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Wortwitz, Wortwahn: Die Wiederentdeckung des Johann Jakob Spreng | BR24

© Audio: BR / Bild: via Wikimedia Commons

Er zeigte sein Wörterbuch nur einmal kurz einem Bekannten, werkelte ansonsten aber still vor sich hin: Der Wörtersammler Spreng, dessen Glossarium nun wiederentdeckt wird. In den Buchläden liegt schon ein Best Of, im Winter kommt die Gesamtausgabe.

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Wortwitz, Wortwahn: Die Wiederentdeckung des Johann Jakob Spreng

Das darf als Glücksfall der Sprachgeschichte gelten: Ein Freak trägt den Wortschatz des 18. Jahrhunderts zusammen, zwei Freaks des 21. Jahrhunderts graben das Glossarium wieder aus. Nun erscheint eine erste "Auswahl vergessener Wortschönheiten".

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Von
  • Hendrik Heinze

Mit dem Wörterbuch des 21. Jahrhunderts würde man diesen Wörtersammler des 18. Jahrhunderts wohl einen Freak nennen: Johann Jakob Spreng, geboren 1699 in Basel, Theologe, Professor. Und von seiner großen Idee ganz besessen - oder: beseelt, das ist ja immer ein schmaler Grat.

Spreng will ein Wörterbuch erstellen, wie die Welt noch keines gesehen hat. Groß. Komplett. Nicht mit lateinischen, sondern mit deutschen Erklärtexten. Spreng will nichts verfaulwitzen und trägt zusammen, was er an Begriffen nur finden kann: aus Predigtsammlungen, Medizinvokabeln, alten Chroniken - jahrzehntelang macht er das, bis er selbst ganz pfoserachtig ist, runzelicht und schrumpficht.

"Ja, Freak finde ich ein gutes Wort", sagt Nicolas Fink, "denn bei Spreng merkt man schon: Der ist sehr begeistert von der Sprache und ihren Möglichkeiten. Und eine enorme Sammlernatur ist er auch, der wühlt sich wirklich durch sämtliche Texte."

durenbutzen, durigeln, Durstschlange, Dusel, Duttenbirne

Nicolas Fink ist angehender Germanist in Basel - und hat nun ein Buch herausgebracht, das Größe, Schönheit und Tragik der Basler Wörtersammlung schon im Namen trägt: "Unerhörte Auswahl vergessener Wortschönheiten aus Johann Jakob Sprengs gigantischem, im Archive gefundenen, seit 250 Jahren unveröffentlichten deutschen Wörterbuch." Denn Spreng konnte sein Glossarium zwar fertigstellen und rechtfertigen, also: von Fehlern säubern. Allein: Seine Crowdfunding-Kampagne war erfolglos, das Buch mit seinen fast 100.000 Einträgen wurde nie gedruckt. Es geriet in die Unibibliothek Basel und dort in Vergessenheit. Bis jetzt.

Struckeln, Strüdel, Strutzel, Stutzel,

tuckelbollen, Tuili, tülpen, Tüpfe - diese Wörter gibt es nun wieder. Nicolas Fink hat das Spannendste, Interessanteste, Absurdeste zusammengestellt, das Sprengs riesiges Manuskript-Konvolut zu bieten hat. Fink hat Wortschönheiten gefunden wie den Großoberältervater ("dritter Urahnherr; atavus"), die Dreusche ("plauderhaftes Weib, Kreischerinn") oder auch die Redewendung Arsch und Mond. Dahinter verbirgt sich der wohl erste Diss-Track der Battle Rap-Geschichte, ein Vers von Walther von der Vogelweide: Herr Walther ist das Korn, ihr seid die Spreu. Singet ihr eins, er singet dreu! Ihr seid so gleich wie Arsch und Mond, gelich als ars und mane.

"Ja, das finde ich einfach großartig, nicht", sagt der Schweizer Fink. "Wenn man sich abheben will von anderen, die eigene Qualität ins Zentrum bringen - das ist auch etwas, das Spreng ausmacht. Und nicht zufällig, dass er das ausgewählt hat."

© Verlag Das Kulturelle Gedächtnis

Der Verlag bewirbt das Buch als "Florilegium" - wir Gegenwartsmenschen würden wohl eher "Best Of" sagen...

Ein Wörterbuch bildet ja sein Zeitalter ab, das zeigt dieser Tage die Debatte um den Duden, bei dem nun zwischen Lehrer und Lehrerin unterschieden wird, wo früher nur vom Lehrer die Rede war. Im Falle Spreng tritt im Glossarium noch dazu der Charakter seines Verfassers zutage. Spreng wollte nicht nur das größte Wörterbuch schreiben, er hielt sich auch für den allergrößten Wörterbuchschreiber, Typ Stubengelehrter mit Selbstbewusstsein.

Wo er der Auffassung ist, er hat eine treffendere Eindeutschung eines Fremdwortes gefunden als irgendein anderer Stigelhupfer, da schreibt er das auch ganz schnabelräß dazu. Eben: Arsch und Mond. "Da hat er auch dieses Bissige, Giftige", sagt Herausgeber Fink, "da zeigt sich die Lust an der Polemik, am Streiten mit anderen." Spreng, der Wirseler?

"Ja, er war wohl schon eigenwillig", sagt auch Heinrich Löffler. Der Basler Professor hat Sprengs Manuskripte vor einigen Jahren wiederentdeckt und bereitet gerade seine eigene Publikation vor, die historisch-kritische Gesamtausgabe. Er ist auch der Auffassung, dass Spreng ein Kauz war. Vor allem aber, sagt Löffler, war er ein Sprach-Pionier des 18. Jahrhunderts, der an der Uni und mit seinem Wörterbuch das Lateinische zurückdrängen wollte.

Weiß noch jemand, was ein "Parsafant" ist?

"Spreng wollte der deutschen Sprache zum Durchbruch verhelfen", sagt Löffler, "da war er in guter Gesellschaft mit Johann Christoph Gottsched in Leipzig und Johann Jakob Bodmer in Zürich. Die drei waren alle etwa der selbe Jahrgang, geboren um 1700, das waren so Jungdreißiger, die die Sprachlandschaft aufmischen wollten.”

Des Hochlehrer Löfflers ganzer Spreng erscheint im Dezember im Schwabe Verlag, ganz klassisch auf Papier, sieben Bände, 500 Euro. Das vom Zuchtsohn, also Studenten Nicolas Fink herausgegebene Best Of liegt schon für 25 Euro im Buchladen - und eilt damit der Gesamtausgabe voraus als dessen Parsafant und Sendbote. Wer sich das kaufen mag, sei ermutigt und gewarnt: Man hat viel Spaß bei der Lektüre und zwackt manches auf, garrt und spricht hernach aber ein wenig wunderlich.

Nicolas Fink (Hrsg.): "Unerhörte Auswahl vergessener Wortschönheiten aus Johann Jakob Sprengs gigantischem, im Archive gefundenen, seit 250 Jahren unveröffentlichten deutschen Wörterbuch". Soeben erschienen im Verlag "Das Kulturelle Gedächtnis".

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