BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Alexa Karolinski: "Das deutsche Fernsehen ist noch nicht divers" | BR24

© Bild: Salzgeber & Co Medien / Audio: BR

Alexa Karolinski ist Co-Autorin und Produzentin der Netflix-Miniserie "Unorthodox" nach der Lebensgeschichte von Deborah Feldman. Sie lebt und arbeitet in Los Angeles - warum, das erzählt sie im BR-Interview.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Alexa Karolinski: "Das deutsche Fernsehen ist noch nicht divers"

Ihre Netflix-Serie "Unorthodox" wird gefeiert – und kann im September den ein oder anderen "Emmy" abräumen. Im BR-Interview spricht die Produzentin Karolinski über Unterschiede zwischen L.A. und Berlin und die Schwächen des hiesigen Fernsehens.

Per Mail sharen

Eine junge Frau wächst in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in Brooklyn auf, wird zwangsverheiratet und beschließt, nach Berlin auszuwandern. Das ist die Geschichte der Mini-Netflix-Serie "Unorthodox", die gerade für acht Emmys nominiert wurde. Co-Drehbuchautorin und Produzentin der Serie ist Alexa Karolinski – sie erzählt im Interview mit dem BR-Podcast "Woman of the Week", welche Rolle ihre eigene jüdische Identität beim Aufwachsen in Berlin gespielt hat. Außerdem verrät Alexa, wie die Serie bei zahlreichen Kaffeeverabredungen mit Co-Autorin Anna Winger entstanden ist und wie sie während ihrer Zwillingsschwangerschaft am Filmset gearbeitet hat.

Mittlerweile lebt Alexa mit ihrem Mann und ihren Kindern in Los Angeles, aktuell im Corona-Lockdown.

Mira-Sophie Potten: Bei dir geht ja der Tag gerade erst los, da ist es jetzt kurz nach acht Uhr in der Früh. Bei mir geht er schon fast wieder zu Ende. Hier ist es kurz nach fünf, wo erwische ich dich denn gerade?

Alexa Karolinski: Du erwischst mich gerade zu Hause. Ich höre mich auch noch ein bisschen schläfrig an, glaube ich. Obwohl ich seit zwei Stunden wach bin, ich trinke gerade meine zweite Tasse Kaffee. Und hier sind wir noch im Covid-Lockdown. Da sieht das ganz anders aus als in Deutschland. Leider.

Was bedeutet es denn für dich jetzt gerade aktuell als Filmemacherin im Lockdown, also auch im Homeoffice zu sein?

Hier in L.A. bedeutet das, dass ich, seitdem die Serie Unorthodox online gegangen ist, alle meine Termine per Zoom hatte, unheimlich viele neue Menschen digital kennengelernt habe und versuche zu überlegen, wie das jetzt weitergeht, wenn man in Isolation ist. Außerdem versucht man, irgendwie produktiv zu sein, wenn dieses Land um einen herum gerade zerfällt.

Wir kommen später noch einmal darauf zu sprechen, wie die Situation in den USA gerade ist. Erst einmal wollte ich dir natürlich auch zu den Emmy-Nominierungen gratulieren. Wie hast du davon erfahren?

Ich war gerade zu Hause und wollte ein paar Turnübungen machen. Wir haben eine Unorthodox-Whatsapp-Gruppe, in der wir alle sind. Und da ging es auf einmal los mit den ganzen Messages, dass jetzt die Emmys angesagt werden. Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, dass das an diesem Tag passiert. Und ich bin auch nicht wirklich davon ausgegangen, dass wir für irgendetwas nominiert werden. Dann habe ich entschieden, mal reinzuschauen.

Dann war die Feierei sicher groß im Whatsapp Chat.

An dem Tag war sie sehr groß, wir haben auch gefacetimed und ein Gruppenzoom gemacht. Er war sehr schön.

Die Serie Unorthodox basiert ja zu großen Teilen auf dem Buch von Deborah Feldman. Wie bist du damit erstmals in Berührung gekommen?

Offiziell sagen wir, dass die Serie von dem Buch inspiriert ist, da wir sehr viel erfunden haben mit Deborahs Segen. Ich habe Deborah in Berlin durch gemeinsame Freunde kennengelernt. Auch einfach, weil wir beide jüdische, schaffende Frauen sind und man sich in der sehr kleinen deutschen jüdischen Gemeinde irgendwann mal über den Weg läuft. Und Anna Winger und ich wollten eh mal etwas zusammen machen. Mit ihr habe ich dann die Serie kreiert.

Deborahs und Annas Kinder gehen auf die gleiche amerikanische Schule in Berlin. Und so haben wir drei uns kennengelernt. Durch viele Gespräche ist die Serie auf natürlichem Wege entstanden: Machen wir das? Wenn ja, wie machen wir das? Wie können wir die Serie in Berlin drehen? Wie können wir daraus etwas machen, das wir fürs Fernsehen angebracht finden?

