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Unter dem Pflaster der Glanz: "Der letzte Schliff" in München | BR24

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Mammutbein, Bernstein, versteinertes Holz: In der Galerie Handwerk ist zu bewundern, wie vielfältig die Materialien sind, mit denen zeitgenössische Künstler Schmuck anfertigen. Und selbst Pflastersteine kommen zu neuen Ehren und werden zu Ringen.

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Unter dem Pflaster der Glanz: "Der letzte Schliff" in München

Mammutbein, Bernstein, versteinertes Holz: In der Galerie Handwerk ist zu bewundern, wie vielfältig die Materialien sind, mit denen zeitgenössische Künstler Schmuck anfertigen. Und selbst Pflastersteine kommen zu neuen Ehren und werden zu Ringen.

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München gilt weltweit als Zentrum für zeitgenössischen Schmuck. Das zeigt sich vor allem, wenn jedes Jahr im März die Münchner Schmucktage stattfinden, eine Art Gipfeltreffen der Szene, bei dem Dutzende Ausstellungen mit zeitgenössischem Schmuck Goldschmiede, Künstler, Galeristen und Sammler aus aller Welt anlocken. In dieser Woche nun finden die Schmucktage abermals statt und auch, wenn Teile der Veranstaltung wegen des Corona-Virus abgesagt werden mussten – etwa die SCHMUCK auf der Handwerksmesse - und auch, wenn vor allem amerikanische Sammler dieses Jahr fehlen werden: Ein Großteil der Veranstaltungen findet statt.

© Eddo Hartmann/Galerie Handwerk München

Terhi Tolvanen lässt es funkeln

Der Ring ist aus einfachem Messing, schmal ist er und fällt kaum ins Gewicht, was zählt, ist der Aufbau: Ein Turm aus Steinen, Hellblau, Grün, Pink und Orange leuchten einem die geschliffenen Steine entgegen, mal oval, mal in Tropfenform ohne irgendwelche Halterungen und Hilfsmittel einfach übereinander geklebt und im Übrigen aus einfachem Glas, was ihrer Farbe und Leuchtkraft keinen Abbruch tut. Gleich daneben noch ein Ring, ein Monolith, ein Stein wie ein kleiner Berg mit einem Loch für den Finger im unteren Teil. Grauwacke nennt sich die Steinsorte, die genauso aussieht, wie sie heißt und normalerweise als Pflasterstein verwendet wird.

Diamantstaub und Rubine

Schon diese beiden Ringe des Schmuckkünstlers Karl Fritsch offenbaren das enorme Spektrum, das sich hinter der Wortgruppe "Steine im Schmuck“ verbirgt. Der Leiter der Galerie Handwerk, Wolfgang Lösche: "In der Geschichte des Schmucks spielen natürlich die edlen Steine, die Diamanten, die Brillanten, die Rubine die Hauptrolle bis ins 20. Jahrhundert und dann beginnt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Hinwendung zu den einfachen, simplen Materialien und da gehören natürlich dann auch die einfachen Steine dazu. Das ist heute ein ganz starker Bereich im zeitgenössischen Schmuck, ohne dass aber die teuren Steine vollkommen verloren gegangen sind, es gibt den Diamantstaub genauso, es gibt die Rubine, es gibt die teuren Zitrine und alles, was eigentlich auch eine große Tradition im Schmuck hat kommt hier vor, allerdings nicht so dominant, wie man es sich vielleicht vorstellen könnte."

© Galerie Handwerk München

Karl Fritsch experimentiert mit Formen

Lösche interessiert aber nicht nur welche, sondern w i e Steine im Schmuck heute verwendet werden. Yutaka Minegishi etwa schleift Bernstein, Mammutbein oder Gagat – ein schwarzes versteinertes Holz – zu Ringen aus einem einzigen Stück, mit Aufsetzen, so dynamisch gedreht und verwirbelt, als würden die uralten Materialien immer noch leben. Georg Dobler fasst riesige Zitrine in gewaltige Fassungen, mit doppeltem Unterbau aus Metall und riesigen Krappen, das sind die kleinen Stege, die sich wie Finger um einen Stein herum legen und ihn halten. Erika Jordán-Macebo schneidet Steine in große Scheiben, durchbohrt sie und stickt mit Seidenfaden ganze Zeichnungen darauf. Julia Obermaier schleift Steine zu flachen Platten und nutzt sie als Konstruktionselemente, baut Rahmen daraus und steckt diese so ineinander, dass eine Kette mit eckigen Gliedern entsteht. Die beiden letztgenannten Schmuckkünstlerinnen wurden am Campus Idar-Oberstein der Hochschule Trier ausgebildet.

