Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Unter Kannibalen: Viel beklatschte "Turandot" in Dortmund | BR24

© Björn Hickmann/Oper Dortmund

"Brokkoli-Taktik": Eng gedrängter Chor

Per Mail sharen

    Unter Kannibalen: Viel beklatschte "Turandot" in Dortmund

    Einmal mehr gelang dem jungen japanischen Regisseur Tomo Sugao ein großer Wurf: Seine Deutung von Puccinis Spektakel-Oper überzeugte mit großem Schauwert und packender Chor-Regie. Kein Happy End, aber alle halten sich ans Motto: "Viel hilft viel".

    Per Mail sharen

    Der Mann hat ein Geheimnis, aber eines, das er gerne verrät: Tomo Sugao schafft es immer wieder meisterhaft, Opernchöre zu bewegen, ihnen die keineswegs "angeborene" Schwerfälligkeit auszutreiben, sie stattdessen zu schauspielerischen Höchstleistungen zu anzuspornen. Das gelang dem in Sapporo geborenen japanischen Regisseur mehrfach am Mainfrankentheater in Würzburg und jetzt auch an der Oper in Dortmund bei der Premiere von Puccinis "Turandot", wo das Publikum stehend applaudierte. Und was ist nun das Geheimnis? Die "Brokkoli"-Taktik! Tomo Sugao lässt den Chor gern so eng aneinander gedrängt spielen wie die Röschen eines Brokkoli-Kopfs - eine "Masse Mensch" auf engstem Raum. Das versuchen zwar viele Regisseure, doch bei dem gebürtigen Japaner wirkt das immer besonders fesselnd, packend, intensiv, weil der Chor dadurch eine ungeheure Energie ausstrahlt und der Raum drumherum dazu passt. Im Idealfall weiß jedes einzelne Chormitglied, warum es gerade diese und keine andere Bewegung macht.

    © Björn Hickmann/Oper Dortmund

    Gefährliche Klauen: Turandot (Stéphanie Müther) und Calaf (Andrea Shin)

    Fantasy-Spektakel mit Schauwert

    Tomo Sugao, der in Berlin lebt, muss bei Proben ein wunderbarer Motivator sein, anders sind seine hochdynamischen Arbeiten nicht zu erklären. Die Würzburger können sich schon auf seine "Götterdämmerung" im Mai freuen. In Dortmund geriet die "Turandot" zu einem bildstarken Fantasy-Spektakel, das von der ersten bis zu letzten Minuten Schauwert hatte, ohne deshalb in den gefürchteten Arena-Kitsch abzudriften. Der viel beschäftigte Bühnenbildner Frank-Philipp Schlößmann hatte ein enges, schwarz-rotes Verlies entworfen, als ob Wände und Decken vor Blut triefen. Auf einer Art Altar werden die Opfer der chinesischen Prinzessin Turandot hin gemetzelt, nämlich all jene, die ihre drei Fragen nicht beantworten können.

    © Björn Hickmann/Oper Dortmund

    Turandot (Stéphanie Müther) und die tote Liù (Sae-Kyung Rim)

    Kannibalismus am Kaiserhof

    Das Volk neigt zum Kannibalismus, zerreißt die Leichen und schwenkt die Oberschenkel-Knochen, der einzige Regie-Einfall, der etwas überkandidelt wirkte. Ansonsten gilt natürlich gerade bei so einem Ausstattungsstück wie "Turandot": Viel hilft viel! Und nicht nur Dirigent Gabriel Feltz hielt sich daran, so tosend und donnernd, wie er zu Werke ging, auch die Inszenierung blieb grell und opulent. Ein riesiger Golddrachen prangt im Hintergrund, die Kostüme von Mechthild Seipel sind so ausladend, dass die Solisten aufpassen müssen, nicht zu stolpern und gelegentlich ihre Stichwaffen verlieren. Das Volk ist gekleidet wie die Massen im früheren Rotchina oder auch im heutigen Nordkorea.

    © Björn Hickmann/Oper Dortmund

    Wut und Folter

    Carlo Gozzi hätte seine Freude gehabt

    Calaf, der Wunderheld, der Turandot überwindet, trägt die Arm-Binde von Maos Roten Garden und erweist sich nicht als liebestoll, sondern machthungrig. Grimmig beerbt er den toten Kaiser. Das alles ließe sich als Gleichnis auf heutige asiatische Diktaturen lesen, bleibt aber auch so märchenhaft, dass es insgesamt eher Fabel als Lehrtheater war, was Carlo Gozzi, dem Verfasser der Vorlage, mutmaßlich gefallen hätte, denn ihm kam es gerade auf magisch-exotisches Flair an, auf den Schauwert seiner Stücke, die sich im italienischen Karneval bewähren mussten. Stimmlich begeisterten vor allem die Südkoreaner Sae-Kyung Rim als kleine, aber kraftvolle Liù, und Andrea Shin als bärenstarker Calaf. Romantische Anwandlungen hatte er in dieser Interpretation allerdings nicht.

    © Björn Hickmann/Oper Dortmund

    Ping, Pong und Pang: Hofschranzen bei der Arbeit

    Tomo Sugao hat viel zu tun

    Die Schweizer Mezzo-Sopranistin Stéphanie Müther, die gerade in Chemnitz als Brünnhilde in Wagners "Götterdämmerung" für Furore sorgte, war eine stahl-gleißende Turandot. Alles andere als eine Sympathieträgerin, zumal sie am Ende kein Liebesglück findet, sondern frustriert abzieht, als sie merkt, dass es all den Helden nur auf den Thron ankommt. Klar, dass Regisseur Tomo Sugao auch in den nächsten Jahren gut zu tun haben wird - in Würzburg sind nach der "Götterdämmerung" schon weitere Projekte in Planung, in Dortmund wird er die nächste Spielzeit eröffnen. Und wetten, dass er sein Geheimnis in beiden Fällen mit dem Publikum teilt?

    Wieder am 22. Februar, 3. und 13. März, weitere Termine.