen Ödnis.

Mit der den Sexstreik ausrufenden Lysistrata des Aristophanes hat das zunächst nur am Rande zu tun. Für Sibylle Berg ist Aristophanes ein netter Aufhänger, um noch einmal die Unvereinbarkeit männlicher und weiblicher Bedürfnisse zu beschwören, wie immer bei ihr im assoziativ mäandernden Zyniker-Pop-Slang. Der kommt phasenweise sehr lustig daher, über lange Strecken kann er aber auch ziemlich nerven.

© Sandra Then, Theater Basel

Eingeklemmt in Glaskästen (Bühnenbild: Wolfgang Menardi) reflektieren Männer und Frauen die Geschichte ihrer verkorksten Beziehungen.

Weite Teile des Abends werden von zwei Chören bestritten, aus dem dann die Einzelstimmen heraustreten: dem weiblichen L-Chor (wie Lysistrata) und dem männlichen B-Chor, dem ein gewisser Bernd den Namen gibt. Regisseur Miloš Lolić hat den Suada-Charakter von Bergs Text begierig aufgenommen und nun vollends ins Show- und Performance-Format aufgeblasen: Die Damen treten als adrette Stewardessen in farblich unterschiedlichen Strumpfhosen- sowie Gesichts-Tönungen auf und zappeln sich durch die groteskesten Sexual-Positionen. Die bedauernswerten Männer klemmen sich demütig, als uniforme Mischung aus Elvis Presley und den Leningrad Cowboys in den gläsernen Sarg und hüpfen dann wieder als Stichwortgeber für die Damen über die Bühne.

Und früher? Lustlose Frauen, Männer mit Mordfantasien

Der Clou ist, dass das Stück aus Sicht einer fernen Zukunft argumentiert und auf jene Phase der Naturgeschichte zurückblickt, "als es noch zwei Geschlechter gab". Ein schrecklicher Zustand: Damals gab es ganz offenbar nur Frauen-Karikaturen, die aufschauen, und Männer-Karikaturen, die herunterschauen. Frauen, die keine Lust haben, und Männer mit Mordfantasien. Beziehungs-Karikaturen. Menschen aus einem entfremdeten, von Fitness-Studios und anderen Selbstoptimierungs-Strategien bestimmten Leben, die aber manchmal über sich selbst nachdenken. Diese Passagen kommen bei Sibylle Berg in sentimentalischer, eher schwachbrüstiger Gedichtform daher – und werden in der Inszenierung als sehr merkwürdige Songs musikalisch dargeboten.

Der Plot des Aristophanes, der Sex-Streik, wird von Sibylle Berg nun in eine ziemlich schreckliche Dystopie gewendet, die in der Inszenierung von Miloš Lolić leider sehr aufgedreht-lustig arrangiert ist: die Männer windeln Babies und ziehen sich in Männergruppen zurück – keine Lust mehr auf Sex, "und die Frauen merken es nicht einmal". Sie sind mit Karriere beschäftigt. Dann bauen sich die Frauen "den Ken", einen Sex-Roboter – "der Ken besorgt's uns meisterhaft". Die Männer sterben aus, und die Frauen haben nun niemanden mehr, den sie schuldig sprechen können.

Diese eher niederschmetternde Diagnose der Autorin wird in Basel verkauft, als seien wir in einer Fernsehshow. Lolić macht Unterhaltungstheater mit der dicken Keule. Ob Sibylle Berg das auch will, ist eher ungewiss.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!