Bildrechte: BR/Susanne Schmiedleitner

Das Gewächshaus gehört hier eigentlich nicht her! Darin der Schriftzug eines Gedichts: Es soll die Vergänglichkeit des Lebens bewusst machen.

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"Unendlich still": Zeitgenössische Kunst auf Friedhöfen

Zeitgenössische Kunst will neue Einblicke in das Thema Tod und Leben ermöglichen. Das Kunstprojekt "Unendlich still" wird derzeit an sechs evangelischen Friedhöfen in Bayern präsentiert – unter anderem auf dem berühmten Nürnberger Johannisfriedhof.

Nicht gerade auf den ersten Blick sind die modernen Kunstwerke auf dem Johannisfriedhof zu entdecken: Installationen, Lichtobjekte oder auch Bilder in der Johanniskirche. In den Ästen eines Baumes versteckt sich zum Beispiel ein gelbglasierter Nistkasten aus Nymphenburger Porzellan, über 300 kleine filigrane Glöckchen auf dünnen Metallstäben stehen vor den Gräbern – ganz dezent. Oder Textilfahnen mit schemenhaft verschwommenen Bildern, die an alte schwarz-weiß Fotoabzüge erinnern, schwingen wie buddhistische Gebetsfahnen über den Gräbern.

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Kunst auf dem Friedhof: Ein gelbglasierter Nistkasten aus Nymphenburger Porzellan versteckt sind in einem Baum.

Herausforderung für Künstler

Insgesamt sieben Künstler zeigen ihre Arbeiten auf dem Johannisfriedhof. Jeder hat eigens für die Ausstellung ein neues Kunstwerk geschaffen. Einer von ihnen ist der Nürnberger Matthias Ströckel. Mit seinem Kunstwerk nimmt er Bezug auf den Tod, aber auch das Leben: Schatten und Licht.

Mit Neonlicht gegen die Dunkelheit

In einem handelsüblichen Gewächshaus hat Matthias Ströckel der Nürnberger Künstler auf der Rückseite eine Solarplatte installiert. Sie bringt im Innenraum einen Schriftzug zum Leuchten. Es ist die Zeile eines Gedichts von Dylan Thomas: "Do not go gentle into that good night." Es handelt von einem Sohn, der seinen sterbenden Vater dazu aufruft, um sein Leben zu kämpfen und nicht "gelassen in die gute Nacht zu gehen". Diese Lichtinstallation ist ein Aufruf, sich der Vergänglichkeit des Lebens bewusst zu machen und Verantwortung für das eigene Dasein zu übernehmen.

Trauer und Lebensfreude

Licht und Dunkel als Metapher um über Leben und Tod nachzudenken. Für Pfarrer Ulrich Willmer von St. Johannis öffnet das außergewöhnliche Kunstprojekt "Unendlich still" den Friedhof zu einem neuen Erfahrungsfeld. Viele der hier ausgestellten Kunstwerke sind als Metapher zu sehen, über das Leben wie den Tod nachzudenken.

Über 300 Glocken über den Gräbern

Über 300 filigrane Glöckchen an dünnen Stahlstangen montiert, stehen vor 300 Gräbern. Die Höhe variiert: Je länger der oder die Verstorbene tot ist, desto höher ist der Stab. Diese Installation will auf eine mögliche Reise der Seele verweisen. Mit Glocken, die an Totenglocken erinnern oder jene, die ein freudiges Ereignis ankündigen.

Augenzwinkernd gegen Totenkult

Die Künstler, die hier ausstellen, haben sich alle eingehend mit dem Johannisfriedhof befasst. Susanne Stiegeler nimmt in ihrer Arbeit auf Albrecht Dürer Bezug, dessen Grab auf dem Johannisfriedhof zu finden ist. Ihre Arbeit, die in der Johanniskirche hängt, bezieht sich auf das berühmte Selbstbildnis des Künstlers im Pelzrock. In einem goldenen Barockrahmen ist ein Stück Fell als eine Art Reliquie gerahmt, verziert mit zahlreichen Perlen.

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Textilfahnen mit schemenhaften Bildern, die an alte schwarz-weiß Fotoabzüge erinnern, schwingen wie buddhistische Gebetsfahnen über den Gräbern.

Positive Reaktionen

Drei Wochen hat es gedauert, bis alle Kunstwerke auf dem Johannisfriedhof installiert waren. Petra Scherschen, die hier das Grab ihrer Mutter pflegt, war mehr als überrascht, als neben dem Grab ein Teil der Glockeninstallation stand:

"Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass das Grab meiner Mutter ein Teil dieser Kunst ist." Reaktion auf die Kunstaktion

Vorträge, Führungen und Konzerte auf dem Friedhof

Bis zum 30. September kann jeder diese Kunst entdecken. Vielleicht ist es ein erster Schritt, dass Friedhöfe nicht nur als ein Ort der Trauer wahrgenommen werden. Ein Kunstprojekt, das hoffentlich weitergeht: Begleitend dazu gibt es Vorträge, Führungen und auch Konzerte – mitten auf dem Friedhof.

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