© Anika Molnar/Netflix

Filmszene aus "Unorthodox": Amit Rahav als Yanky Shapiro und Shira Haas als Esty bei einem Spaziergang durch Berlin

Und was auch viele Menschen erreicht...

Genau. Wenn man etwas für Netflix macht, wird es automatisch in knapp 200 Ländern gleichzeitig gesehen. Ich würde sagen, es ist eigentlich das einzige Streaming-Format, das so überall existiert. Und so ging es los.

Wie war die Zusammenarbeit? Du hast die Serie ja mit Anna Winger zusammen geschrieben. Sie stammt aus den USA und lebt jetzt in Berlin, du kommst eigentlich aus Berlin und lebst jetzt in Los Angeles. Habt ihr euch getroffen und zusammengearbeitet oder wie hat das funktioniert?

Wir haben uns in Berlin kennengelernt. Wir wurden einander vorgestellt, weil sie meinen Dokumentarfilm "Oma und Bella" angeblich super fand und ich fand ihre Serie "Deutschland 83" toll. Und von der ersten Sekunde an war da etwas. Ich lebe in Los Angeles, bin aber vor Corona-Zeiten oft in Berlin gewesen und wir haben uns regelmäßig zum Kaffeetrinken getroffen. Das hat sich dann entwickelt, bis wir gesagt haben: "Lass uns was zusammen machen!".

Ich habe viel gelernt beim Schauen der Serie. War das eins eurer Hauptanliegen, dass viele Menschen diese Einblicke in das Leben in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde bekommen und etwas lernen? Oder fandet ihr das Buch von Deborah Feldman auch einfach spannend und wolltet eine spannende Serie daraus machen?

© picture alliance/Christophe Gateau/dpa

Um ihre Geschichte geht es: Deborah Feldman in ihrem Wohnzimmer in Berlin

Ich glaube, es ist eher das zweitere. Wir fanden Deborahs Geschichte unglaublich. Unsere fiktionale Deborah heißt Esty und hat eine etwas andere Geschichte aber, würde ich sagen, im Kern die gleiche Bedeutung. Das war unser Hauptanliegen. Aber gleichzeitig war von Anfang an klar: Wenn wir uns in eine Welt begeben, von der wir selber nicht so viel wissen, dann müssen wir es richtig machen. Anna und ich sind zwar jüdisch, aber sicherlich nicht chassidisch und nicht orthodox.

"Wenn wir uns in eine fremde Welt begeben, dann müssen wir es richtig machen"

Der Sinn ist nicht, dass Leute etwas lernen. Dafür können sie lesen und Dokumentarfilme gucken. Aber uns war wichtig, dass wenn wir den Zuschauern schon Einblicke in eine andere Welt geben, dass diese Welt auch authentisch dargestellt wird. Aber ja, diese Frage zwischen guter Geschichte und authentischer Geschichte ist das, was Film immer macht. Es ist immer dieser Kompromiss zwischen authentisch und guter Geschichte. Und im Idealfall muss man da nie groß Kompromisse eingehen. Aber gleichzeitig muss man das schon.

Gibt es in der Arbeitswelt Dinge, die man sich als Deutsche oder Deutscher abschauen kann von den US-Amerikanern? Gerade in einer Stadt wie Los Angeles?

Diese Frage ist kompliziert. Das kommt natürlich mit dem Problem zusammen, dass Leute hier teilweise drei Jobs haben müssen, um irgendwie ein halbwegs normales Leben zu führen und selbst dann unter der Armutsgrenze sind. Aber was man sich vielleicht abschauen kann ist, dass man große Träume und Ideen haben kann. Es gibt Menschen, die fangen erst mit 50 an ihren ersten Film zu machen. Ich glaube, dass man hier doch träumen kann. Das finde ich sehr schön, dass man hier selten hört: "Das kriegst du nicht hin."

Ich glaube, dass die Leute sich hier für den Erfolg anderer freuen und helfen wollen und Teil davon sein wollen. Aber ich möchte nicht alle über einen Kamm scheren. Es ist nicht so, als ob es in Deutschland nirgendwo so wäre. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich glaube als Minderheit in der kreativen Industrie öffnen sich hier gerade Türen, die in Deutschland noch nicht offen sind. Wenn man sich das deutsche Fernsehen anschaut, ist es einfach noch nicht divers, weder vor noch hinter der Kamera. Es ist noch unheimlich weiß, noch unheimlich männlich. Das sind die Geschichten, die man erzählt. Da muss ich sagen, finde ich gerade hier einen besseren Platz.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!