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"Corona-Diktatur": Warum das Unwort "verharmlost und verhöhnt" | BR24

© dpa/Christoph Schmidt

2017: "alternative Fakten". 2018: "Anti-Abschiebe-Industrie". 2019: "Klimahysterie". 2020: "Corona-Diktatur" sowie "Rückführungspatenschaften".

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    "Corona-Diktatur": Warum das Unwort "verharmlost und verhöhnt"

    Erstmals gibt es zwei Unwörter des Jahres: "Corona-Diktatur" und "Rückführungspatenschaften". Im BR24-Interview sagt Jury-Vorsitzende Nina Janich, was gegen die Begriffe spricht, warum es diesmal zwei sein sollten – und wieso sie ihr Amt niederlegt.

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    Von
    • Hendrik Heinze

    Hendrik Heinze: Gleich zwei Unwörter, das hat es noch nie gegeben. Das Jahr war schwierig für uns alle, für Sie auch? Sie konnten sich einfach nicht mehr entscheiden nach diesem anstrengenden Jahr?

    Nina Janich: Nein, das haben wir diskutiert: Ob wir uns der Entscheidung nur entziehen. Aber wir haben uns schon etwas gedacht bei dem Unwort-Paar. Wir wollten einerseits Rücksicht nehmen darauf, dass Corona 2020 das Thema Nummer eins war. Wir wollen aber auch eben darauf aufmerksam machen, dass Sprachkritik weiterhin auch bei anderen Themenfeldern wichtig und notwendig bleibt. Und da wir ja zum letzten Mal in dieser Form zusammengetreten sind – es kommt jetzt eine neue Jury – wollten wir noch einmal ganz deutlich machen mit so einem Unwort-Paar, dass es uns um Diskussion und nicht um Zensur geht. Und was wäre da besser, als zwei Wörter zu nehmen, zwischen denen man sich dann selbst persönlich entscheiden kann?

    Um Zensur geht es Ihnen nicht, um Diskussion aber sehr wohl, sagen Sie. Ziel der Aktion "Unwort des Jahres" war es immer, "einen relativ breiten Konsens darüber zu verteidigen, was öffentlich zu sagen noch akzeptabel ist und was nicht". Wie steht es heute um diesen Konsens?

    Wir halten diesen Konsens für brüchiger denn je. Und haben auch viele Jahre darüber diskutiert, wir wir damit umgehen. Ob wir sozusagen nur noch ganz subtile Wörter nehmen, ob wir weiter immer die ganz plakativen nehmen – oder ob wir aufhören. Aber wir glauben, dass so eine Aktion weiterhin unglaublich wichtig bleibt, um die Diskussion immer wieder aufzunehmen und immer wieder auch sich zu wehren gegen bestimmte Dinge, die plötzlich als akzeptabel erscheinen.

    Sprechen wir über die beiden gewählten Unwörter. Das erste: "Corona-Diktatur". Was hat Sie und die Mitjuroren sich für diesen Begriff entscheiden lassen?

    Dieses Wort wurde ja unter anderem von Vertretern der selbsternannten Querdenker-Bewegung geprägt, um Regierungsmaßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu diskreditieren. Wir haben das Wort deswegen gewählt, weil es ganz offensichtlich sachlich falsch ist. Es verharmlost tatsächliche Diktaturen, es verhöhnt Menschen, die unter solchen Diktaturen leiden oder gelitten haben – und es verhindert vor allem auch eine konstruktive Auseinandersetzung über durchaus berechtigte Zweifel an der einen oder anderen politischen Maßnahme.

    Unwort Nummer 2: "Rückführungspatenschaften". Wie hat das Ihre Aufmerksamkeit erregt und sich schließlich durchgesetzt gegen andere Begriffe?

    Das ist auch sehr häufig eingeschickt worden, so hat es unsere Aufmerksamkeit erregt. Das ist ein Wort aus der EU-Politik – ein ganz offizieller Ausdruck, der bedeutet, dass EU-Staaten, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, in Form von "Rückführungspatenschaften" wenigstens die Verantwortung für deren Abschiebung übernehmen sollen. Dafür aber dieses Wort zu wählen, das halten wir für doppelt beschönigend und damit auch für irreführend und zynisch. Denn eigentlich übernimmt ja ein Pate Verantwortung und Schutz für einen Schutzbefohlenen in dessen Interesse. Und dadurch, dass Rückführung – schon beschönigend für: Abschiebung – mit Patenschaft zusammengesetzt wird, suggeriert es, dass Abschiebung eine gute Tat sei.

    © dpa/Arne Dedert

    Hält Schilder hoch - und legt den Juryvorsitz nieder: Die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich von der TU Darmstadt

    Sie werden bisweilen als "Rufer in der Wüste" bezeichnet. Da schwingt mit, dass Ihre Unwort-Wahl zwar sehr ehrenwert ist, aber womöglich nicht zur Folge hat, dass irgendjemand künftig anders spricht und Sprache anders verwendet als bisher. Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Sprachkritik in all den Jahren etwas bewirkt hat?

    Also, was sie auf jeden Fall bewirkt hat, ist, dass die jungen Leute sich mit so etwas auseinandersetzen. Gegen Betonköpfe kann man natürlich nichts machen. Seit vielen Jahren gehen die Unwörter und deren Begründungen in Schulbücher ein, so dass ich schon glaube, dass wir etwas bewirken. Es geht ja nicht um das Verbot der Wörter, sondern es geht um das Nachdenken über öffentlichen Sprachgebrauch. Und das, glaube ich, erreichen wir mit der Diskussion, auch wenn sie in den letzten Jahren zunehmend polarisiert geführt wird, und sei es wenigstens über die Schulen.

    Die Jury, deren Mitglied sie 20 Jahre und deren Vorsitzende sie zehn Jahre lang waren, zieht sich nun komplett zurück. Sie alle geben das Unwort in jüngere Hände. In Ihrer Amtszeit gab es Unwörter wie zum Beispiel "Lügenpresse", "Gutmensch", "Volksverräter", "Klimahysterie". Was sagen Sie: Haben Sie da immer die richtigen Begriffe erwischt?

    Was heißt richtig ... Wir wollen ja diskutieren. Wir haben uns bestens bemüht, anhand der Einsendungen, die wir bekommen haben, so lange zu diskutieren, bis wir uns auf etwas einigen konnten. Wir haben sicherlich bessere und schlechtere Wahlen getroffen. Aber wir haben sicherlich auch ab und zu Wörter gehabt, die doch die Aufmerksamkeit auf wichtige Sachverhalte gelenkt haben.

    Und jetzt gehen Sie in Frieden oder in Frustration?

    Ich gehe in Frieden und mit ein bisschen persönlicher Erleichterung, dass es jetzt jemand anders macht. Ich denke, es ist einfach ganz gut, wenn es mal neue Köpfe machen.

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