Achat im vollkommen neuen Licht

Idar-Oberstein ist traditionell das deutsche Zentrum für Steine in der Schmuckgestaltung. Großes Ziel der Lehrenden im Fachbereich Schmuckgestaltung ist es, der Steinverwendung im Schmuck ein neues Gesicht zu geben, das in die heutige Zeit passt, wie Wolfgang Lösche betont: "Hier liegen Schmuckstücke, die sind aus Achat gefertigt, ein Stein, der in den 70er Jahren noch große Beachtung gefunden hat, aber ganz stark ins Kunstgewerbliche abgerutscht ist, man hat Mobiles draus gemacht, man hat Aschenbecher draus gemacht, Bilder. Und was heute in Idar-Oberstein wieder gemacht wird, ist eine Material-Anwendung, die diesen Stein in ein vollkommen neues Licht rückt, das sieht manchmal aus, als sei es Kunststoff, man spielt nur mehr mit den subtilen Oberflächen aber nicht mehr mit der starken Maserung, der starken Farbigkeit, und das ist das, was uns interessiert, wie heutzutage Steine im Schmuck angewandt werden."

© Galerie Handwerk München

Schmetterlinge im Bauch

Die in München lebende australische Schmuckkünstlerin Helen Britton hat für die Ausstellung ein richtiges kleines Gärtchen aus Ringen und Broschen angelegt: Blumen sprießen da, Bienen summen und Käfer brummen. Jedes einzelne Blütenblatt und jedes Spinnenbein besteht aus Steinen: rote, grüne, braune, blaue Steine liefern die Farben und Strukturen ihrer Wieseninstallation. Die Steine stammen von alten Speichern und Kellern in Idar-Oberstein. Helen Britton macht aus den alten Steinen einen völlig neuen, frischen, zeitgemäßen Schmuck. Gleichzeitig ist ihre Arbeit aber auch eine Verbeugung vor dem Können und Wissen der alten Steinschleifer der Region.

© Galerie Handwerk München

Glitzernde Pracht von Georg Dobler

Die Ausstellung in der Galerie Handwerk ist nur eine von Dutzenden Ausstellungen, die in diesen Tagen den Stand des zeitgenössischen Schmucks zeigen. Die Antikensammlung am Königsplatz etwa zeigt Schmuck von heute direkt neben den antiken Meisterwerken des Kunsthandwerks. Da liegt dann etwa ein Ring mit einem kunterbunten Nadelkissen inklusive einiger Stecknadeln darin direkt neben einer griechischen Vase, auf der eine Frau Wolle auf eine Spindel wickelt.

Rollen-Klischees überwinden

Mit ihrem Nadelkissen hat die Künstlerin Helen Clara Hemsley aus dem Werkzeug einer Näherin Schmuck gemacht, alte Rollen-Klischees der Frau werden dabei nonchalant überwunden. 2400 Jahre später hat sich mit der Gleichberechtigung auch die antike Vorstellung von Demokratie weiterentwickelt. Denn die Ausstellung zeigt Schmuckstücke der Staatlichen dänischen Kunstsammlungen und die findet, dass tragbare Kunst wie Schmuck bitte auch getragen werden soll: Alle dänischen Bürger und Bürgerinnen können sich den Schmuck für offizielle Anlässe ausleihen – kostenlos.

Auch viele kleinere Galerien und Werkstätten in München zeigen in den nächsten Tagen zeitgenössischen Schmuck, das komplette Programm kann man auf der Internetseite der Galerie Handwerk herunterladen.

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